Onkologie : Warum Deutschlands Krebsforschung Mut braucht
In der Onkologie sollte klinische Forschung kein bürokratisches Zusatzangebot mehr sein, sondern in die Regelversorgung eingebettet werden. Das schreibt Christian Wißkirchen, medizinischer Direktor für Deutschland und die Schweiz bei ViiV Healthcare. Besonders die Präzisionsonkologie könnte etwa von einem unkomplizierten Forschungsdatenaustausch profitieren. Doch er sieht viele Hürden und appelliert an die Politik.
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In deutschen Köpfen – und Gesetzen – gilt die klinische Forschung noch immer als das, was nach der eigentlichen Arbeit kommt: ein nachgelagertes Laborprojekt. In der Onkologie ist das ein gefährlicher Irrtum. Hier ist Forschung längst das exakte Gegenteil. Für schwerkranke Patient:innen bedeutet die Teilnahme an einer Studie nicht die vage Hoffnung auf eine spätere Therapie. Sie ist der früheste, oft der einzige Zugang zu medizinischer Innovation. Manchmal ist sie die letzte Chance auf Leben.
Es ist ein gutes Zeichen, dass diese Debatte die Fachzirkel verlässt. Initiativen wie der Krebspräventionsgipfel des Tagesspiegel, die Yes!Con oder der Vision Zero Summit zeigen: Die Frage, wie schnell Innovation den Patienten erreicht, ist hochpolitisch. Denn die Zukunft der Krebsmedizin entscheidet sich nur zum Teil im Labor. Sie entscheidet sich vor allem an den Schreibtischen derer, die politische und strukturelle Voraussetzungen schaffen – oder eben verhindern.
Die bittere Wahrheit lautet: Wer klinische Forschung bremst, bremst die Überlebenschancen von Menschen.
Gesetzgebung geht in die richtige Richtung
Deutschland startet dabei nicht bei null. Die wissenschaftliche Exzellenz ist da, unsere Krebszentren arbeiten auf Spitzenniveau. Auch das neue Medizinforschungsgesetz geht in die richtige Richtung: Erste Genehmigungsfristen schrumpften auf 28 Tage, im Jahr 2024 wurden immerhin 541 industrieveranlasste Studien neu gestartet.
Nach Jahren des chronischen Rückgangs ist das ein Signal der Stabilisierung. Aber ein Signal ist noch kein Durchbruch.
Hürden für die Krebsforschung
Forschende und Studienzentren rennen seit Jahren gegen dieselben Mauern: Personalmangel, lähmende Vertragsverhandlungen mit Behörden, eine fragmentierte digitale Infrastruktur und ein unzureichend nutzbares Datenökosystem. Wer das als reines Standortthema für die Pharmaindustrie abtut, verkennt die menschliche Dimension. In der Onkologie geht es nicht um internationale Standort-Rankings. Es geht darum, ob ein Mensch wertvolle Lebenszeit gewinnt – oder nicht.
Der internationale Wettbewerb schläft nicht. Während die USA ihre Führungsrolle behaupten und China massiv aufholt, hat sich die Europäische Union bis 2030 immerhin 500 zusätzliche multinationale Studien als Ziel gesetzt. Dass es besser geht, zeigen Nachbarn wie Spanien oder Dänemark. Dort wird Krebsforschung strategisch organisiert: mit effizienten Verfahren, mutiger Datennutzung und politischer Priorität.
Es geht aber nicht nur um Wettbewerbsfähigkeit. Forschungskapazitäten, Investitionen und Datenökosysteme wandern zunehmend in andere Regionen ab. Die Frage, wo klinische Forschung stattfindet, entscheidet aber zunehmend darüber, wo medizinische Innovation entsteht. Mit jeder Studie, die nicht in Deutschland durchgeführt wird, verlieren wir Expertise, Finanzmittel und Wertschöpfung.
Präzisionsmedizin muss vielfältige Realitäten abbilden
Besonders drastisch zeigt sich unser Reformstau in der Präzisionsonkologie. Therapien, die exakt auf das genetische Profil eines Tumors zugeschnitten sind, revolutionieren die Medizin. Doch dieser Fortschritt verhungert auf halber Strecke, wenn die Infrastruktur fehlt. Ohne flächendeckende molekulare Diagnostik und ohne den unkomplizierten Austausch von Forschungsdaten bleibt die Präzisionsmedizin Stückwerk. Aus medizinischem Fortschritt wird sozial selektiver Fortschritt.
Denn zur Wahrheit gehört auch: Der Wohnort, die soziale Lage oder Sprachbarrieren entscheiden in Deutschland noch immer zu oft darüber, wer überhaupt den Weg in eine rettende Studie findet. Eine Lücke zwischen Forschungsrealität und Versorgungsrealität, die wir uns nicht leisten dürfen. Präzisionsmedizin ist nur dann präzise, wenn sie die Vielfalt der Realität abbildet.
Zugang zu Innovation darf kein Privileg sein
Die Konsequenz für die Gesundheitspolitik muss radikal sein. Klinische Forschung darf in der Onkologie kein bürokratisches Zusatzangebot mehr sein. Sie gehört ins Zentrum der modernen Regelversorgung. Prozesse müssen beschleunigt, Register- und Forschungsdaten endlich verantwortungsvoll nutzbar gemacht werden. Der Zugang zu Innovation darf kein Privileg derer sein, die zufällig neben einem Spitzenzentrum wohnen.
Wir haben alle Voraussetzungen, um führend zu sein. Doch solange wir die Forschung wie ein nachgelagertes Anhängsel behandeln, verspielen wir Leben. In der Krebsmedizin ist Forschung längst Versorgung. Wer hier nicht die politische Priorität ansetzt, nimmt billigend in Kauf, dass der Fortschritt zu spät ankommt.
Dr. Christian Wißkirchen, Medical Director Germany & Switzerland, ViiV Healthcare.
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