Enormes Einsparpotenzial : Präventionsstrategie für ein Land des langen Lebens
Eine konsequente Präventionsorientierung in der Gesundheitsversorgung und Pflege kann den anhaltenden Trend sich verringernder gesunder Lebensjahre in höherem Alter stoppen. Das schreiben Daniel Dettling von der Gesundheitsstadt Berlin und Karsten Knöppler von fbeta. Sie entlaste die sozialen Sicherungssysteme und den Arbeitsmarkt und führe zu einer Steigerung der Lebensqualität und des Wohlbefindens.
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In Deutschland hat sich die Zahl der sogenannten Healthy Life Years für Menschen ab 65 Jahren im Zeitraum von 2015 bis 2022 deutlich verringert. Für Frauen haben sich die gesunden Lebensjahre von 12,3 auf 8,6 Jahre und für Männer von 11,4 auf 8,2 Jahre verringert – eine klare Folge der mangelnden Präventionsorientierung des Gesundheitswesens. Im internationalen Vergleich findet sich Deutschland bei den Gesundheitsausgaben und der Anzahl der Arztbesuche weit oben, bei Digitalisierung und Gesundheit der Bevölkerung weit unten.
Das Vertrauen der Bevölkerung in die Gesundheitspolitik ist in den vergangenen fünf Jahren um die Hälfte gesunken. Der Zusammenhang zwischen den drei Trends ist evident: Es fehlt an einer Präventionsstrategie für eine Gesellschaft des langen Lebens. Diese Strategie sollte über den gesamten Lebenslauf reichen und alle beteiligten Akteure ansprechen und einbinden. Zudem sollte sie ein Gesundheitsverständnis zum Ausgang haben, das nicht erst reagiert, wenn es weh tut, sondern begeistert, bevor es krank macht.
Zugang und Struktur der Präventionsangebote nicht ausreichend
Das Potenzial für Prävention ist groß und wird bei Weitem nicht ausgeschöpft. Klassische Präventionsangebote werden hierzulande nur von jedem Fünften genutzt. Bestehende Kontaktpunkte im Gesundheitssystem werden bislang nicht konsequent zur Ansprache und Aktivierung genutzt. Auch fehlen in der Regel Übersicht und Navigation zu den verschiedensten Angeboten. Gerade weil sie in unterschiedlichen Sektoren finanziert und erbracht werden, ergibt sich in der Region oder den Bezirken selbst für Spezialisten, zum Beispiel Sozialarbeiter oder Fallmanager, kaum eine strukturierte Übersicht. Insgesamt zeigt sich eine deutliche Lücke zwischen vorhandenen Präventionsangeboten und ihrer tatsächlichen Inanspruchnahme.
Auch international hinkt Deutschland in der Prävention weit hinter anderen Ländern wie den USA und England zurück. Während die Disease-Management-Programme (DMP), unter anderem für Diabetes, zu den größten Versorgungsinitiativen zählen, sind in den vergangenen 15 Jahren in den USA und England Präventionsleitlinien und vor allem breit angelegte Präventionsprogramme zu einem elementaren Teil der Gesundheitsversorgung geworden. Sowohl in ihrer Entwicklung als auch in ihrer Umsetzung sind diese deutlich weiter fortgeschritten als in Deutschland. Zudem werden für den Zugang in die Prävention für bestimmte Lebensabschnitte und -situationen Präventionsketten aus den relevanten Angeboten aufgebaut, die den Bürgern einen leichten Einstieg und eine Navigation zum richtigen Angebot ermöglichen.
Chronische, vermeidbare Krankheiten kosten 330 Milliarden Euro
Das volkswirtschaftliche Potenzial ist enorm. Allein chronische Krankheiten kosten Deutschland rund 60 Prozent oder 330 Milliarden Euro und damit rund sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Metastudien belegen für die häufigsten chronischen Erkrankungen Fallvermeidungspotenziale und somit Kosteneinsparpotenziale von indikationsübergreifend 59 Prozent bei Chronikern und 42 Prozent bei Pflegebedürftigen. Diese sind durch Lebensstilinterventionen im Studiensetting nachgewiesen und adressieren eine oder mehrere der fünf Root Causes von chronischen Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit: Ernährung, Bewegung, psychische Gesundheit, Missbrauch und Gesundheitskompetenz.
