Standpunkt Macht die elektronische Patientenakte erlebbar

Patienten müssen die elektronische Patientenakte (ePA) akzeptieren, sagt Franz Knieps, Vorstand des Dachverbands der Betriebskrankenkassen (BKK). Auf welche Details es bei der Ausgestaltung ankommt, erläutert er in seinem Gastbeitrag.

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Das deutsche Gesundheitswesen steht vor gewaltigen Herausforderungen. Die demografische Entwicklung, der medizinische Fortschritt und die internationale Verflechtung verlangen eine Anpassung an veränderte soziale und ökonomische Verhältnisse. Hinzu tritt die digitale Transformation, die als Herausforderung und Chance zugleich anzusehen ist. Es ist wohl nicht übertrieben, diese Transformation mit der industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert zu vergleichen. Die Digitalisierung ist nicht nur ein technischer Quantensprung, der in alle Lebens- und Arbeitsbereiche dringt, sondern ein fundamentaler sozialer und kultureller Wandel von historischem Ausmaß. Entsprechend weitreichend sind Wirkungen und Folgen. 

Das deutsche Gesundheitswesen ist geprägt durch Stabilität und Anpassungsfähigkeit. Es hat zwei Weltkriege, wirtschaftliche Krisen oder politische Herausforderungen gemeistert, ohne die zugrunde liegenden Werte in Frage zu stellen oder die tragenden Strukturprinzipien wie Solidarität und Selbstverwaltung aufzugeben. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass andere Länder offensiver mit den Herausforderungen der digitalen Transformation umgehen. Dies gilt nicht nur im Vergleich zu den USA oder China. Hier gibt es gute Gründe, weder der schrankenlosen Kommerzialisierung in der Hand weniger Konzerne das Wort zu reden noch den Weg in die totale Überwachung mit zu gehen. Wer aber einen Blick nach Österreich, in die skandinavischen Länder oder die baltischen Staaten wirft, der erkennt auf den ersten Blick, dass wir in der Gefahr stehen, den Anschluss zu verlieren.

Über Details lässt sich streiten

Der deutsche Gesundheitsminister hat diese Gefahr schon länger erkannt und für einen konsequenten Umbau in Richtung Digital plädiert. Dies wird im eigenen Ministeriums ebenso deutlich wie aus den diversen gesetzgeberischen Initiativen aus dem Hause Spahn. Über die Details lässt sich dabei trefflich streiten, über die generelle Richtung nicht. Das gilt insbesondere für die Schaffung einer modernen Telematikinfrastruktur. Hier hat sich die Selbstverwaltung in mehr als 15 Jahren als überfordert erwiesen, so dass die Übernahme der Verantwortung durch den Staat geboten war (eigentlich von Anfang an!). Der Teufel steckt aber im Detail – etwa bei der Zuweisung von Aufgaben und Funktionen an die Institutionen einschließlich der Ausgestaltung ökonomischer Anreize und dem Belegen mit finanziellen Sanktionen. Hier scheint keine sorgfältige Analyse der Werthaltungen und Interessenlagen erfolgt zu sein, mit der Folge, dass Bremser belohnt, Förderer bestraft und Außenstehende, wie Datenschützer und staatliche Sicherheitsfanatiker, nicht in den Blick genommen werden.

Gleichwohl ist absehbar, dass mit der Telematikinfrastruktur die Datenautobahn für das Gesundheitswesen kommt. Damit wären endlich die Voraussetzungen für die sichere Übertragung sensibler Gesundheitsdaten geschaffen. Das heißt jedoch nicht, dass solche Daten auch wirklich ins Netz gestellt und von Patientinnen und Patienten wie von den Personen und Institutionen des Gesundheitswesens genutzt werden können. Hierzu bedarf es einer elektronischen Patientenakte (ePA), die alle notwendigen medizinischen, pflegerischen und administrativen Daten in standardisierter digitaler Form enthält. Da lauert natürlich wieder der berühmte Detail-Teufel. Warum entwickelt Deutschland eigene Standards, wenn andere Länder sich bereits auf entsprechende Vorgaben verständigt haben?  Besteht die Gefahr, dass wir unter Zeitdruck anerkannte internationalen Standards unterschreiten, quasi also ein „Holzmodell“ der ePA entwickeln? Wie werden die Nutzerinnen und Nutzer in diesen Prozess eingebunden? Wie wird die Expertise der Industrie nutzbar gemacht und gleichzeitig die Entstehung von Monopolen, Oligopolen und Abhängigkeiten verhindert?

Entscheidend ist die Nutzung im Alltag

Diese Fragen interessieren zwar die Fachöffentlichkeit, nicht aber die Bürgerinnen und Bürger sowie die Gesundheitsberufe. Die Akzeptanz der ePA wird von der konkreten Nutzung im Alltag abhängen. Es wird Zeit, dass endlich reale „User Cases“ die ePA erlebbar machen. Das gilt nicht nur für medizinische und pflegerische Daten in engerem Sinne, sondern auch für Terminvereinbarungen, Arztbriefe, OP-Aufklärungen, Rezepte, Verordnungen und Überweisungen, Impfpässe, Medikamentenpläne, Diabetestagebücher und vieles mehr. Die Vorstellungswelt zur Ausgestaltung der ePA scheint unendlich. Die Nutzung zur Optimierung der Therapie sowohl hinsichtlich der Qualität der Versorgung und der Compliance des Patienten als auch hinsichtlich des wirtschaftlichen Mitteleinsatzes und der bürokratiearmen Dokumentation schafft neue Freiräume für alle Beteiligten. Sie ermöglicht die Anbindung an die Versorgungsforschung und an Systeme der Künstlichen Intelligenz (KI). Ohne ePA ist an die Entwicklung neuer wirksamer Vorsorgemaßnahmen auf der Basis prädikativer Analyseverfahren und eine flächendeckende Ausbreitung der sogenannten personalisierten Medizin nicht zu denken. Darin liegt auch die Chance, mit zielgenauer Therapie Unter- Über- und Fehlversorgung im Einzelfall wie auf der Systemebene zu reduzieren.

Die digitale Transformation wird die Rolle der Akteure dramatisch verändern. Schon heute erkennen Digitalsysteme Tumore und Krankheitsherde genauer als der Arzt. Entscheidungsprozesse in Institutionen können fast vollständig digitalen Systemen überlassen werden, ungenau als Dunkelverarbeitung abgewertet. Das macht jedoch die Menschen nicht überflüssig. Die Gesundheitsberufe sind die Mittler zwischen menschlichen Bedürfnissen und digitalen Möglichkeiten. Allerdings kommt es stärker auf die Empathie als zentrale Qualifikation an. Ähnliches gilt für Krankenkassen, die eine zentrale Rolle für die Entwicklung der Gesundheitskompetenz, die Information und die Beratung der Versicherten einnehmen und ihre Gestaltungsmöglichkeiten in der Versorgung entsprechend ausrichten. Dazu muss der Gesetzgeber ihnen entsprechende Nutzungsrechte an den Daten bei strikter Wahrung des Datenschutzes einräumen. Versicherte müssen jeden Zugriff auf ihre Daten erkennen können und autorisieren. Denn die digitale Transformation verschiebt die Gewichte im Beziehungsgeflecht des Gesundheitswesens zugunsten der Versicherten und Patienten. Darin liegt ihre zentrale politische Chance.

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens wird auch Thema beim vom Tagesspiegel organisierten Fachforum Gesundheitswirtschaft am Mittwoch sein. Michael Müller (SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin, wird die Keynote halten. Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité Berlin, wird für einen Impulsvortrag erwartet.

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