Krisenresilienz : Warum Berlin sein Gesundheitssystem auf den Bündnisfall vorbereitet
Auch in Krisenfällen muss Daseinsvorsorge gewährleistet sein, schreibt die Berliner Gesundheitssenatorin Ina Czyborra. Um eine stabile medizinische Versorgung zu gewährleisten, bereitet das Land Berliner Krankenhäuser mit einem Rahmenplan und Zivilschutzübungen vor. Eine Bundeswehrübung findet diese Woche am Flughafen statt.
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Wir erleben eine Zeitenwende – nicht nur sicherheitspolitisch, sondern auch im Gesundheitswesen. Die vergangenen Jahre haben uns in aller Deutlichkeit vor Augen geführt, wie verletzlich gerade hochentwickelte Versorgungssysteme sein können: Pandemien, unterbrochene Lieferketten, Cyberangriffe und geopolitische Spannungen haben das Vertrauen in vermeintliche Selbstverständlichkeiten beschädigt. Für mich ist deshalb klar: Auch zivile Verteidigung ist Teil der Daseinsvorsorge. Auch in Krisenfällen muss Daseinsvorsorge gewährleistet sein. Das ist Ausdruck unserer Verantwortung für die Menschen in unserem Land.
Deutschland und auch Berlin verfügen über ein sehr gut ausgestattetes und verlässliches System, um Katastrophen, schwere Unfälle, Naturgefahren oder auch kriminelle Lagen zu bewältigen. Doch die veränderte Gefährdungslage zwingt uns, die zivile Verteidigung wieder stärker in den Blick zu nehmen. Eine stabile medizinische Versorgung ist dabei kein Nebenaspekt, sondern elementar.
Krankenhäuser spielen Schlüsselrolle
Verschiedene Szenarien zeigen, dass die Berliner Krankenhäuser in der zivilen Verteidigung eine Schlüsselrolle übernehmen würden. Deshalb hat meine Verwaltung bereits im letzten Jahr gemeinsam mit unseren Krankenhäusern den „Rahmenplan Zivile Verteidigung Krankenhäuser“ vorgelegt. Damit sind wir bundesweit Vorreiter. Unser Ziel ist eindeutig: Auch in langanhaltenden hybriden Krisen oder militärischen Lagen müssen wir die stationäre und notfallmedizinische Versorgung der Berlinerinnen und Berliner zuverlässig sicherstellen.
Krankenhäuser sind Teil der kritischen Infrastruktur und tragen eine besondere Verantwortung. Sie müssen nicht nur die Regelversorgung gewährleisten, sondern auch in Krisen und bei großen Schadensereignissen handlungsfähig bleiben – und im äußersten Fall zusätzlich verwundete Soldatinnen und Soldaten behandeln. Ergo: Sicherheitspolitik ist ohne ein funktionierendes Gesundheitswesen nicht denkbar.
Erhebliche Auswirkungen auf das Gesundheitssystem
Sollte es zu einem Bündnis- oder Verteidigungsfall kommen, wären die Auswirkungen auf das Gesundheitswesen erheblich. Szenarien der Bundeswehr gehen bekanntermaßen davon aus, dass täglich bis zu 1000 verwundete Soldatinnen und Soldaten in Deutschland versorgt werden müssten. Viele von ihnen benötigten hochspezialisierte medizinische Leistungen. Diese Situation trifft auf ohnehin schon hoch beanspruchte stationäre und ambulante Strukturen, die dann noch stärker unter Druck geraten würden. Die Belastung für das Gesundheitspersonal nähme weiter zu, Ressourcen müssten unter Umständen neu priorisiert werden, um möglichst vielen Menschen helfen zu können.
Gerade in solchen Situationen entscheidet gute Vorbereitung über die Handlungsfähigkeit. Es braucht klare Zuständigkeiten, ausreichend Behandlungskapazitäten, qualifiziertes Personal – auch für spezifische Verletzungsmuster – und ein Zusammenspiel aller Beteiligten. Unser Gesundheitssystem muss gut funktionieren, um in Krisenzeiten beide Aufgaben erfüllen zu können – das normale Geschehen und die Versorgung Verwundeter.
Berlin erprobt zivil-militärische Zusammenarbeit
Um sich auf diese Herausforderungen vorzubereiten und mögliche Abläufe realitätsnah zu erproben, beteiligt sich Berlin an der Bundeswehrübung „Medic Quadriga“, die in der ersten Märzwoche am Flughafen Berlin-Brandenburg stattfindet. Gemeinsam mit militärischen und zivilen Partnern übt das Land Berlin die Rettungskette, die Verteilung und die Behandlung von verwundeten Soldatinnen und Soldaten. Die Senatsgesundheitsverwaltung konzentriert sich dabei auf die strategische Patientenverlegung unter Einbindung ausgewählter Kliniken und der Notfallplattform IVENA.