Erfahrungen aus der ärztlichen Praxis deuten darauf hin, dass etwa 15 Prozent der Patient:innen zu wirksamen Lebensstilinterventionen leicht und nachhaltig aktiviert werden können. Schon mit dieser geringen Rate wäre bundesweit ein Kostenersparnis von über 40 Milliarden Euro im Jahr möglich – mehr als das aktuelle Sparpaket der Bundesregierung zur Sicherung der gesetzlichen Krankenversicherung.
Für eine Präventionsstrategie, national wie regional
Eine nationale Präventionsstrategie muss drei Zielgruppen in den Mittelpunkt stellen: (1) junge Familien, Kinder und junge Menschen, (2) Menschen mit chronischen Erkrankungen im erwerbsfähigen Alter sowie (3) ältere und pflegebedürftige Menschen. Angebote für diese kommen heute aus unterschiedlichen Bereichen wie dem ersten Gesundheitsmarkt, dem zweiten Gesundheitsmarkt sowie unter anderem den kommunalen Angeboten.
Aufgrund der unterschiedlichen Finanzierungslogiken von Kommunen, Sozialversicherung, Krankenversicherung, Pflegeversicherung sowie privatwirtschaftlichen Akteuren sind Bürger:innen mit einem kaum überschaubaren System an möglichen Angeboten und Zuständigkeiten konfrontiert. Zudem ist das Angebot möglicher Leistungen in Bezirk, Landkreis oder Land für die relevanten Zielgruppen zu wenig aufbereitet und zugänglich. Ein solcher Zugang und die Bündelung der zersplitterten Angebote zu Präventionsketten für spezifische Zielgruppen und Lebenssituationen haben sich international bewährt und werden überwiegend digital abgebildet.
Ein digitales Betriebssystem für alle Präventionsketten
Digitale Marktplätze und Plattformen können den Zugang zu präventiven, sozialen und sozialmedizinischen Angeboten sowie Angeboten der öffentlichen Gesundheit erleichtern und Präventionsketten abbilden: von den U-Untersuchungen im Kindesalter über die sozialmedizinische Begleitung im Jugendalter bis hin zu sozialen Einrichtungen, Ärzteschaft und Apotheken, Gesundheitsversorgung und Pflege. Diese verbinden wie ein digitales Betriebssystem die guten Einzelangebote der Region zu einem größeren Ganzen – zu Präventionsnetzwerken.
Sie erlaubt hier eine teambasierte, virtuelle Zusammenarbeit zwischen Anbietern verschiedener Fachrichtungen, Angehörigen und Betroffenen. Solche Systeme sind in der aktuellen Roadmap der Nationalen E-Health Infrastruktur und der Reformagenda Deutschlands bislang nicht vorgesehen. In anderen Ländern (u.a. Skandinavien) sind sie in Zusammenarbeit zwischen dem Gesundheitswesen und den Kommunen beziehungsweise Ländern längst umgesetzt.
Allianz aus Krankenkassen, Arbeitgebern und Kommunen
Die Finanzierung solcher regionaler und lokaler Plattformen ist überschaubar und kann aus einer Allianz aus Krankenkassen, Arbeitgebern und Kommunen sinnvoll getragen werden, wie internationale Beispiele zeigen. Diese stehen in der entsprechenden Verantwortung, profitieren von der finanziellen Entlastung am stärksten und haben hier maßgeblich Steuerungsmöglichkeiten. Der Bund könnte ein Bundesprogramm kommunaler Präventionssysteme und das dafür sinnvolle Betriebssystem anschubfinanzieren und so einen Wettbewerb der besten Präventionsstrategien initiieren. „Mehr Prävention, weniger Gesundheitsausgaben und mehr Lebensqualität und Vertrauen in die Politik“ lautet die neue Agenda auch in Deutschland.
Der Beitrag basiert auf einem Impulspapier des Vereins Gesundheitsstadt Berlin, das heute in Berlin vorgestellt wird und anschließend hier abrufbar sein wird.
Dr. Daniel Dettling ist Geschäftsführer des Gesundheitsstadt Berlin e. V.
Karsten Knöppler ist Geschäftsführer der fbeta GmbH.
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