Labormedizin : „Warum wir jetzt investieren müssen“
Die fachärztliche medizinische Labordiagnostik sollte kein Spielball von Verteilungsfragen sein, sondern im Sinne der medizinischen Gesamtversorgung der Bevölkerung als das gesehen und behandelt werden, was sie ist: ein nicht ersetzbarer zentraler Bestandteil der ambulanten wie stationären Versorgung. Das meint Michael Müller, Vorstandsvorsitzender der Akkreditierten Labore in der Medizin, im Standpunkt.
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Durch die Entwicklung der Medizin können Krankheiten früher und besser erkannt und therapiert werden. Das ermöglicht Strategien zur Vermeidung der Krankheiten. Hier hat die medizinische Labordiagnostik eine zentrale Rolle, denn viele Erkrankungen lassen sich nur mit Laboruntersuchungen diagnostizieren. Mit neu entwickelten Biomarkern, genetischen Untersuchungen oder „Companion Diagnostics“ können heute Therapien im direkten Zusammenhang mit dem Laborbefund des jeweils betroffenen Menschen gesteuert werden.
Die fachärztlichen Labore in der ambulanten und stationären Versorgung führen Innovationen in die Versorgung ein. Sie stellen als Kritische Infrastrukturen die wohnortnahe und flächendeckende Versorgung mit medizinischer Labordiagnostik sicher. Sie organisieren den Transport der Laborproben in die Facharztlabore, beraten Ärztinnen und Ärzte zur Auswahl der Laboruntersuchungen (Indikation) und Interpretation der Laborbefunde. Und sie tragen mit digitalisierten Prozessen zur raschen Verfügbarkeit der Daten bei. Mehr als 80 Prozent der Laborbefunde werden digital am Entnahmetag an Arztpraxen und Krankenhäuser übermittelt.
Digitalisierung als Chance
Das Meldewesen für Infektionskrankheiten ist bereits digitalisiert; bald werden Laborbefunde in der elektronischen Patientenakte (ePA) verfügbar gemacht. Wenn man bedenkt, dass ein großer Teil der mehr als 500 Millionen ambulanten und circa 17,5 Millionen stationären Behandlungsfälle auf medizinische Labordiagnostik angewiesen sind, wird deutlich, wie Digitalisierung die Versorgung verbessern kann.
Medizinische Laboruntersuchungen können heute schneller und einfacher durchgeführt werden. Uns allen ist durch Corona-Tests in der Pandemie vor Augen geführt worden, dass Laboruntersuchungen quasi vor Ort direkt am Patienten und von ihm selbst durchgeführt wurden (POCT-Diagnostik) und wie wichtig welche Bedeutung die Qualität der Tests hat.
Zuverlässig und genau
Das Medizinprodukterecht fordert vor der Durchführung labororatoriumsmedizinischer Untersuchungen ein Qualitätssicherungssystem nach dem Stand der medizinischen Wissenschaft und Technik zur Aufrechterhaltung der erforderlichen Qualität, Sicherheit und Leistung sowie zur Sicherstellung der Zuverlässigkeit der damit erzielten Ergebnisse. Die Richtlinien der Bundesärztekammer zur Qualitätssicherung laboratoriumsmedizinischer Untersuchungen (RiliBÄK) legen die Mindestkriterien fest zur Sicherstellung der medizinisch erforderlichen Zuverlässigkeit und Genauigkeit der Laboruntersuchungen bei der Diagnosestellung und der Beurteilung der Therapie.
Das Honorar der ambulanten fachärztlichen Labore ist an den Nachweis der Einhaltung dieser Regeln geknüpft. Das Vergütungsniveau der Facharztlabore in GKV und PKV ist im internationalen Vergleich auf dem niedrigsten Niveau bei gleichzeitig flächendeckender Verfügbarkeit. Nur zirka 2,5 Prozent der Gesundheitsausgaben in Deutschland fallen für Labordiagnostik an – mit fallender Tendenz.
Nicht ohne medizinische Indikation
Mit ihrer Expertise wählen die Fachärztinnen und Fachärzte die richtigen und qualitativ bestmöglichen Verfahren im Labor aus. Die Zusammenarbeit mit den primär behandelnden Ärzten trägt zur bedarfsgerechten Versorgung bei. In der Medizin sollten Laboruntersuchungen ohnehin nur anlassbezogen durchgeführt und in einen medizinischen Kontext durch Ärzte gestellt werden. Damit kommt der Auswahl der für den jeweiligen Einzelfall richtigen Laboruntersuchung, also der ärztlichen Indikationsstellung, eine entscheidende Bedeutung zu.
Das gilt auch für die Prävention von Erkrankungen. Auch hier kommt es darauf an, die Vorsorge mit bestmöglichen und zuverlässigen Laboratoriumsuntersuchungen zu betreiben. Die medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften haben hier klare Empfehlungen, auch zur Labordiagnostik, ausgesprochen. Die Facharztlabore bilden das in ihrer täglichen Arbeit bereits ab.
