Antimikrobielle Resistenzen : Eine stille Pandemie
Rund um die Welt werden Gesundheits- und Entwicklungsbudgets gekürzt – und auch in Deutschland wird um jeden Euro im Haushalt 2026 gerungen. Dabei droht ein Thema unterzugehen, das leise, aber unaufhaltsam an Bedeutung gewinnt: antimikrobielle Resistenzen, warnt Ralf Sudbrak, Deputy Director des Global AMR R&D Hub in Berlin und Mitglied des Global Health Hub Germany im Standpunkt.
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Antimikrobielle Resistenzen, kurz AMR, entstehen, wenn Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten nicht mehr auf Medikamente reagieren, die ursprünglich gegen sie wirksam waren. Der Prozess ist zwar natürlich, wird jedoch durch den übermäßigen und unsachgemäßen Einsatz dieser Arzneimittel massiv beschleunigt. Die Folgen sind gravierend: Infektionen, die früher gut behandelbar waren, lassen sich immer schwerer eindämmen, Komplikationen häufen sich, die Zahl der Todesfälle steigt.
Schon heute sterben weltweit jährlich rund 1,14 Millionen Menschen direkt an bakteriellen Resistenzen; 4,71 Millionen Todesfälle stehen in indirektem Zusammenhang. Die Prognosen sind erschreckend: Ohne wirksame Gegenmaßnahmen könnten die jährlichen direkten AMR-bedingten Todesfälle bis 2050 auf bis zu 8,2 Millionen steigen – flankiert von weiteren 169 Millionen Todesfällen, bei denen Resistenzen eine Rolle spielen.
Die ökonomische Dimension ist ebenso dramatisch. Die Weltbank warnt, dass AMR schon bis 2030 Verluste von bis zu 3,4 Billionen US-Dollar pro Jahr verursachen könnte – eine Summe, die die Wirtschaftsleistung ganzer Regionen übersteigt. Demgegenüber liegen die Kosten für wirksame Gegenmaßnahmen im einstelligen Milliardenbereich pro Jahr. Wer zögert, handelt fahrlässig: Jede Investition in Prävention und Innovation spart ein Vielfaches und rettet Leben.
Deutschland bei Todesfällen vorne dabei
Europa ist keine Insel. Nach Schätzungen des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) sterben jährlich rund 35.000 Menschen in der EU an Infektionen mit resistenten Bakterien. Deutschland liegt mit fast 10.000 Todesfällen pro Jahr weit vorn. Besonders betroffen sind Intensivstationen, Pflegeheime und vulnerable Gruppen wie ältere Menschen oder chronisch Kranke. Hinzu kommt die Belastung für das Gesundheitssystem: längere Krankenhausaufenthalte, teurere Behandlungen und zusätzliche Pflegekosten. Schon heute entstehen allein in der EU jährliche Kosten von über einer Milliarde Euro durch resistente Infektionen.
Auch der Antibiotikaverbrauch zeigt Handlungsbedarf. In Deutschland wurden 2023 36,1 Millionen Packungen Antibiotika für die Humanmedizin verschrieben. Dieser hohe Antibiotikaverbrauch treibt die Resistenzbildung weiter voran, reduziert die Behandlungsmöglichkeiten und führt zu vermeidbaren Todesfällen.
Hinzu kommt eine geopolitische Ebene. Rund 80 Prozent der weltweit eingesetzten Antibiotika stammen aus China und Indien. Diese Abhängigkeit von wenigen Produzenten macht die Lieferketten anfällig. Eine nachhaltige Strategie muss deshalb nicht nur die Resistenzentwicklung bekämpfen, sondern auch die Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten sichern. Für Deutschland und Europa bedeutet das: in Produktionskapazitäten investieren, Abhängigkeiten verringern und strategische Vorräte aufbauen.
