Chronische Schmerzen : Krankenhausreform bedroht spezialisierte Schmerzmedizin
Die Krankenhausreform sieht für spezialisierte Schmerzmedizin keine eigene Leistungsgruppe vor. Dadurch drohten 40 Prozent der stationären Angebote wegzufallen, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin, Richard Ibrahim. Und eine überhastete Ambulantisierung gefährde die Versorgungsqualität für die fast fünf Millionen Betroffenen, warnt er anlässlich der heute beginnenden Deutschen Schmerz- und Palliativtage in Frankfurt.
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Chronische Schmerzen gehören zu den häufigsten und belastendsten Erkrankungen und führen oft zu Arbeitsunfähigkeit, Frühberentung, Pflegebedürftigkeit und hohem Versorgungsaufwand in anderen Sektoren. In Deutschland leben rund 23 Millionen Menschen mit chronischen Schmerzen, davon etwa 4,8 Millionen mit schweren, das Leben erheblich einschränkenden Verläufen.
Schmerzmedizin ist daher keine Nische, sondern zentrale Versorgungsaufgabe. Doch die Versorgungslage verschärft sich: Im Schnitt betreut ein spezialisierter Schmerzmediziner bis zu 1000 Patienten. Stationäre Einrichtungen berichten trotz voller Kapazitäten von langen Wartezeiten – ein deutlicher Hinweis auf strukturelle Unterversorgung. Dabei hat sich die interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie (IMST) stationär als wirksamste Behandlungsform etabliert. Sie verbindet ärztliche, psychologische, physio- und ergotherapeutische Ansätze strukturiert und verbessert die Lebensqualität der Betroffenen.
Keine eigene Leistungsgruppe vorgesehen
Die aktuelle Krankenhausreform mit ihrer leistungsgruppenbasierten Systematik sieht keine eigene Leistungsgruppe „Spezialisierte Schmerzmedizin“ vor, sondern weist schmerzmedizinische Leistungen fachfremden Gruppen wie Innerer Medizin oder Chirurgie zu. Diese Zuordnung erfüllt weder medizinische noch wirtschaftliche Anforderungen der IMST.
Für die Zuordnung zu chirurgischen Leistungsgruppen müssten Kliniken unnötige Strukturen wie OP-Säle, Intensivstationen und chirurgisches Personal vorhalten – ohne medizinischen Mehrwert, aber mit erheblichen Zusatzkosten. Viele Häuser halten dies wirtschaftlich nicht durch: Bis zu 40 Prozent der stationären Schmerzangebote drohen wegzufallen, einige Einrichtungen bereiten bereits Schließungen vor.
Ein Wegbrechen der stationären Versorgung bedeutet ein Anstieg der ambulanten Behandlungen. Bis 2027 sollen zahlreiche Eingriffe wie invasive Schmerztherapien an der Wirbeläule oder neuromodulative Schmerztherapien überwiegend ambulant erfolgen, mit einem stationären Aufenthalt von nur zwei bis drei Tagen.
Mehr Risiken als Chancen bei Ambulantisierung
Die ambulante Versorgung bietet durchaus Chancen, erfordert aber kluge Gestaltung für Schmerzpatienten. Ambulantisierung entlastet Kliniken, spart Kosten, reduziert Infektionsrisiken und fördert patientenzentrierte, wohnortnahe Versorgung – niedergelassene Praxen passen sich hier schneller an als große Kliniken.
Für chronische Schmerzpatienten überwiegen jedoch die Risiken. Frühzeitige Entlassungen erhöhen postoperative Komplikationen; nach ambulanten Eingriffen entwickeln bis zu sieben Prozent chronische Schmerzen – bei Risikogruppen deutlich mehr. Ältere oder alleinlebende Patientinnen erhalten zu Hause keine strukturierte Nachsorge, und 83 Prozent der Hausärztinnen berichten bereits über Mehrbelastung.
Die interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie ermöglicht stationär dagegen eine engmaschige Überwachung, koordinierte Medikamentenanpassung und psychologische Stabilisierung. Sie ist zugleich Prävention gegen Chronifizierung und Suizidalität – beide sind in dieser Patientengruppe überdurchschnittlich hoch.
Politik muss gesetzlichen Rahmen schaffen
In einem gemeinsamen Brandbrief fordern die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS), der Berufsverband der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin (BVSD), die Deutsche Schmerzgesellschaft und die Interdisziplinäre Gesellschaft für orthopädische/unfallchirurgische und allgemeine Schmerztherapie (IGOST) von den Abgeordneten im Gesundheitsausschuss die sofortige Aufnahme einer eigenständigen Leistungsgruppe „Spezielle Schmerzmedizin“ in die Krankenhausreform. Dies schafft Planungssicherheit für Länder und Kliniken, sichert den Zugang für 4,8 Millionen Betroffene und ermöglicht eine qualitätsorientierte Steuerung. Die Umsetzung ist unmittelbar möglich, da Strukturmerkmale bereits vorliegen.
Die DGS setzt auf sichere Versorgung durch effiziente, ärztlich gesteuerte Ressourcennutzung: Stationäre IMST als Kern der Schmerzmedizin, ergänzt durch ambulante Elemente in intersektoralen, unbürokratischen Konzepten mit fairer Vergütung. Fachfremde Leistungsgruppen und überhastete Ambulantisierung mindern die Qualität und schaden der Versorgung der Schmerzpatienten – Effizienz darf kein Synonym für Sparen sein.
Der Brandbrief war nur der Anfang. Gemeinsam mit unseren Partnern in der Schmerzmedizin setzen wir uns weiterhin für eine bestmögliche Versorgung unserer Patienten ein. Dafür werden wir bundesweit Stellung beziehen und den Dialog mit der Bundespolitik suchen – auch auf den bevorstehenden Schmerz- und Palliativtagen 2026. Leider ist bislang noch keine Vertreterin beziehungsweise kein Vertreter der Bundesregierung unserer Einladung gefolgt, um in den Austausch zu treten und an guten Lösungen zu arbeiten.
Dr. med. Richard Ibrahim ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin, Leiter des DGS-Landeszentrums Bayern, Facharzt für Orthopädie, Physikalische und Rehabilitative Medizin sowie Spezielle Schmerztherapie in München. Die Deutschen Schmerz- und Palliativtage 2026 finden von heute bis Samstag in Frankfurt/Main statt.
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