Standardisierungsprozess : Ein „Booking.com“ fürs Gesundheitswesen
Warum wir jetzt eine nationale Prozessplattform bauen sollten, statt Jahre auf Standardisierung zu warten. Ein Dreistufen Fahrplan für die Umsetzung.
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Über Schnittstellen und Zuständigkeiten ist alles gesagt. Trotzdem erleben Patient:innen, Pflegekräfte, Ärzt:innen und Verwaltung jeden Tag dasselbe: eine Kette von Brüchen. Man wird weitergereicht, wartet, telefoniert, erklärt erneut, beschafft Befunde, füllt Formulare aus. Das System organisiert sich entlang seiner Sektoren, nicht entlang des Versorgungswegs.
Was fehlt, ist eine gemeinsame Ebene, die diese Bausteine verbindet. Nicht als „Portal“, sondern als Prozessplattform, die Termine, Überweisungen und Befunde so verbindet, dass daraus eine durchgehende Behandlungskette vom Erstkontakt bis zur Nachsorge wird.
Genau hier ist die Analogie zu Plattformen wie Booking.com oder Uber aufschlussreich. Plattformen spielen ihre Stärken dort aus, wo viele eigenständige Akteure an einem gemeinsamen Prozess hängen. Jeder bleibt eigenständig, aber der Ablauf ist einheitlich, transparent und in Echtzeit steuerbar. Der Nutzer sieht, wo er steht, alle Beteiligten wissen, was als Nächstes kommt. Eine solche Plattform fehlt dem deutschen Gesundheitswesen.
Standardisierung ist ein zähes Geschäft
Denn wenn wir auf Standardisierung warten, warten wir sehr lange. Die Gründe sind bekannt: föderale Zuständigkeiten, Selbstverwaltung, historisch gewachsene IT-Landschaften, unzählige Primärsysteme. Bei Standardisierung geht es da nie nur um Technik, sondern auch um Macht, Geld, Haftung und Routine. Wer schon einmal versucht hat, zwei Kliniken, drei Kassen und eine kassenärztliche Vereinigung in einen durchgängigen Prozess zu bekommen, weiß: Das ist ein zähes Ringen und funktioniert in der Realität nur auf Papierbasis.
Gleichzeitig steigt der Druck. Kliniken bauen Leitzentralen auf, um wenigstens in ihren eigenen Mauern Transparenz über Prozesse, Bestände und Zustände herzustellen. Aber: Eine Leitzentrale nur im Krankenhaus löst nicht die Brüche davor und danach. Es bleibt ein Silo mit besserem Blick nach innen.
Eine nationale Prozessplattform als Beschleuniger
Die elektronische Patientenakte (ePA) zeigt, dass Zentralität sinnvoll sein kann, aber auch, wo ihre Grenzen liegen: Die ePA ersetzt nicht die Primärdokumentation in den Praxen; Behandlungsnotizen bleiben vor Ort, unter anderem weil Versicherte Dokumente genau dort löschen lassen können. Daraus folgt: Der nächste Schritt muss nicht noch mehr zentrale Ablage sein, sondern Prozesssteuerung und Interoperabilität dort, wo sie Nutzen stiftet.
Was wäre, wenn wir nicht „die perfekte Akte“ an den Anfang stellen, sondern eine einheitliche Prozessebene, und diese Stück für Stück mit Diensten füllen, so wie es auch Booking.com oder Uber getan haben? Das wäre kein neuer Monolith, sondern eine zentrale Plattform, die Dienste orchestriert – mandantenfähig, mit eigenen Rechten pro Bundesland, die aber bundesweite Dienste und Regularien schnell umsetzen kann. Damit würden auch lokale Dienstleister und medizinisches Personal Teil eines großen Gesundheitsprozesses.
Die Daten bleiben – soweit gewünscht – dort, wo sie entstehen. Zentral ist nur, was zentral sein muss: Identitäten, Rechte, Protokolle, Mindeststandards, und für ausgewählte Anwendungsfälle ein gemeinsamer Datendienst. Hier hat sich in der Vergangenheit zum Beispiel mit der Bundesdruckerei schon ein Spezialist für Rechte und Identitäten ausgezeichnet.