Diese Übung ist kein symbolischer Akt. Sie ist ein konkreter Testlauf. Solche Formate dienen nicht der Dramatisierung, sondern der Professionalisierung. Resilienz entsteht nicht auf dem Papier, sondern durch realitätsnahe Tests bestehender Strukturen. Zivile Verteidigung bedeutet Schutz der Bevölkerung, Aufrechterhaltung staatlicher Funktionen und Unterstützung der Streitkräfte – und all das muss im Ernstfall ineinandergreifen.
Was der Berliner Rahmenplan beinhaltet
Die Teilnahme an der „Medic Quadriga“ ist dabei ein weiterer Baustein Berlins in der systematischen Vorbereitung. Mit dem „Rahmenplan Zivile Verteidigung Krankenhäuser“ haben wir bereits klare Handlungsfelder definiert: Schutz vor IT-Ausfällen und Cyberangriffen, Sicherung von Energie- und Notstromversorgung, Bevorratung von Arzneimitteln und Sanitätsmaterial, stabile Lieferketten, Vermeidung von Mehrfachverplanung von Personal im Bevölkerungsschutz, strukturierte Patientensteuerung und strategische Verlegung, der Übergang vom Regel- in den Ereignisbetrieb sowie regelmäßige Katastrophen- und Zivilschutzübungen.
Berlin knüpft damit an eine lange Tradition an. Bereits seit den 1980er-Jahren bereiten wir unsere Kliniken systematisch auf außergewöhnliche Gefahrenlagen vor. Seit dem vergangenen Jahr geschieht dies auch im Rahmen gezielter Zivilschutzübungen zur strategischen Patientenverlegung. Diese Kontinuität gibt Sicherheit und verpflichtet uns zugleich, weiterzugehen.
Der Ernstfall beginnt vor dem Ernstfall
Doch schon heute fordern uns hybride Bedrohungen heraus, organisatorisch, infrastrukturell und finanziell neu zu denken. Desinformation, Cyberangriffe, Sabotage und Spionage gehören längst zur Realität – auch mit Blick auf kritische Infrastruktur wie Krankenhäuser.
Der Anschlag auf das Berliner Stromnetz im Januar und Cyberangriffe auf Berliner Kliniken in den vergangenen Jahren haben deutlich gemacht, wie verletzlich zentrale Systeme sind. Hinter abstrakten Begriffen stehen immer konkrete Menschen: Patientinnen und Patienten, die auf eine funktionierende Intensivstation angewiesen sind; Beschäftigte, die unter Hochdruck arbeiten; Angehörige, die auf verlässliche Strukturen vertrauen.
Ein kurzfristiger Stromausfall lässt sich über Notstromaggregate überbrücken. Ein koordinierter, flächendeckender Angriff auf Energie- oder IT-Systeme stellt jedoch eine andere Dimension dar. Deshalb arbeiten wir eng mit den Berliner Krankenhäusern zusammen, um Vorsorge zu treffen und Reaktionsfähigkeit sicherzustellen. Unser Anspruch ist es, Risiken realistisch zu bewerten und entschlossen zu handeln.
Gesundheitssicherheit ist Gemeinschaftsaufgabe
Krisen- und Notfallvorsorge ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Staat, Gesundheitswesen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft müssen gemeinsam Verantwortung übernehmen. Deshalb begrüße ich die Ankündigung des Bundes, ein Gesundheitssicherstellungsgesetz vorzulegen. Auf allen Ebenen müssen wir jetzt die richtigen Weichen stellen.
Krisenresilienz muss zudem integraler Bestandteil der Krankenhausreform sein. Wenn wir Versorgungsstrukturen neu ordnen, dürfen wir nicht nur Effizienz und Wirtschaftlichkeit im Blick haben, sondern auch strategische Handlungsfähigkeit im Krisen- und Verteidigungsfall.
Vorsorge ist kein Alarmismus. Sie ist verantwortungsvolles Regierungshandeln. Im besten Fall stärken wir damit Strukturen, die uns schon im Alltag zugutekommen, und geben den Menschen die Gewissheit, dass ihr Gesundheitssystem auch in schwierigen Zeiten verlässlich an ihrer Seite steht und sie gut versorgt sind.
Ina Czyborra ist seit April 2023 Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege des Landes Berlin.
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