Primärversorgung : Sie muss den Menschen dienen – nicht umgekehrt

Verena Bentele
Verena Bentele ist Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland Foto: VdK/Marlene Gawrisch

Beim geplanten Primärversorgungssystem müssen die Patientinnen und Patienten im Mittelpunkt stehen, schreibt Verena Bentele. Das müsse der Präsidentin des Sozialverbands VdK einhergehen mit dem Erhalt der freien Arztwahl, verlässlichen und barrierefreien Lösungen für chronisch kranke Menschen und Menschen mit Behinderungen, einer funktionierenden Termingarantie, einer barrierefreien und freiwilligen Digitalisierung sowie einer Reform der ärztlichen Vergütung.

von Verena Bentele, Sozialverband VdK

veröffentlicht am

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Im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD ist die Einführung eines verbindlichen Primärarztsystems vorgesehen. Haus- und Kinderärzte sollen künftig grundsätzlich den medizinischen Bedarf für einen Facharzttermin feststellen und festlegen, in welchem Zeitraum dieser erforderlich ist. Die Kassenärztlichen Vereinigungen sollen entsprechende Facharzttermine vermitteln. Ausnahmen sind unter anderem für Augenärzte und Gynäkologen vorgesehen.

Als VdK-Präsidentin begleite ich diesen Prozess seit Monaten intensiv, in Fachgesprächen, im Austausch mit Abgeordneten und gemeinsam mit anderen Patientenorganisationen. Meine Position ist dabei klar: Ja, zu mehr Orientierung und einer besseren Steuerung im Gesundheitssystem. Ja, zur Überwindung von Schnittstellenproblemen zwischen Hausärzten, Fachärzten und Apotheken. Zusätzliche Hürden für Patientinnen und Patienten lehne ich jedoch ab, insbesondere für diejenigen, die aufgrund ihres Alters, ihrer Erkrankung oder ihrer sozialen Situation ohnehin Schwierigkeiten haben, sich im Gesundheitssystem zurechtzufinden.

Ein neues System darf keine neuen Hürden schaffen und notwendige Versorgung erschweren oder verzögern.

Patientenzentrierung statt Gatekeeping

Mir ist wichtig, dass wir über eine patientenzentrierte Primärversorgung sprechen und nicht über ein Gatekeeper- oder Primärarztsystem. Das ist keine Frage der Begrifflichkeit. Es geht um eine grundlegende politische Entscheidung: Steht der Mensch im Mittelpunkt oder die Logik des Systems?

Ich unterstütze ausdrücklich, dass die Hausarztpraxis als Lotsin fungiert und regelhaft die erste Anlaufstelle ist. Dort bestehen über Jahre gewachsene, vertrauensvolle Beziehungen zwischen Patientinnen und Patienten und ihren Hausärztinnen und Hausärzten. Diese Beziehungen sollten wir stärken, statt sie durch zusätzliche Zugangshürden wie eine verpflichtende digitale oder telefonische Ersteinschätzung zu verkomplizieren.

Für die Akzeptanz eines solchen Systems muss klar sein: Die freie Arztwahl ist ein hohes und schützenswertes Gut. Besteht kein Vertrauensverhältnis, muss selbstverständlich auch ein Wechsel der Hausarztpraxis möglich sein.

Ein neues System sollte durch Qualität und echte Vorteile überzeugen – etwa bessere Terminverfügbarkeit oder zusätzliche Abendsprechstunden – statt Patientinnen und Patienten über bürokratische Vorgaben zu binden. Die Hausarztpraxis sollte auf freiwilliger Basis zur koordinierenden Instanz werden und die Versorgung individuell verbessern, Wartezeiten in dringenden Fällen verkürzen und wichtige Informationen an die richtige Stelle bringen.

Klare Kante gegen Sanktionen und Zuzahlungen

Ich lehne finanzielle Nachteile für Versicherte, die sich für einen direkten Facharztbesuch entscheiden, entschieden ab. Solche Sanktionen würden vor allem Menschen mit geringem Einkommen treffen. Zuzahlungen und Praxisgebühren haben keine überzeugende Steuerungswirkung gezeigt, können soziale Ungleichheiten verstärken und verursachen zusätzlichen bürokratischen Aufwand. Ein System, in dem man sich Termine kaufen kann, widerspricht dem Anspruch, dass Menschen mit dringendem medizinischem Bedarf schneller einen Termin erhalten.

