Digitale Tools in der Zahnmedizin : Warum die Digitalisierung der Zahnmedizin nicht verschlafen werden sollte
Digitale Tools bieten in der Zahnmedizin etliche Möglichkeiten, ist sich der Zahnarzt Siegfried Marquardt sicher, der ebenfalls Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Sportzahnmedizin ist. Ein besonderes Potenzial sieht er hierbei in der Früherkennung. Doch für eine moderne, präventionsorientierte Zahnmedizin fehlten regulatorische Maßnahmen.
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Die Zahnmedizin steht an einem Wendepunkt, denn digitale Technologien wie Intraoralscanner und KI-gestützte Diagnoseinstrumente sind längst verfügbar und bieten die Möglichkeit, Prävention und Versorgung grundlegend zu verbessern. Dennoch bleibt ihr Einsatz im Praxisalltag in Deutschland die Ausnahme.
Die Ursachen liegen weniger in der Technik, sondern vielmehr in den regulatorischen Rahmenbedingungen, die Innovationen bislang bremsen. Dabei ist klar: Die Digitalisierung der Zahnmedizin könnte nicht nur die Mundgesundheit verbessern, sondern einen entscheidenden Beitrag zur allgemeinen Gesundheit der Bevölkerung leisten und gleichzeitig Versorgungslücken schließen.
Digitale Tools als wirksames Mittel
Der Druck auf das deutsche Gesundheitssystem wird zunehmend größer: Demografischer Wandel, wachsende Kosten und insbesondere Personalengpässe stellen die Versorgung vor große Herausforderungen. Gerade in ländlichen Regionen und bei bestimmten Bevölkerungsgruppen fehlt häufig der Zugang zu hochwertiger zahnmedizinischer Betreuung. Digitale Tools bieten hier eine reale Chance auf mehr Effizienz und bessere Versorgung. Moderne Intraoralscanner und Telemedizin ermöglichen Untersuchungen und Verlaufskontrollen auch dort, wo Fachkräfte rar sind. Das eröffnet neue Wege, um Versorgungslücken zu schließen und auch Pflegeheimbewohner:innen oder Menschen in strukturschwachen Regionen regelmäßig zu erreichen.
Gleichzeitig könnten digitale Technologien helfen, Arbeitsabläufe in den Praxen effizienter zu gestalten. Viele Tätigkeiten, etwa das Erheben von Befunden oder das Monitoring von Therapieerfolgen, lassen sich digitalisieren und teilweise an speziell geschultes Assistenzpersonal delegieren. Doch oft fehlen hierfür noch die notwendigen gesetzlichen Befugnisse. Eine (regulatorische) Aktualisierung der Berufsbilder, die eine sinnvolle Delegation zahnärztlicher Aufgaben unter Wahrung der Qualität erlaubt, könnte die entstehenden Personalengpässe abfedern und die Zahnärzt:innen von Routinetätigkeiten entlasten.
Der Wert regelmäßiger digitaler Screenings
Ein besonderes Potenzial der Digitalisierung liegt in der Früherkennung. Moderne Intraoralscanner liefern hochpräzise, für Patient:innen komfortable 3D-Bilder der Mundhöhle. Sie ermöglichen die Erkennung von Zahn- und Kieferfehlstellungen oder Parodontalerkrankungen schon im Frühstadium, oft bevor Beschwerden auftreten. Regelmäßige digitale Screenings könnten so zum neuen Standard werden – nicht nur für Erwachsene, sondern bereits ab dem Kindesalter. Gerade bei Kindern ist ein frühzeitiges Screening ab fünf bis sechs Jahren sinnvoll, um den Bedarf für kieferorthopädische Behandlungen rechtzeitig zu identifizieren. So entsteht eine Generation mit besserer Mundgesundheit und weniger Folgekosten für das Gesundheitssystem.