Investitionen rückläufig
Die WHO warnt, dass sich Antibiotikaresistenzen schneller entwickeln als die Fortschritte der modernen Medizin und so die weltweite Gesundheit bedrohen. Neben einer zurückhaltenden Verordnung der bereits vorhandenen Antibiotika werden dringend neue Wirkstoffe benötigt, welche in der Lage sind, bestehende Resistenzen zu überwinden. Die Daten des Global AMR R&D Hubs zeigen jedoch, dass Investitionen in Forschung und Entwicklung im Antibiotikabereich weltweit seit 2020 rückläufig sind.
Eine bessere strategische Ausrichtung der Finanzierungsprioritäten und kontinuierliche öffentliche wie private Investitionen werden entscheidend sein, um die Entwicklung wirksamer neuer Antibiotika sicherzustellen. Wir beobachten, dass ein Großteil der Mittel für die antibakterielle Forschung und Entwicklung über sogenannte Intermediäre oder globale Partnerschaften mit klar definierten Mandaten wie dem Combating Antibiotic-Resistant Bacteria Biopharmaceutical Accelerator (CARB-X) und der Global Antibiotic Research & Development Partnership (GARDP) bereitstellt wird.
Die erheblichen Beiträge dieser Organisationen sind für die Aufrechterhaltung der antibakteriellen Forschung und Entwicklung in einer Zeit fragiler Investitionen von entscheidender Bedeutung. Deutschland ist neben nur wenigen anderen Ländern einer der größten Förderer dieser Initiativen und einer der wichtigsten Geldgeber für antibakterielle Investitionen.
UN-Staaten lassen Verpflichtung zu wenig Taten folgen
Politisch bleibt das Problem aber trotz nationaler und internationaler Übereinkünfte und Vereinbarungen bisher zu wenig priorisiert. Auf der UN-Generalversammlung 2024 verpflichteten sich die Staaten, die Zahl der AMR-Todesfälle bis 2030 um zehn Prozent zu senken. Nun müssen den Ankündigungen auch Taten folgen. Es fehlt bisher aber an ausreichenden Budgets und verbindlicher Umsetzung.
Es gibt bewährte Modelle. Der Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria, den die Bundesregierung mit einer Milliarde Euro unterstützt, arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren in über hundert Ländern. Er finanziert die Diagnostik und Behandlung multiresistenter Tuberkulose, sichert den Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten und investiert in Prävention. Vor allem aber stärkt er die Gesundheitssysteme – Labore, Überwachung, Lieferketten und Fachkräfte.
Die Bedrohung durch antimikrobielle Resistenzen in dieser bewährten Struktur stärker zu verankern und von Deutschland weiter zu unterstützen, ist ein richtiger und wichtiger Schritt. Doch es braucht mehr als das: ein klares Bekenntnis zum weltweiten Kampf gegen die wachsende Gefahr durch resistente Erreger. Denkbar wäre ein Global Fund to Combat AMR – nach dem erfolgreichen Vorbild des bestehenden Fonds.
Deutschlands Rolle
Deutschland trägt hier eine doppelte Verantwortung: international – als G7- und G20-Mitglied, das bei der Diskussion globaler Gesundheitsrisiken maßgeblich mitentscheidet. Und national – weil eine alternde Gesellschaft besonders verletzlich gegenüber resistenten Infektionen ist und weil das Gesundheitssystem schon heute durch den hohen Antibiotikaverbrauch und steigende Infektionen belastet ist.
Die stille Pandemie ist längst Realität. Ob wir sie eindämmen, entscheidet sich nicht erst 2030 – sondern durch politisches Engagement und finanzielle Bekenntnisse heute. Die Bundesregierung hat es in der Hand, eine der größten Gesundheitskrisen dieses Jahrhunderts entschlossen zu bekämpfen.
Dr. Ralf Sudbrak ist Deputy Director des Global AMR R&D Hub in Berlin und Mitglied des Global Health Hub Germany.
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