Vor diesem Hintergrund sind Entwicklungen, Laboruntersuchungen aus dem Kontext einer ärztlichen Gesamtverantwortung herauszulösen und in nichtärztliche Strukturen wie Apotheken oder sogar zu kommerziellen Anbieter zu verlagern, abzulehnen: Unter dem Label „Lifestyle-Diagnostik“ wird Verbraucherinnen und Verbrauchern etwas in Aussicht gestellt, was so mit Laboruntersuchungen nicht möglich ist. Die Konzepte in dem Markt nutzen die Grenze zum Versorgungssystem und argumentieren, dass es mit ihnen schneller und zuverlässiger ginge. Sie entkoppeln die medizinisch erforderliche Indikationsstellung und erwecken den Anschein, dass anlassloses Testen in jedem Fall einen Mehrwert hat. Die Finanzierung ist in die alleinige Verantwortung der Kunden gelegt, wobei nicht selten mehr zu bezahlen ist als die amtliche Gebührenordnung für Ärzte vorsehen würde.
Apotheken sollten außen vor bleiben
Dass Apotheken in der Vorsorge-Labordiagnostik einbezogen werden sollen, ist nicht nachvollziehbar, denn sie verfügen meist nicht über die erforderliche Infrastruktur für die Blutentnahme, sind nicht für die Indikationsstellung und Beurteilung von Laboruntersuchungen ausgebildet und wenden Laboruntersuchungen im POCT-Format an, die qualitativ die medizinischen Anforderungen nicht erfüllen. Diese Art der Präventionsdiagnostik kostet zudem um ein Vielfaches mehr als die der bestehenden Strukturen der ambulanten Versorgung.
Laboruntersuchungen sind von Ärzten zu verantworten und einzuordnen, damit sie zu richtigen Entscheidungen in Prävention, Therapie und Infektionsschutz führen. Ohne diesen Kontext drohen Fehlinterpretationen, vermeidbare Doppeluntersuchungen mit hohen Kosten für die Solidargemeinschaft und im schlimmsten Fall Schäden für überfordert allein gelassene Patientinnen und Patienten.
Eine nachhaltige Steuerung der Inanspruchnahme von Leistungen zur medizinischen Versorgung setzt auf den medizinischen Bedarf von Patienten und ist auf Qualität bei höchstmöglicher Effizienz ausgerichtet. Die Digitalisierung ist ein wichtiger Hebel in einem Primärversorgungssystem zur Verbesserung der Zusammenarbeit und zur Vermeidung unnötiger Mehrfachuntersuchungen. Fachärztliche Labore sollten hier von Beginn an beteiligt sein: Sie können nach digitaler Ersteinschätzung vor dem ersten Arztkontakt die erforderlichen labordiagnostischen Befunde erheben und digital übermitteln. Ein Direktzugang von Versicherten zum fachärztlichen Labor ist auch ohne Überweisung bei Präventionsleistungen sinnvoll. Eine Umsetzung ist beispielsweise mit einem (digitalen) Vouchersystem möglich.
Kein Spielball von Verteilungsfragen
Eine Beteiligung der fachärztlichen Labore ist auch unter Kostengesichtspunkten sinnvoll, da hier bereits vielfältige Strukturen vorhanden sind. Die Bedeutung ärztlicher Labormedizin sollte sich in einer sachgerechten und angemessenen Vergütung niederschlagen. Das Zusammenspiel der wirtschaftlichen Folgen aus der laufenden Laborreform in der Vergütung der GKV-Versorgung und der geplanten GOÄ-Novelle bewirkt eine Schwächung der etablierten vielfältigen Struktur und hat schon jetzt durch Schließung und Zusammenlegung von Laborstandorten negative Folgen für die labormedizinische Versorgung in Deutschland.
Die fachärztliche medizinische Labordiagnostik sollte kein Spielball von Verteilungsfragen sein, sondern im Sinne der medizinischen Gesamtversorgung der Bevölkerung als das gesehen und behandelt werden, was sie ist: ein nicht ersetzbarer zentraler Bestandteil der ambulanten wie stationären Versorgung. Die medizinische Labordiagnostik ist daher sinnvollerweise als versorgungsbereichsübergreifend auszugestalten.
In der Summe geht es künftig darum, knappe Mittel bedarfsgerecht zu verteilen. Labormedizin trägt dazu bei, Folgekosten im Gesundheitssystem zu vermeiden, indem sie Krankheiten frühzeitig erkennt und wirksame Präventions- und Behandlungsstrategien ermöglicht. Sie ist ein zentraler Pfeiler der Gesundheitsprävention. Für die Stabilität im Gesundheitswesen sind nachhaltige Entscheidungen notwendig, die Innovation, Qualität und Verlässlichkeit der Versorgung mit fachärztlicher Labordiagnostik sichern.
Dr. Michael Müller ist Vorstandsvorsitzender des Interessenverbands der Akkreditierten Labore in der Medizin.
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