Standpunkt Digitalisierung stärkt Solidarität

Das solidarische Gesundheitswesen der Zukunft ist auch und vor allem auf Daten angewiesen, meinen Alexander Schellinger und Nora Zetsche. Sie fordern eine Strategie, das Solidarprinzip in der Gesetzlichen Krankenversicherung entsprechend weiter zu entwickeln.

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Die großen Internetunternehmen aus dem Silicon Valley haben den Gesundheitsmarkt längst für sich entdeckt. „Wenn wir uns einst fragen werden, was war Apples Beitrag für die Menschheit, dann werden wir sagen, es war die Gesundheit.“ Mit diesem bemerkenswerten Satz hat Tim Cook, CEO von Apple, die Strategie seines Unternehmens auf den Punkt gebracht. Ihre Produkte – wie zum Beispiel das Monitoring der Herzgesundheit über die Smartwatch, die Elektrokardiogramme anfertigt – scheinen zunächst vielversprechend. 

Global betrachtet hängt die Digitalisierung der Gesundheit zwischen dem Modell Turbo-Kapitalismus in den USA und dem Modell Staatskapitalismus in China fest. In den USA werden Datensilos von einer Handvoll Tech-Unternehmen zum Beispiel durch vernetzte elektronische Patientenakten aufgebrochen. Damit kontrollieren die Unternehmen den Zugang zum Patienten. Diese übertragen mehr oder weniger freiwillig ihre Daten, weil sie auf die Mehrwerte, die neue digitale Anwendungen schaffen werden, im Kampf gegen Krankheit nicht verzichten können. Diese privaten Plattformen haben das Potenzial – wie in anderen Branchen auch – das Gesundheitssystem auf den Kopf zu stellen.

Viele der großen Player im Gesundheitswesen entstehen gerade in China. Egal ob die neueste KI-Anwendung in der Medizin oder die Vernetzung der Versorgung, die größten Fortschritte sind in Fernost zu beobachten. In China entmündigt die Datensammlung auf staatlicher Ebene jedoch die Bürger weitgehend. Gerade in der Corona-Pandemie ist zu beobachten, wie effektiv, aber auch wie tief in die persönliche Freiheit eingreifend, die staatliche Überwachung bereits ist.

Deutschland und Europa haben die Chance, für das wichtige Feld der Gesundheit einen dritten Weg zu definieren. Mit der DSGVO haben die Bürger die Hoheit über ihre Daten gewonnen. Das Modell hat bereits eine weltweite Ausstrahlung auf den Umgang mit Daten entwickelt. Wir müssen nun allerdings darauf achten, dass wir nicht den Nutzen aggregierter (und anonymisierter) Daten bei allen Sicherheitsvorkehrungen aus den Augen verlieren. Zu oft denken wir darüber nach, was bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen alles schief gehen könnte. Aber über die Chancen, Leiden zu vermeiden oder zu verringern, weil Informationen rechtzeitig zur Verfügung stehen, weil Patientenakten die gesamte Krankheitsgeschichte wiedergeben, weil wir mehr über seltene Erkrankungen lernen und das Management von chronischen Krankheiten verbessern können, darüber reden wir nicht.

Wertbasierte Vergütung nötig

Es gibt viele Wissenslücken in der Medizin und Versorgung, die durch eine strukturierte Datensammlung und Auswertung geschlossen werden könnten – was Leben retten oder verlängern würde. Diese Chance müssen wir in Europa ergreifen. Wir sollten die Datensammlung deshalb so regulieren, dass nicht ein einziger Player, die komplette Macht über die Daten hat, sei es Unternehmen oder der Staat.

In Deutschland hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Digitalisierung im Gesundheitswesen wie kaum ein anderer vorangebracht. Die Aufgabe für die nächste Gesundheitsministerin oder den nächsten Minister besteht nun darin, die Digitalisierung mit dem Solidarprinzip der Gesetzlichen Krankenversicherung in Einklang zu bringen. Dazu sind Maßnahmen in drei Dimensionen wichtig.

Erstens brauchen wir weitere Anreize dafür, dass private wie öffentliche Organisationen gemeinsam Innovationen innerhalb des Gesundheitssystems voranbringen. Dazu gehört, neben der Erstattung von digitalen Anwendungen und Entwicklungskooperationen zwischen Start-Ups und Krankenkassen, eine wertbasierte Vergütung („value-based“) von gesundheitlichen Leistungen. Der Wert wird hierbei festgelegt durch Evaluierung des Therapieerfolgs gegen die Therapiekosten. 

Zweitens, haben sich die Player im Gesundheitssystem in den letzten fünfzehn Jahren bei der Digitalisierung der Infrastruktur (zum Beispiel bei der Einführung der Patientenakten, eRezept etc.) zu oft selbst blockiert. Hier kann der Staat eine wichtige Rolle einnehmen und über eine Verpflichtung zur Kooperation mit echten Sanktionsmöglichkeiten im Sinne der Versichertengemeinschaft wachen.

Drittens, wir müssen das Solidarprinzip für den Umgang mit Daten weiterdenken. Die gesetzliche Krankenversicherung basiert darauf, dass alle – Gesunde wie Kranke – Beiträge bezahlen und damit für den Krankheitsfall versichert sind. Dieses Solidarprinzip sollten wir in Zukunft weiterentwickeln für den Umgang mit Daten. Denn Gesundheitsleistungen werden zunehmend auf der Zusammenführung und Auswertung von Daten beruhen. Die beste Versorgung war schon immer und wird in Zukunft noch viel stärker eine evidenz- und datenbasierte Versorgung sein.

Profitmaximierung darf nicht das Ziel sein

Das Versprechen der Digitalisierung, Menschenleben zu retten, kann nur erfüllt werden, wenn wir solidarisch mit unseren Daten umgehen und mit unseren Daten – ähnlich wie mit unseren Versicherungsbeiträgen – zur Versorgung aller beitragen.

Die Bereitschaft Daten zu teilen, kann aber nur gewonnen werden, wenn diese Daten nicht der Profitmaximierung von Privat-Unternehmen durch Zweckentfremdung dienen (Modell USA) oder der staatlichen Überwachung anheimfallen (Modell China). Das am besten geeignete System ist eines, das in der Verantwortung der Versichertengemeinschaft selbst liegt. Genau das ist der Grundgedanke der Selbstverwaltung der Gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland, die wir deshalb erneuern sollten. So kann die Digitalisierung die Solidarität im Gesundheitssystem stärken.

Dr. Alexander Schellinger ist Visiting Fellow beim Progressiven Zentrum und Leiter Entwicklung Versorgungsmanagement der Techniker Krankenkasse. Nora Zetsche ist Co-Founderin von Veta Health. Beide werden heute zum Thema ab 16 Uhr im Rahmen des Online-Workshops „#Tech4Society– New Technologies and the Individual“ des Progressiven Zentrums sprechen. Anmeldungen sind hier kurzfristig möglich.

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