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Standpunkt

Warum Apps und Cell Broadcast nicht reichen

Dietmar Gollnick ist als Präsident der Critical Messaging Association (CMA)
Dietmar Gollnick ist als Präsident der Critical Messaging Association (CMA)

Bevölkerungswarnung muss möglichst viele Menschen zuverlässig erreichen, überall und zu jeder Zeit - auch unter extremen Bedingungen. Warn-Apps allein können das nicht leisten. Fällt das öffentliche Mobilfunknetz aus, sind sie wirkungslos. Gleiches gilt für Cell Broadcasting, schreibt Dietmar Gollnick von der internationalen Critical Messaging Association.

von Dietmar Gollnick

veröffentlicht am 25.08.2021

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Ob Chemieunfall, Terrorakt oder Unwetterkatastrophe – damit eine Warnung effektiv ist, muss sie von allen betroffenen Bevölkerungsgruppen zu jeder Tages- und Nachtzeit wahrgenommen werden können. Die Voraussetzung dafür ist, dass sie zuverlässig funktioniert, auch und gerade in Ausnahmesituationen.
Nicht erst die Unwetterkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen (NRW) im Juli 2021 hat verdeutlicht, dass es nicht reicht, sich vorwiegend auf Warn-Apps zu verlassen. Schon in der Vergangenheit zeigte sich, dass für eine zuverlässige Warnung viel mehr erforderlich ist. Bei den Terror-Anschlägen 2015 und 2016 in Brüssel, Paris und Nizza und beim Amok-Lauf in München gab es zwar Warn-Apps, aber keine erfüllte ihre Funktion rechtzeitig oder verlässlich.

Cell Broadcast ist kein Allheilmittel

Im September 2020 fand erstmals seit dem Mauerfall ein nationaler Warntag in Deutschland statt, an dem das Zusammenspiel der Elemente des Modularen Warnsystems (MoWaS) von Bund und Ländern demonstriert werden sollte. Doch am Warntag blieben viele Warnmittel erstmal stumm, weil die geplante zeitgleiche Zustellung nicht funktionierte. Alle waren gewillt, es in Zukunft besser zu machen. Das Angebot von Experten aus der Industrie, beratend zu unterstützen, wurde allerdings bisher nicht angenommen.

Die Verantwortlichen in den Ländern und im Bund entschieden, die Bevölkerungswarnung bundesweit erst 2022 wieder zu proben. Definitiv zu spät für die Unwetterkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Jetzt wird viel darüber diskutiert, wie gute Warnung funktionieren sollte. Das von verschiedenen Seiten geforderte Allheilmittel: Cell Broadcasting, das warnende Kurz-Nachrichten an alle Empfänger einer gemeinsamen Funkzelle vorsieht. 

Aber wird die Bevölkerungswarnung dadurch wirklich besser? Fakt ist, es kann dazu beitragen. Fakt ist aber ebenso, auch für Cell Broadcasting ist ein funktionierendes öffentliches Mobiltelefonnetz die Voraussetzung. Dieses war jedoch bei den jüngsten Unwetterereignissen in NRW und Rheinland-Pfalz in großen Teilen ausgefallen. Eine Warnung und begleitende Versorgung mit kritischen Nachrichten der Bevölkerung in den vom Ausfall betroffenen Gebieten wäre so nicht möglich gewesen. Auch erreichen diese Nachrichten nur diejenigen, die ihr Mobiltelefon nachts eingeschaltet haben.

Warnung über unabhängige zweite Infrastruktur absichern 

Wenn es um Leben und Tod oder die Gefährdung der Gesundheit geht, haben wir die Pflicht, die größtmögliche Zuverlässigkeit in der Bevölkerungswarnung flächendeckend sicherzustellen. Das geht nur mit einem Mix aus digitalen und analogen Warnmitteln.

Dazu gehören zum Beispiel Sirenen, die seit jeher verlässlich wahrgenommen werden. Auch voneinander unabhängige Infrastrukturen sind erforderlich. So können Warnungen redundant übertragen werden. Eine zweite Infrastruktur muss auch dann funktionieren, wenn Strom- und Datenleitungen defekt oder öffentliche Mobilfunknetze überlastet, wegen krimineller oder terroristischer Bedrohungslagen eingeschränkt oder gar nicht nutzbar sind. 

Technologie und Profi-Netz vorhanden und einsatzbereit

NP2M (Narrowband Point-to-Multipoint) ist eine Schmalbandtechnologie im Mobilfunk, die ein eigenes, sehr robustes, oft satellitengestütztes Netz nutzt und äußerst sparsam mit den Ressourcen Energie und Frequenz umgeht. Die Nachrichten erreichen sehr viele Empfänger gleichzeitig. NP2M schließt Paging ein und hat sich seit 2013 zur international anerkannten, eigenständigen Übertragungsgruppe entwickelt. Sie ist heute bei Feuerwehren, Rettungskräften oder Unternehmen der Kritischen Infrastrukturen im Einsatz. Die European Telecommunication Standardisation Organisation ETSI hält diese Technologie darum für besonders geeignet, um eine einheitliche Verbreitung von Warninformationen an die Bevölkerung oder eine spezielle Warnmeldung an professionelle Verantwortungs- oder Entscheidungsträger vor Ort sicherzustellen.

Dieses alternative Zuleitung nutzende Profi-Funknetz, über das punktgenau alarmiert und gewarnt wird, gibt es bereits in Deutschland. Im Gegensatz zu Cell Broadcasting muss es nicht erst aufwendig und kostspielig aufgebaut werden. Bisher wurde das Potenzial des schmalbandigen Profi-Netzes für die Bevölkerungswarnung allerdings nicht genügend eingeplant, sondern scheinbar vorwiegend auf Warn-Apps gesetzt. Dabei hat es sich bei der Alarmierung und Warnung bewährt. Seit 2004 ist der deutsche Netzbetreiber Partner des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) und Warn-Multiplikator. Auch am Warntag 2020 hat die Übertragung der MoWaS-Meldung über diese zweite Infrastruktur zuverlässig funktioniert.

Alltagsgeräte als Warnmittel mit Weck-Effekt einbinden

Ein weiterer Vorteil: Sowohl Sirenen als auch Alltagsgeräte lassen sich über NP2M zuverlässig auslösen. In deutschen Haushalten befinden sich Millionen privater Wetterstationen und Rauchwarnmelder. Rüstet man diese mit einem Funkmodul aus, hätte theoretisch jeder deutsche Haushalt seine private „Sirene“, die im Katastrophenfall über das Profi-Funknetz angesteuert und ausgelöst wird. So könnte die Warnung unabhängig von öffentlichen Mobilfunknetzen zuverlässig ankommen – auch nachts mit Weck-Effekt. 
Vorschläge für eine solche Gesamtlösung liegen auf dem Tisch. Sie ist verfügbar, einfach und kostengünstig umzusetzen. Jetzt ist es an der Politik und den zuständigen Behörden, die vorhandenen Strukturen zu nutzen und nationale sowie internationale Experten einzubinden – damit die Warnung der Bevölkerung in Zukunft zuverlässiger, effektiver und effizienter wird. Denn die nächste Krise kommt bestimmt. Wir sollten ihr zuvor kommen.

Dr. Dietmar Gollnick ist als Präsident der Critical Messaging Association (CMA), Vorstandmitglied vom Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit (ZOES) und CEO der e*Message-Gruppe, die Europas größtes Sicherheitsfunknetz in Deutschland und Frankreich betreibt, ein Experte für Alarmierung und Warnung.

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