Lungenkrebs-Screening in Deutschland : Richtige Entscheidung, entscheidende Umsetzung
Die Einführung des Lungenkrebs-Screenings mittels CT ist ein überfälliger Schritt zur Früherkennung einer der tödlichsten Krebserkrankungen. Experten sind sich angesichts der Studienlage und der Erfahrungen aus anderen Ländern einig. Allerdings ist bekanntlich „gut gedacht“ nicht automatisch auch „gut gemacht“. Felix Nensa und Christian Taube von der Universitätsmedizin Essen über die Vorteile der Regelung und noch zu nehmende Hürden bei der Implementierung.
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Erstmalig wurde am 18. Juni 2025 vom Gemeinsamen Bundesausschuss die Implementierung eines bevölkerungsbezogenen Lungenkrebs-Screenings beschlossen und damit ein echter Meilenstein gesetzt. Ehemalige und aktive starke Raucherinnen und Raucher zwischen 50 und 75 Jahren sollen künftig mittels Niedrigdosis-CT regelmäßig untersucht werden, um so die Lungenkrebssterblichkeit bei dieser Hochrisikogruppe durch frühzeitige Entdeckung nachhaltig zu senken.
Wie so oft, hinkt Deutschland mit dieser Entscheidung den USA und China hinterher, wo diese Programme längst etabliert sind. Allerdings befinden sich derzeit noch andere Länder in Europa ebenfalls in der Pilotphase für ein solches Screening-Programm.
In den USA, Italien und den Niederlanden konnte hingegen bereits eine signifikante Reduktion der Lungenkrebssterblichkeit (20 bis 39 Prozent) anhand von Studien zu den dortigen Screening-Programmen nachgewiesen werden. Ebenso konnte die Kosteneffektivität schon in europäischen Settings, konkret in Belgien, belegt werden. Die spätere Entscheidung bietet in Deutschland aber die Chance, aus den medizinischen und organisatorischen Erfahrungen anderer zu lernen und zudem das nationale Screening-Programm von Beginn an KI-unterstützt und „digital first“ zu gestalten.
Niederschwellig, barrierefrei und verlässlich
Internationale Programme zeigen oft eine niedrige Adhärenz über mehrere Screening-Runden. Nur etwa 30 bis 40 Prozent der Teilnehmer halten langfristig durch. Je niederschwelliger und finanziell barrierefreier das Angebot gestaltet ist, desto besser. Die Screening-Programme wirken zudem nur, wenn sie konsequent qualitätsgesichert und mit begleitender Prävention umgesetzt werden. Der Aufbau von Qualitätsstandards für die Niedrigdosis-Computertomografie, die Befundung, Dokumentation sowie strukturierte Nachsorge und Anbindung an Tumorboards ist aus medizinischer und organisatorischer Sicht die zentrale Herausforderung. Falsch-positive Befunde mit unnötigen Eingriffen und Überdiagnosen müssen schließlich vermieden werden.
Dafür stellt die Radiologie den zentralen Dreh- und Angelpunkt dar. In Australien gestalten deshalb auch Radiologen das Programm maßgeblich. Untersuchung, Befundung sowie die Kommunikation mit Patienten und Zuweisern – das alles fällt in ihren Aufgabenbereich. Radiologische Fachgesellschaften sind also gefordert, Leitlinien, Fortbildungen und zentrale Standards zu etablieren.
Digital first
KI und Datenanalyse sollten von Beginn an integrale Bestandteile des Programms sein, um es effizienter und sicherer zu machen. Denn durch die automatisierte Detektion und Quantifizierung von Lungenrundherden lässt sich die Befundungszeit reduzieren – entscheidender Vorteil angesichts des dauerhaften Personalmangels – bei gleichzeitiger Steigerung der Diagnosesicherheit. Es muss jedoch noch einen Schritt weitergedacht werden, denn genau das macht ein gutes Screening-Programm letztendlich aus. Entscheidend ist der richtige Umgang mit den Befunden. Zur Risikostratifizierung braucht es KI-Modelle, die individuelle Faktoren wie das Alter, Rauchverhalten, CT-Befunde und Biomarker kombinieren. Dazu bedarf es wiederum zentraler Dateninfrastrukturen. Sie sind essenziell für Monitoring, Qualitätssicherung und Forschung.
Für die Radiologie bietet sich gerade jetzt also die Chance zur aktiven Gestaltung, verbunden mit der Verpflichtung, Strukturen und Qualität zu sichern. Die Kombination aus moderner Bildgebung mit KI erhöht die Detektionsrate, kann Überdiagnosen vermeiden und ermöglicht den gezielten Einsatz ohnehin knapper Ressourcen. Deutschland könnte auf diese Weise sogar eine internationale Vorreiterrolle einnehmen.
Weiterversorgung braucht Struktur
Die Befundung – so fundamental wichtig sie zur erfolgreichen Einführung eines Screenings zweifelsohne auch ist – ist sozusagen die Vorderseite der Medaille, die Weiterversorgung ist die Rückseite. Was passiert konkret, wenn ein Befund auffällig ist? Für die qualitätskontrollierte diagnostische Abklärung sowie Behandlung der Menschen mit dem Nachweis hoch tumorverdächtiger Lungenherde gilt es, übergreifende Strukturen zwischen Radiologie, Pneumologie und Thoraxchirurgie zu schaffen. Noch gibt es hier starke regionale Unterschiede und die Finanzierung ist ebenfalls noch unklar.
Professor Felix Nensa ist Professor für Radiologie mit Schwerpunkt Künstlicher Intelligenz an der Universitätsmedizin Essen.
Professor Christian Taube ist Direktor der Klinik für Pneumologie der Universitätsmedizin Essen – Ruhrlandklinik.
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