Früherkennung ist dabei über die Zahngesundheit hinaus von Bedeutung: Schlechte Mundgesundheit und unbehandelte Parodontalerkrankungen sind mit zahlreichen nicht-übertragbaren Volkskrankheiten wie unter anderem Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Demenz, Rheuma oder Krebs verbunden. Investitionen in digitale Screeningverfahren zahlen sich somit doppelt aus. Sie verbessern die Mundgesundheit und tragen zur Prävention weiterer Krankheiten bei.
Versorgungslücken schließen und Forschung stärken
Digitale Zahnmedizin kann auch dazu beitragen, bislang unterversorgte Bevölkerungsgruppen besser zu erreichen. So könnte der Einsatz von Intraoralscannern und Telemedizin in Pflegeheimen gezielt Behandlungsbedarf ermitteln und Komorbiditäten schlechter Mundgesundheit entgegenwirken. Gleichzeitig können regelmäßig Daten zur Mundgesundheit erfasst werden, die zu einer besseren Versorgung beitragen können. Projekte, die den Zugang zu digitalen Vorsorgeuntersuchungen ausweiten, sollten gezielt gefördert werden, um Versorgungslücken zu schließen und die gesundheitliche Chancengleichheit zu verbessern.
Zudem eröffnen digitale Tools neue Möglichkeiten für die Versorgungsforschung. Die Erhebung und Auswertung anonymisierter klinischer Daten schaffen eine solide Grundlage, um Korrelationen zwischen Mundgesundheit und anderen Erkrankungen noch besser zu erfassen und Präventionsmaßnahmen gezielter zu steuern.
Rahmenbedingungen für die Zukunft schaffen
Die Vorteile digitaler Zahnmedizin liegen auf der Hand, doch ihre flächendeckende Nutzung scheitert bislang an fehlenden regulatorischen und strukturellen Voraussetzungen. Digitale Präventions- und Diagnoseleistungen müssen in den erstattungsfähigen Leistungskatalog aufgenommen werden. Gleichzeitig sollten Gesetze und Vorschriften klarstellen, dass digitale Hilfsmittel die Arbeit der Zahnärzt:innen ergänzen, aber nicht ersetzen, um die Patient:innensicherheit stets zu gewährleisten.
Auch die Ausbildung muss mit der Entwicklung Schritt halten. Viele angehende Zahnärzt:innen kommen erst nach dem Studium mit digitalen Tools in Berührung. Es braucht gezielte Anreize, damit zahnmedizinische Fakultäten ihre Lehrpläne auf moderne Technologien ausrichten und die nächste Generation von Zahnmediziner:innen optimal auf die Herausforderungen der digitalen Praxis vorbereiten.
Um die Digitalisierung der Praxen gleichzeitig zu fördern, bedarf es ebenfalls gezielter Anreize, beispielsweise durch Sonderabschreibungen. So würde sichergestellt, dass die Technologie tatsächlich auch Einzug in die Praxen hält.
Keine ferne Vision, sondern eine gegenwärtige Chance
Die digitale Transformation der Zahnmedizin ist kein Zukunftsszenario, sondern eine notwendige Antwort auf die aktuellen Herausforderungen im Gesundheitssystem. Die Technologien sind da, die Vorteile liegen auf der Hand. Jetzt braucht es den politischen Willen, regulatorische Hürden zu beseitigen und innovative Versorgungslösungen zu ermöglichen. Deutschland hat die Chance, Prävention und Versorgung nachhaltig zu verbessern, die Attraktivität des Berufsbildes zu stärken und dem drohenden Personalmangel wirksam entgegenzutreten.
Die Weichen für eine moderne, präventionsorientierte Zahnmedizin müssen jetzt gestellt werden – zum Wohle der Patient:innen und des gesamten Gesundheitssystems. Was passieren kann, wenn solche Chancen versäumt werden, haben wir schon zu oft erlebt.
Dr. Siegfried Marquardt ist Spezialist für Ästhetik und Funktion in der Zahnmedizin, Implantologie und Sportzahnmedizin, niedergelassener Zahnarzt in Tegernsee, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Sportzahnmedizin (DGSZM) und Teamsportzahnarzt des Deutschen Skiverbandes (DSV).
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