Open-Source-Strategie : Unser Gesundheitssystem leidet an seiner Software
Offene Software, offene Daten, offene Zusammenarbeit – das sind keine Spielereien für IT-Nerds, sondern Überlebensfragen für unser Gesundheitswesen, schreibt Christian Elsner, Partner im Bereich Transformation mit Fokus auf Gesundheitsversorger und IT-Innovationen bei PwC Deutschland. Im Standpunkt beschreibt er, wie Deutschland diesen Wandel angehen sollte und warum dies von Vorteil wäre.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Unser Gesundheitssystem ringt nach Luft – und es ist nicht etwa ein Virus, der ihm die Luft nimmt, sondern seine eigene Software. In Krankenhäusern und Praxen dominieren seit Jahrzehnten geschlossene Architekturen und digitale Monolithen mit abgeschotteten Datenbasen. Diese geschlossenen Softwaresilos haben sich zu regelrechten Innovationsbremsen entwickelt. Moderne medizinische KI-Anwendungen stehen Schlange, doch die alten Systeme lassen sie kaum herein. CIO-Befragungen zeigen, dass nur ein Bruchteil der Häuser ihr Krankenhausinformationssystem für KI-fähig hält und geschlossene Systeme gelten als wichtigste Barriere für klinische KI-Projekte.
Die Folge von zu viel proprietärer Software – der digitale Lockdown: Ärzte und Pflegekräfte verbringen unzählige Stunden im Zugangs-Dschungel statt bei den Patienten. Informationen, die eigentlich sekundenschnell fließen könnten, stecken in Datensilos fest. Bei einer schweren Sepsis müssten im Idealfall sofort alle relevanten Vitaldaten, Laborwerte und Medikationspläne automatisch zusammenlaufen, um das Team binnen Sekunden zu leiten. In der Realität jedoch oft ein Ding der Unmöglichkeit, wenn verschiedene Insellösungen nicht miteinander sprechen.
Kliniken sind gezwungen, auf Software-Updates zu warten, während agilere Wettbewerber mit offenen Plattformen bereits neue Lösungen einsetzen. Manche Anbieter dominieren die Daten und Prozesse ihrer Kunden, sie monetarisieren Datenkontrolle – zum Schaden der Allgemeinheit. Dieser Systemfehler erstickt den Innovationsgeist: Wenn jede Schnittstelle zum Kampf wird, verlieren auch motivierte IT-Teams irgendwann die Lust.
Offene Infrastruktur: Resilienz, Tempo, Skalierung
Die Gegenbewegung formiert sich unter dem Banner von Open Source und offenen Standards. Statt proprietärer Monokulturen setzen Vordenker auf offene Ökosysteme, in denen Software-Anbieter, Start-ups und Kliniken gemeinsam Innovation vorantreiben. Offene Plattformen bieten mehr Flexibilität, optimierte Abläufe und schnellere Innovation – sie ermöglichen klinische Exzellenz und operative Effizienz zugleich. Im internationalen Netzwerk sieht man mehrere führende europäische Universitätskliniken wie das Karolinska University Hospital in Schweden oder das Universitätsspital Basel in der Schweiz, die bereits auf offene Datenplattformen nach dem openEHR-Standard setzen.
Diese Offenheit zahlt sich auch in Krisenzeiten aus. Resilienz heißt das Stichwort: Was tun, wenn morgen ein Cyberangriff oder Stromausfall die Klinik-IT lahmlegt? Proprietäre Systeme wären auf einen Schlag blind – ein einziger Fehlerpunkt, der das ganze Haus gefährdet. Dezentrale Ansätze dagegen können sicherstellen, dass die Versorgung weiterläuft, selbst wenn die Zentrale versagt.
Ein Konzept namens „Resilient Care“, skizziert etwa mobile KI-Assistenten, die auf jedem Klinikgerät auch offline funktionieren. Echte Resilienz entsteht, wenn wir Abhängigkeiten reduzieren – durch robuste, offene Technologien, die im Zweifel auch verteilt funktionieren. Offenheit bedeutet zudem Skalierbarkeit. Eine offene Plattformarchitektur wächst organisch mit ihren Aufgaben: Je mehr Kliniken, Entwickler und KI-Agenten sich anschließen, desto größer der Nutzen für alle.
Wir sollten die Angst vor dem offenen Austausch aus der Gesundheitsbranche vertreiben. Der offene Systemaustausch und Hackathons sind Mittel, um den Reformstau aufzubrechen. Wenn die etablierten Player nicht in die Pötte kommen, dann holen wir uns eben frische Ideen von außen – so die Botschaft.