Besonders am Herzen liegt mir die Situation von Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen. Für sie sollte die bereits behandelnde Facharztpraxis die koordinierende Funktion übernehmen können. Möglich sein sollten dabei auch Dauerüberweisungen und Jahresrezepte, die tatsächlich nutzbar sind, ohne dass wirtschaftliche Vorgaben dem entgegenstehen. Das ist keine Randfrage: Rund die Hälfte der Menschen in Deutschland lebt mit einer chronischen Erkrankung, etwa zehn Prozent haben eine Schwerbehinderung.

Ländliche Versorgung und Digitalisierung mitdenken

Ein Primärversorgungssystem funktioniert nur, wenn vor Ort genügend Ärztinnen und Ärzte verfügbar sind. Gerade in Regionen mit Hausarztmangel braucht es kluge Lösungen und mehr Möglichkeiten für junge Ärztinnen und Ärzte, sich für die Tätigkeit in der Hausarztpraxis zu entscheiden.

Viele häufige Arztkontakte liegen aus meiner Sicht ohnehin nicht an vermeintlichem „Ärztehopping“, sondern an strukturellen Problemen. Dazu gehört eine Abrechnungslogik, die chronisch kranke Menschen für Folgerezepte zu wiederholten Praxisbesuchen zwingt, statt Jahresrezepte zu ermöglichen.

Eine Pflicht zur digitalen Ersteinschätzung lehne ich ab. Telefonischer Kontakt und der direkte Praxisbesuch müssen gleichwertig erhalten bleiben. Digitale Werkzeuge wie Ersteinschätzungstools, die elektronische Patientenakte oder Telemedizin unterstütze ich, wenn sie zusätzliche Möglichkeiten bieten und nicht die einzige Alternative sind. Sie müssen durchgehend barrierefrei gestaltet sein. Auch physische Barrieren wie fehlende Aufzüge und kommunikative Barrieren wie fehlende Angebote in Leichter Sprache müssen abgebaut werden.

Was eine gute Reform braucht

Gemeinsam mit den anderen maßgeblichen Patientenorganisationen haben wir sieben Leitlinien formuliert, an denen sich die Reform messen lassen muss. Die Versorgung muss gemeinwohlorientiert statt gewinnorientiert sein, sich am individuellen Bedarf orientieren und chronisch kranke Menschen besonders berücksichtigen. Sie muss stärker in kommunale und soziale Strukturen eingebettet sein, transparente und überprüfbare Qualität bieten und digital sowie sektorenübergreifend vernetzt sein. Auch den Sicherstellungsauftrag müssen wir neu denken. Und die Reform selbst muss unabhängig und kontinuierlich evaluiert werden. Dabei gehört die Patientenvertretung von Anfang an mit an den Tisch.

Konkret brauchen wir ein Transparenzportal zur Versorgungsqualität und eine verbindliche Anbindung kommerzieller Terminvermittler an die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen. Wird eine zugesagte Termingarantie nicht eingehalten, muss zeitnah eine ambulante Behandlung im Krankenhaus ermöglicht werden.

Und nicht zuletzt müssen wir über die Vergütung sprechen. Das heutige Honorarsystem setzt vielfach die falschen Anreize: Es belohnt einzelne Leistungen, aber nicht ausreichend die Zeit, die eine gute und koordinierte Betreuung braucht.

Bessere Versorgung der Patienten als Ziel

Ich setze mich für eine besser koordinierte, patientenzentrierte Versorgung ein. Maßgeblich müssen immer das Wohl der Patientinnen und Patienten und eine bessere Versorgung sein. Ein System muss durch Vertrauen, schnelle Termine in dringenden Fällen und eine hohe Versorgungssicherheit überzeugen – ohne Vorteile für Menschen mit besseren finanziellen Möglichkeiten.

Meine Zustimmung zu dieser Reform hängt an klaren Bedingungen: dem Erhalt der freien Arztwahl, verlässlichen und barrierefreien Lösungen für chronisch kranke Menschen und Menschen mit Behinderungen, einer funktionierenden Termingarantie, einer barrierefreien und freiwilligen Digitalisierung sowie einer Reform der ärztlichen Vergütung. Für diese Bedingungen werde ich mich in den kommenden Monaten mit ganzer Kraft einsetzen.

Verena Bentele ist Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, dem größten deutschen Sozialverband. Damit vertritt sie die sozialpolitischen Interessen von über 2,3 Millionen Mitgliedern. Von 2014 bis 2018 war sie Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen.

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