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Gesundheit & E-Health

Standpunkte Gesundheitsdaten als Schlüssel zum wirtschaftlichen Krankenhaus

Lukas Martin, Chief Medical Officer und Co-Gründer bei Clinomic
Lukas Martin, Chief Medical Officer und Co-Gründer bei Clinomic Foto: Clinomic

Krankenhäuser befinden sich aktuell in einer Klemme aus ökonomischem Druck und ausbleibender Reform. Clinomic-Mitgründer Lukas Martin schlägt Gesundheitsdaten als Ansatzpunkt vor, bei dem die Krankenhäuser selbst handeln und Kosten senken sowie Personal schonen können, mit gleichzeitiger Verbesserung der Behandlungsqualität.

von Lukas Martin

veröffentlicht am 07.02.2024

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Das Ringen um den gesetzlichen Rahmen fürs Gesundheitswesen ist im wahrsten Sinne zermürbend – denn es wird wertvolle Zeit verloren, die Krankenhäuser, die „systemrelevanten Patienten“ des Gesundheitssystems, nicht haben.

Mit ihnen steht und fällt die medizinische Versorgung der Bevölkerung – gerade bei komplizierten und komplexen Krankheiten oder Unfällen. Viele Häuser und Betreiber sind allerdings in ökonomischer Schieflage. Auch das medizinische und Pflegepersonal leidet unter schwierigen, von Zeitdruck und Kosteneffizienz geprägten Arbeitsbedingungen. Beides wird eher früher als später zum Problem für Kranke, die eigentlich im Mittelpunkt der Medizin stehen sollten.

Pragmatische Datennutzung als universelles Heilmittel?

Gesundheitsdaten zeigen hier ihren unschätzbaren Wert. Denn wenn wir sie analysieren dürfen, erlangen wir ein besseres Verständnis für den Umgang mit Krankheiten. Das Personal auf den Stationen, in dessen Hände sich Patient:innen begeben, kann auf Basis von digital erfassten, verarbeiteten und ausgewerteten Daten schneller und mitunter bessere Entscheidungen treffen – im besten Fall direkt am Patientenbett. Schon heute können beispielsweise pro Intensiv-Patient:in und Stunde weit über 1000 Datenpunkte gesammelt werden. Wenn dieser wertvolle Datenschatz erschlossen wird, können Therapieansätze und Behandlungsmethoden erheblich verbessert werden. Und nicht nur das: Klinikbetreiber (und bestenfalls sogar Pharmahersteller) könnten aus den anonymisierten Datensätzen neuen Wert schöpfen.

Immer mehr Krankenhäusern in Deutschland geht das Geld aus. Wo die Politik etwa mit Reformen zur Verbesserung der Finanzierungssituation auf sich warten lässt, braucht es unternehmerische Lösungen auf Basis von Gesundheitsdaten. Wir brauchen eine Industriepolitik für die Gesundheitswirtschaft, jetzt! Sonst kollabiert unser Gesundheitssystem. Allerdings erschweren es eine restriktive Gesetzeslage, Bürokratie sowie emotionale Vorbehalte und Skepsis, neue Geschäftsmodelle in den Krankenhäusern umzusetzen.

Politik und Gesundheitswirtschaft müssen gemeinsam dafür sorgen, gleichzeitig medizinische Standards unter komplexer werdenden Bedingungen aufrechtzuerhalten und unternehmerische Wagnisse eingehen zu können, also: mehr Gesundheitsdatenlösungen zu ermöglichen. Gerade im Intensivbereich, der das Standbein für die stationäre Versorgung von Kranken ist. Zwar ist der Betrieb für Krankenhäuser und Kliniken einerseits kostenintensiv, andererseits aber wirtschaftlich besonders lukrativ. Durch einen pragmatischen Umgang mit Daten könnte die Akutversorgung durch die Interaktion von Mensch und Technologie entscheidend optimiert werden. Medizinisch und ökonomisch, zum Nutzen aller.

„Datenschutz interessiert nur Gesunde“

Klinische Daten datenschutzkonform zu nutzen, um einen ökonomischen Mehrwert daraus zu generieren – das ist der Gordische Knoten, der gelöst werden muss.

Es ist dabei von entscheidender Bedeutung, die Informationen über Krankheitsbild und Patient:in angemessen zu schützen. Gleichzeitig ist es jedoch auch wichtig, sie in einer anonymisierten Form nicht nur der Wissenschaft und Forschung zur Verfügung zu stellen, sondern auch den Krankenhäusern und anderen medizinischen Versorgern. Im besten Fall so, dass ein riesiger, sektorenübergreifender Datenpool entstünde – aber das bleibt selbst angesichts der geplanten Änderungen am gesetzlichen Rahmen durch das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) ein Traum.

Um die Daten möglichst unkompliziert nutzbar zu machen, sollte etwa im Rahmen des Gesundheitsdatennutzungsgesetzes (GDNG) der Akt der Anonymisierung nicht einwilligungspflichtig werden. Denn gerade in den Momenten – wenn Menschen akut behandelt werden müssen –, in denen rasches Handeln notwendig ist und neue Erkenntnisse für eine Vielzahl von Patient:innen eine verbesserte Behandlung gewonnen werden könnten, ist eine Einwilligung zur Datenverarbeitung in der Regel nicht möglich. Der Satz „Datenschutz interessiert nur Gesunde“ ist immer wieder in Diskussionen mit Ärzt:innen zu hören und spiegelt wider, was Gebot der Stunde sein sollte: Pragmatismus. Für gesunde Menschen in gesunden Kliniken.

Priv. Doz. Dr. med. Lukas Martin, MHBA, ist Chief Medical Officer und Co-Gründer beim MedTech-Unternehmen Clinomic

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