Resilientes Gesundheitssystem : Vernetztes Handeln statt Mikromanagement
Die Welt ist in den vergangenen Jahren fragiler und unberechenbarer geworden, schreibt Andreas Meusch, Senior Advisor bei der Beratungsagentur Beust & Collegen, in seinem Standpunkt. Krisen würden nicht isoliert auftreten, sondern sich gegenseitig überlagern und verstärken. Für die Gesundheitssysteme in Europa bedeutete das: Sie müssten weit mehr leisten, als Pandemien abzuwehren oder den demografischen Wandel zu bewältigen.
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Die aktuellen Diskussionen um die Krankenhausreform zeigen, wie wenig vernetzt das Denken in der Gesundheitspolitik ist. Wir diskutieren die Erreichbarkeit von Kliniken, ohne mitzudenken, dass der Rettungsdienst verbessert werden muss. Rettungsdienst- und Notfallgesetz kommen später dran. Dass unsere Rettungshubschrauber häufig nur als Taxis für Notärzte bei guten Sichtverhältnissen genutzt werden, wird in der aktuellen Diskussion kaum diskutiert. Wir gehen die Probleme zu häufig analog an, wenn die VUCA-Welt vernetztes Denken und Resilienz fordert. VUCA, das ist die Kurzformel für eine Welt der Instabilität und Unbeständigkeit (volatility), der Unsicherheit (uncertainty), der Komplexität (complexity) sowie der Mehrdeutigkeit (Ambiguity).
Die Zeitenwende ist ein Faktor in der VUCA-Welt. Sie erfordert bei gesundheitspolitischen Entscheidungen, die sicherheitspolitische Dimension mitzudenken. Die Bundeswehr tut dies unter anderem mit einem Symposium „Gesundheitsversorgung in der Landesverteidigung“, zu dem der zuständige Befehlshaber am 2. Juni 2025 rund 200 zivile und militärische Akteure verschiedener Ressorts, Vertreter aus der Bundes- und Landespolitik, von Hilfsorganisationen und aus dem Gesundheitssystem nach Berlin für einen Auftakt eingeladen hatte. Thema: Wie kann das Gesundheitssystem die Herausforderungen der Bündnis- und Landesverteidigung meistern. Das war nicht nur eine Einladung zum Dialog, das war auch eine Aufforderung zu Handeln.
Bündnis- und Landesverteidigung sind notwendig
Wie hat die politische Zeitenwende und der Impuls aus der Bundeswehr die Diskussion über die Krankenhausreform verändert? Nach Einschätzung des Autors: gar nicht. So sinnvoll es ist, auf Veranstaltungen wie dem Gesundheitswirtschaftskongress in Hamburg das Thema zu diskutieren: Es braucht eine konzertierte Kraftanstrengung, das Gesundheitssystem resilient auch für den militärischen Ernstfall zu machen.
Bei der Krankenhausreform betrifft dies besonders die Krankenhausplanung. Es wäre unverantwortlich, im ersten Schritt mit Mitteln des schuldenfinanzierten Transformationsfonds Kapazitäten abzubauen, um sie anschließend mit schuldenfinanzierten Mitteln aus dem Verteidigungshaushalt wieder aufzubauen, weil sie in der Bündnis- und Landesverteidigung notwendig sind. Entscheidend wird sein, die Krankenhausreform konsequent umzusetzen und gleichzeitig das zu tun, was die Sicherheitslage erfordert.
Resilienz als Leitkonzept
Die militärische Bedrohungslage erfordert aber kein Umdenken in allen relevanten Fragen. Ein Beispiel: Cybersicherheit: Das Thema verdient hohe Priorität, selbst wenn es die militärische Bedrohung nicht gäbe. Ob kriminelle Geldgier oder hybride Kriegführung die Ursache sind: Wir müssen hohe Summen in die digitale Sicherheit investieren. Die vorhandenen Erfahrungen und die zur Verfügung stehenden Geldmittel für zivile und militärische Maßnahmen zur Cybersicherheit sinnvoll zu verbinden, das ist eine Managementaufgabe.
Was wir an strategischen Aufgaben vor uns haben, ist mit dem Konzept der Resilienz wie es der Sachverständigenrat Gesundheit 2023 beschrieben hat, bereits bedacht. Ob Pandemien, Klimawandel oder militärische Konflikte: Wir müssen besser vorbereitet sein als bei der Corona-Pandemie oder bei der Ahrtal-Flut. Der im SVR-Gesundheit-Gutachten beschriebenen Handlungsansatz „Health-in-all-Policies“ zusammen mit dem Konzept, alle Bedrohungen umfassend zu bedenken (all hazards) ist sinnvoll, selbst wenn Putin morgen ins Kloster gehen sollte.
Resilienz als gesamtgesellschaftliches Projekt
Die Resilienz der Gesellschaft und ihres Gesundheitssystems kann durch gesetzliche Rahmenbedingungen und finanzielle Ressourcen allein nicht hergestellt werden, es ist ein Mitmach-Programm für die ganze Gesellschaft, bei dem die Politik die relevanten Impulse setzen muss. Deshalb war es konsequent, dass in der vergangenen Legislaturperiode der Expertinnenrat „Gesundheit und Resilienz“ beim Bundeskanzleramt angesiedelt war. Der Beirat ist formal noch im Amt, der Bedarf, die Gesellschaft resilient zu machen und damit Impulse direkt von der Regierungsspitze zu bekommen, besteht fort. Sinnvoll ist es ferner, in jedem Bundesland, in den Landkreisen und Kommunen das Thema Resilienz mit Priorität und politisch von der Spitze der Verwaltung zu treiben. Es bietet die Chance, ein „Kümmerer-Projekt“ zu gestalten und sich politisch zu profilieren.
Die Gesundheitswirtschaft wäre schlecht beraten abzuwarten, was die Politik tun wird. Sie kann und muss mitgestalten. Die kluge Nutzung von Daten und Technologien, agiles Arbeiten und schnelles Anpassen an sich ändernde Gegebenheiten: Die Adaptionsfähigkeiten der Gesundheitswirtschaft sind notwendig, denn Krisen gönnen uns keine Atempause. „We are on the brink – or even at the start – of another global health crisis“, hat die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihrer State of the Union Botschaft am 10. September 2025 formuliert.
Corona hat gezeigt, welchen Impact eine Krise auf die jeweiligen Geschäftsmodelle haben kann und es nicht reicht, ein ausgefeiltes Business Continuity Management zu haben und gegebenenfalls die Kritis-Kriterien zu erfüllen. Im eigenen wirtschaftlichen Interesse müssen Unternehmen in der Gesundheitswirtschaft die Resilienz der Gesellschaft mit der zivilen wie der militärischen Dimension mitdenken, um zukunftsfähig zu sein. Resilienz ist damit notwendiges Element der Unternehmensstrategie. Mit dieser Sicht eröffnet auch die krisengeschüttelte VUCA-Welt Chancen. Wer das eigene Unternehmen resilient macht, übernimmt auch Verantwortung für die Gesellschaft und hat zurecht die Perspektive auf staatliche Unterstützung.
Dr. Andreas Meusch war bis Juni dieses Jahres Beauftragter des TK-Vorstands und Experte für Gesundheitspolitik und strategische Kommunikation. Aktuell ist er tätig als Senior Advisor bei der Beratungsagentur Beust & Collegen.
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