Reformen im Gesundheitssystem : Orientierung für Patient:innen als Systemaufgabe
Unser Gesundheitssystem ist ein undurchdringlicher Dschungel. So wird es jedenfalls von 80 Prozent der Menschen in Deutschland wahrgenommen – und das ist ein Problem, schreibt Mark Dominik Alscher. Er ist Geschäftsführer beim Bosch Health Campus. Um Patient:innen bei der Orientierung zu unterstützen, sei die Stärkung der Primärversorgung ein erster Schritt. Sie müsse aber mit weiteren Maßnahmen verzahnt werden, vor allem mit klaren Steuerungsmechanismen entlang der gesamten Versorgungskette.
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Vier von fünf Personen haben Schwierigkeiten, sich im Gesundheitssystem zurechtzufinden. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie zur Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland (HLS-GER3). Zwar hat sich die allgemeine Gesundheitskompetenz in den vergangenen fünf Jahren leicht verbessert. Im absoluten Maßstab bleibt sie jedoch erschreckend niedrig. Über die Hälfte der Bevölkerung berichtet weiterhin von Schwierigkeiten im Umgang mit Gesundheitsinformationen. Besonders schlecht ausgeprägt ist die sogenannte navigationale Gesundheitskompetenz: Viele Menschen wissen nicht, wohin sie sich mit einem gesundheitlichen Problem wenden sollen, welche Rechte sie haben oder welche seriösen Unterstützungsangebote es gibt.
Besorgniserregend ist dabei auch die soziale Schieflage. Die Daten zeigen: Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status und Menschen mit chronischen Erkrankungen sind deutlich stärker betroffen. Die Schere zwischen privilegierten und benachteiligten Gruppen geht weiter auseinander. Das ist kein individuelles Versagen, sondern ein Ausdruck struktureller Überforderung. Wer ohnehin mit finanziellen Sorgen, prekären Arbeitsbedingungen oder einer chronischen Erkrankung lebt, hat schlicht weniger Ressourcen, um sich zusätzlich durch ein hochkomplexes, fragmentiertes und bürokratisiertes Gesundheitssystem zu kämpfen.
Fehlende Orientierung legt Defizite des Systems offen
Zudem verdeutlichen die Zahlen, dass Gesundheitskompetenz keine Bringschuld der Patient:innen ist. Es geht nicht nur um individuelle Fähigkeiten, sondern ebenso um die Frage, wie verständlich, zugänglich und unterstützend das System selbst gestaltet ist. Ein Gesundheitswesen, in dem sich große Teile der Bevölkerung nicht orientieren können, ist offensichtlich nicht an Patientenbedürfnissen ausgerichtet. Oder anders gesagt: Schlechte navigationale Gesundheitskompetenz ist auch ein Spiegel eines schlecht navigierbaren Systems.
Diese Überkomplexität hat reale Folgen für die Versorgung. Menschen suchen Hilfe an der falschen Stelle, zu spät oder gar nicht. In Notaufnahmen häufen sich einerseits Bagatellen, während andererseits Patient:innen mit schwerwiegenden Erkrankungen zu lange warten, bevor sie medizinische Hilfe aufsuchen.
Zugleich beobachten wir immer mehr Menschen, die Dr. Google oder Praxis ChatGPT konsultieren, weil sie keinen ausreichenden Zugang zum formalen System finden und diesen digitalen Lösungen teilweise mehr vertrauen, als der medizinischen Fachkraft. Das zeigt übrigens auch: Ein Großteil der Bürger:innen hat die digitale Transformation längst vollzogen, während das Gesundheitswesen in den letzten Jahren Möglichkeiten verschlafen und Innovation durch Überregulierung gebremst hat.
Dabei können und müssen digitale Lösungen eine Schlüsselrolle spielen, wenn wir das System effizient, bezahlbar und übersichtlich gestalten wollen. Digitale Ersteinschätzung, Terminsteuerung oder koordinierte Versorgungspläne können sinnvolle Elemente von Versorgungspfaden darstellen, wenn sie verständlich und einfach zu bedienen sind. Dabei dürfen wir nicht versäumen, die Menschen durch Aufklärungs- und Schulungsangebote mitzunehmen: Navigationale und digitale Gesundheitskompetenz gehören untrennbar zusammen.
Stärkung von Primärversorgung und Gesundheitsberufen
Aber auch außerhalb der digitalen Sphäre muss klar sein, wohin man sich mit einem gesundheitlichen Problem wenden kann. Die politisch gewollte Stärkung der Primärversorgung mit einem Fokus auf Prävention ist deshalb grundsätzlich richtig. Internationale Erfahrungen zeigen: Ein starkes Primärversorgungssystem kann Zugänge strukturieren, Kontinuität sichern und Qualität verbessern.
Doch Primärversorgung allein ist kein Selbstläufer. Sie kann ihre steuernde Funktion nur entfalten, wenn weitere Stellschrauben auf das übergeordnete Ziel eines sinnvoll strukturierten, patientenzentrierten und wirtschaftlich effizienten Systems ausgerichtet werden. Neben dem Einsatz digitaler Werkzeuge gehört dazu eine stärkere Ausdifferenzierung bei den Gesundheitsberufen mit erweiterten Verantwortlichkeiten.
So können Hausärzt:innen beispielsweise von Physician Assistants entlastet werden, während Community Health Nurses Koordinierungsfunktionen übernehmen können. Allerdings dürfen Lotsenmodelle nicht zur Dauerkrücke werden, weil das System unübersichtlich bleibt. Ziel muss es sein, den Dschungel zu lichten – nicht nur zusätzliche Wegweiser aufzustellen.
Gesundheitskompetenz als Voraussetzung
All diese Gedanken sind keineswegs neu. Der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz liefert seit Jahren eine klare Agenda: Gesundheitskompetenz muss systematisch, langfristig und auf allen Ebenen gestärkt werden – in Bildung, Versorgung, Verwaltung und Digitalisierung. Denn Gesundheitskompetenz ist kein „nice to have“, sondern eine Voraussetzung für Versorgungsqualität, Effizienz und Akzeptanz von Reformen. Gleichwohl fehlt es noch immer an konsequenter Umsetzung und verbindlicher Verantwortung.
Die aktuelle Finanzdebatte im Gesundheitswesen sollte deshalb als Weckruf verstanden werden. Wenn wir weiterhin primär über Geld sprechen, ohne Strukturen zu verändern, werden die Zusatzbeiträge noch weiter steigen und die Frustration der Bürgerinnen und Bürger noch mehr wachsen. Darauf lässt sich kein zukunftsfähiges System aufbauen. Es muss vielmehr auf einer starken Primärversorgung, neuen professionellen Rollen und digitaler Unterstützung basieren. Und genauso muss es ernst nehmen, dass es nicht die Aufgabe der Patient:innen ist, ein überkomplexes System zu verstehen. Es ist Aufgabe der Politik und der Akteure im Gesundheitswesen, dieses System endlich verständlich, zugänglich und menschenorientiert zu gestalten.
Prof. Dr. med. Mark Dominik Alscher ist Geschäftsführer bei der Bosch Health Campus GmbH.
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