In drei Stufen zu mehr Diensten und Standardisierung
Der Vorteil eines solchen Plattformansatzes: Er erlaubt eine gestaffelte Standardisierung. Man startet mit Diensten, die wenig Standardisierung brauchen. Es folgen anspruchsvollere Dienste mit höherem Standardisierungsbedarf, die zentral gesteuert werden sollten. Ein realistischer Aufbau könnte in drei Stufen geschehen.
- Stufe 1: Termin‑ und Kapazitätssteuerung: Ein verpflichtender, offener Termin- und Kapazitätsdienst, der Verfügbarkeiten sichtbar macht und die Steuerung über Sektoren hinweg ermöglicht. Genau hier liegt der größte Hebel für spürbare Verbesserung. Wer Kapazität sichtbar macht, kann Versorgung lenken, ohne dass dafür schon Befunde semantisch vereinheitlicht sein müssen.
- Stufe 2: Überweisung, Status, Befundzugriff: Hier kommen Dienste hinzu, die den Weg von der ersten Diagnose bis zum Befundabschluss lückenlos abbilden. Die Plattform stellt dafür Routing, Berechtigungsprüfung und Protokollierung bereit – ohne die medizinischen Daten zwangsweise zentral zu speichern. So entsteht Transparenz über den Versorgungspfad, bevor hochkomplexe Semantikfragen vollständig gelöst sind.
- Stufe 3: Strukturierte Inhalte und zusätzliche Dienstleistungen: Hier gibt es zusätzliche Informationen zum Krankheitsstatus, etwa validierte Informationen über die konkrete Befundung und Hinweise auf weiterführende genehmigte Dienstleistungen, die den weiteren Genesungsprozess unterstützen. So entsteht die Basis, um eigenverantwortlich Teil einer solchen Gesundheitsplattform zu werden.
Akzeptanz entsteht durch Mehrwert und Vertrauen
Eine Prozessplattform wird nur genutzt, wenn sie im Alltag spürbar Zeit und Unsicherheit spart. Der Versorgungsweg wird planbar und nachvollziehbar: vom ersten Kontakt über Überweisung und Termin bis zur Rückmeldung an den Einweiser. Genau dann lohnt sich für viele der Aufwand, sich aktiv einzuloggen und Einstellungen vorzunehmen – weil die Plattform nicht nur dokumentiert, sondern führt.
Damit aus Vernetzung nicht Misstrauen wird, muss die Plattform sichtbar machen, dass sie den Datenverkehr begrenzt und kontrolliert. Wer darf was sehen, wie lange, wozu – und wer hat zugegriffen? Es braucht Mechanismen wie feingranulare Rechte, transparente Protokolle und Datensparsamkeit. Vertrauen entsteht auch durch dezentralen Datenaustausch nach dem Datenraum-Prinzip. Ein Beispiel dafür ist X-Road in Estland: Ärzt:innen, Krankenhäuser und Verwaltung behalten ihre Daten in ihren eigenen Systemen, können sie aber bei Bedarf direkt und standardisiert miteinander austauschen.
Rolle von Gematik und Politik
Eine nationale Prozessebene kann föderiert arbeiten und trotzdem verbindlich sein, weil Regeln, Zertifizierungen und Protokolle zentral definiert werden. Die Gematik spielt als nationale Agentur für digitale Medizin in Deutschland bereits eine zentrale Rolle bei Spezifikationen und Rahmenbedingungen. Die Politik sollte daher nicht noch einen weiteren Zielkatalog beschließen, sondern eine Betreiber‑ und Finanzierungslogik festlegen und mit einem verpflichtenden Termin‑ und Kapazitätsdienst beginnen.
Der Weg dahin ist nicht einfach, aber er ist machbar, und er ist dringend. Denn ohne gemeinsame Prozessebene werden wir noch Jahre über Digitalisierung reden und gleichzeitig Versorgung wie im letzten Jahrhundert organisieren.
Ralph Schirmeisen ist Chief Technologist Healthcare bei Hewlett Packard Enterprise (HPE). Er berät Kliniken, Krankenkassen und die ärztliche Selbstverwaltung, wirkt in internationalen Expertengremien und war Mitautor der Gaia-X-Referenzarchitektur.
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