Angst vor Fehlern: Verspielt Deutschland seine Chancen?
Doch genau hier lauert ein gesellschaftliches Dilemma: Deutschland ist Innovationsland und Bedenkenträger-Nation zugleich. Gerade im Gesundheitswesen scheint die Angst vor Fehlern allgegenwärtig. Man fürchtet sich vor Datenschutzproblemen, vor Haftungsrisiken, vor allem Neuen, das nicht bis zur letzten Kommastelle geregelt ist. Während andere Länder mutig Experimente wagen, verzetteln wir uns in Paragraphen. Statt unsere Stärke – das hohe Niveau – als Sprungbrett für Innovation zu nutzen, klammern wir uns an das Altbewährte und überlassen mutigeren Ländern das Feld.
Natürlich: Qualität und Sicherheit sind im Gesundheitswesen nicht verhandelbar. Doch Qualität entsteht nicht durch Stillstand, sondern durch kontrolliertes Ausprobieren, Lernen, Verbessern. Andere Gesundheitssysteme zeigen, dass regulatorische Flexibilität und Innovationsfreude kein Widerspruch zu Patientenschutz sein müssen. Im Gegenteil: Wer neue Technologien früh erprobt, kann auch früh ihre Schwachstellen erkennen und beheben. Innovationskultur heißt eben auch Fehlerkultur. Fail fast, learn fast – ein Motto, das dringend Schule machen müsste, wenn wir im digitalen Wettrennen nicht zurückfallen wollen.
Datenhoheit: Die Daten gehören dem Patienten
Am Ende läuft alles auf eine simple Frage hinaus: Wem gehören die Gesundheitsdaten und das medizinische Wissen? Die Antwort kann nur lauten: dem Patienten und der Allgemeinheit. Geheimniskrämerei schadet der Wissenschaft und den Patienten. Medizinischer Fortschritt gedeiht nur auf dem Boden von Transparenz und Reproduzierbarkeit.
Wenn ein KI-Modell für die Krebsdiagnose gehypt wird, aber keiner nachvollziehen kann, wie es zu seinen Ergebnissen kommt, dann ist das nichts als Marketing. Wissenschaft lebt von Nachprüfbarkeit. Nur wenn unabhängige Forscher mit den veröffentlichten Daten, Modellen und Codes die gleichen Ergebnisse erzielen können, entsteht Vertrauen.
Doch es geht nicht nur um akademische Prinzipien, sondern um ganz praktische Risiken. Black-Box-Algorithmen in der Medizin können Fehler machen – das ist unvermeidlich. Ein offenes KI-Ökosystem fördert die Zusammenarbeit vieler Augen und Köpfe: Fehler werden schneller gefunden, Sicherheitslücken geschlossen, Bias aufgedeckt. Open source und open data bedeutet hier nicht Hippie-Ideologie, sondern Qualitätsmanagement durch Community.
Es geht um digitale Souveränität – für Ärzte, für Krankenhäuser, für uns alle. EU-Initiativen wie der European Health Data Space oder der AI Act zielen genau darauf ab, Datenzugang und Transparenz zu verbessern. Doch Gesetze allein reichen nicht, wenn die Kultur nicht mitzieht. Wir brauchen ein Umdenken in den Köpfen: Weg von der Besitzstandswahrung, hin zu echter Daten-Sharing-Mentalität. Die Daten gehören dem Patienten – nicht dem System.
Öffnet die Fenster, bevor die Luft ausgeht
Die Fenster im digitalen Krankenhaus müssen weit aufgerissen werden, damit frische Innovationsluft hereinströmt. Offene Software, offene Daten, offene Zusammenarbeit – das sind keine Spielereien für IT-Nerds, sondern Überlebensfragen für unser Gesundheitswesen. Die Daten und der Fortschritt gehören in die Hände derer, die davon profitieren – und das sind wir alle. Wenn wir begreifen, dass Offenheit kein Risiko, sondern die Rettung unseres Gesundheitswesens ist, dann lösen sich die Fesseln wie von selbst.
Dr. Christian Elsner ist Partner im Bereich Transformation mit Fokus auf Gesundheitsversorger und IT-Innovationen bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Deutschland. Der studierte Mediziner und Molekularbiologe ist zudem Wegbereiter der Healthcare Hackathons in Deutschland und war zuvor in der Geschäftsführung von zwei Unikliniken tätig.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden