Standpunkt Macht „Dr. KI“ den Arzt überflüssig?

Die digitale Revolution bringt der Medizin neue Möglichkeiten zur Heilung – doch fördert sie womöglich auch eine Zwei-Klassen-Medizin. Deshalb muss nicht nur die technische Machbarkeit, sondern das Wohl des Patienten in den Mittelpunkt gestellt werden, fordert Axel Ekkernkamp, Geschäftsführer am Berliner Unfallkrankenhaus.

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Als im Spätherbst 2018 die Meldung von der Geburt der chinesischen Zwillingsmädchen Lulu und Nana weltweit in die Schlagzeilen rückte, ließen die Reaktionen nicht lange auf sich warten: Tabubruch, Ethik-GAU, Eingriff in die Schöpfung, unverantwortliche Menschenversuche – das und viel mehr warf man dem chinesischen Genforscher He Jiankui vor, nachdem er verkündet hatte, dass er an den Babys eine Genmanipulation vorgenommen habe. Mit der Crispr/Cas9-Methode, besser bekannt als Gen-Schere, sei das Gen CCR5 ausgeschaltet worden. So soll verhindert werden, dass Aidserreger in die Zellen der Mädchen eindringen können. Denn das Gen gilt als Eintrittstor für Viren vom Typ HIV 1, der Vater der Zwillinge ist damit infiziert.

Die Medizin wird – unaufhaltsam – digital

Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert – darf dieses Paradigma in einer Welt 4.0 auch für die Medizin gelten, gerade vor dem Kontext ethischer Verantwortung? Was kann, was darf die Medizin der Zukunft leisten? Fragen, die uns zunehmend beschäftigen werden, insbesondere angesichts der Entwicklungen bei Künstlicher Intelligenz (KI). Allein die Flut von Publikationen im medizinischen Bereich hat nahezu ungeahnte Ausmaße angenommen: Weltweit werden täglich rund 6.000 medizinische Artikel veröffentlicht. Kein Arzt kann da den Überblick behalten. Datenbanken mit intelligenten Algorithmen dagegen können automatisch Zusammenfassungen erstellen und für jedes Krankheitsbild wiederum automatisch die relevantesten Artikel anzeigen. Für Ärzte stellt das eine fantastische datengestützte Entscheidungshilfe dar.

Die Leistungen in der Diagnostik sind enorm: Bestimmte radiologische Befunde lassen sich schon heute schneller und treffsicherer vom Computer ermitteln als vom Menschen. KI kann Ärzten helfen, schwarzen Hautkrebs zu erkennen. So war ein trainiertes, selbstlernendes Computerprogramm irgendwann besser, bösartige Melanome von gutartigen Muttermalen zu unterscheiden, als Hautärzte. „In der Radiologie erleben wir derzeit eine mathematische Revolution, die schneller und tiefgreifender ist als alle Umbrüche zuvor“, sagte Anfang 2019 Stefan Schönberg, Präsident der Deutschen Röntgengesellschaft, dem Wirtschafts-Magazin „Bilanz“. Wissenschaftler aus China und den USA entwickelten ein System, das u.a. anhand von elektronischen Gesundheitsakten zuverlässiger feststellt, was jungen Patienten fehlte als – relativ unterfahrene – Kinderärzte.

Macht „Dr. KI“ den Arzt überflüssig?

„Das deutsche Gesundheitssystem kann enorm von dem Einsatz Künstlicher Intelligenz profitieren“, konstatierte unlängst der KI Bundesverband e.V. in einem veröffentlichten Maßnahmenkatalog. Und es ist ja auch ein Fakt: KI ist im Gesundheitsbereich schon heute wirklich eine große Hilfe. Gesundheitsdaten werden verarbeitet, um Diagnosen zu verbessern und Ärzten zu helfen, bessere Entscheidungen für ihre Patienten zu treffen. So arbeiten Forscher der Berliner Charité an einem Algorithmus, der bei dem Patienten individuell vorgibt, ob die Therapie eines Schlaganfalls noch sinnvoll ist oder nicht. Die endgültige Entscheidung trifft der Arzt, nicht die Maschine.

Aber wer sagt, dass das immer so sein muss? Wenn der selbst lernende, sich immer weiter verbessernde „Dr. KI“ seine Diagnosen und Therapien so gut erstellt, dass der Arzt sich – zumindest bei Routinebehandlungen – überflüssig macht? Das spart Geld und erhöht mutmaßlich die Qualität, weil das richtig gefütterte Computer-Programm keine Fehler macht. Aber genau da liegt die Gefahr: Die Daten landen in einer Blackbox, und wenn der daraus entwickelte Algorithmus eben nicht ganz perfekt ist, sind auch die Ergebnisse möglicherweise nicht ganz perfekt.

Deshalb ist es vermutlich auch für die Zukunft die beste Lösung, wenn Kollege „Dr. KI“ zuarbeitet, die endgültige Entscheidung aber immer noch von einer Ärztin oder einem Arzt aus Fleisch und Blut abhängt. Der KI Bundesverband fordert, auch das wird für die zukünftige Entwicklung entscheidend sein, die Vorgabe und Festlegung von verbindlichen Standards für Dokumentation und Weiterverarbeitung. Schlagwörter sind für den Verband Interoperabilität, Kooperation und Qualitätskontrolle.

KI-Medizin darf nicht zur Zwei-Klassen-Medizin werden

KI, da sind sich viele Experten einig, sollte vordringlich dort eingesetzt werden, wo sie nachweisbar großes Potenzial hat, die Medizin grundlegend voranzubringen. So machen es KI und Big Data möglich, schwere Krankheiten, insbesondere bei einigen Krebs-Arten, dank sogenannter Präzisionsmedizin deutlich wirksamer als heute zu bekämpfen, weil die genetischen Codes und die Rezeptoren bestimmt werden können. Bei Leukämie im Kindesalter gibt es dort schon Erfolge.

Was aber, wenn ein Patient darauf besteht, dass sein genetischer Code tabu ist und nicht ermittelt werden soll? Ärzte müssen diese Entscheidung respektieren – auch wenn der Patient damit mutmaßlich ganz bewusst ein Mehr an Lebensqualität und Langlebigkeit ablehnt. KI-Medizin darf bei alledem keine Zwei-Klassen-Medizin werden: digitale Errungenschaften müssen letztendlich allen Behandlungsbedürftigen zur Verfügung stehen und nicht nur einer kleinen Gruppe, die sich eine solche, anfangs sicherlich kostenintensive, Behandlung leisten kann.

Realität: Organe aus dem 3D-Drucker

Die Medizin der Zukunft wird auch bestimmt werden von der Schaffung künstlicher Organe. Dank 3D-Druck gibt es schon jetzt angepasste Implantate: Schwere Verletzungen im Gesicht können durch digitale Diagnostik, Aufbereitung von Modellen und die Herstellung von individuell gefertigten Implantaten versorgt werden. Ein Schritt weiter geht es mit dem sogenannten Bioprinting: es erlaubt, Ohrmuscheln, Harnblasen oder Haut zu produzieren, eines Tages sollen es dann Niere, Leber und Herz sein.

Ein Leben aus dem Ersatzteillager: Wollen wir das wirklich? Dürfen wir das? Schon heute muss sich die Medizin zu Recht die Frage gefallen lassen, ob dieses, unter extremem Einsatz von Ressourcen, verlängerte Leben überhaupt noch lebenswert ist. Aber die Entwicklung geht schier unaufhaltsam weiter: Forscher experimentieren schon lange mit dem Enzym Telomerase, das beim Alterungsprozess des Menschen eine wichtige Rolle spielt. Eine Pille soll diesen Prozess zumindest deutlich verlangsamen. Würde es uns wundern, wenn es Forscher gäbe, die darauf hinarbeiteten, den Prozess gänzlich aufzuhalten?

Wird der Mensch unsterblich?

Ray Kurzweil, der US-amerikanische Zukunftsforscher, Erfinder, Vordenker und Wegbereiter der Transhumansimus-Idee sieht darin kein Problem. Der 71-Jährige nimmt nach eigenen Angaben täglich 150 bis 250 Tabletten mit Vitaminen, Mineralien und anderen Inhaltsstoffen zu sich. Er setzt auf eine Biotechnologie, die es schon in wenigen Jahren erlaubt, dass Menschen ihre Gene optimieren und reparieren können. Die nächste Entwicklungsstufe sei dann, dass winzige Roboter, sogenannte Nanobots, in menschlichen Körpern eingesetzt werden und alte oder defekte Zellen austauschen. Bis etwa zum Jahr 2045 sei man so weit, dann gehöre das Altern der Vergangenheit an, der Mensch werde unsterblich.

Zukunftsphantastereien? Möglicherweise. Aber wer hätte vor einigen Jahren gedacht, dass es einmal etwas wie die Crispr-Genschere geben würde? Und trotz einiger ethischen Bedenken: Es ist ja nicht so, dass sie per se die Grenzen des ethisch Vertretbaren durchtrennt. Forscher hoffen mit Hilfe dieser Technik eines Tages menschliche Gendefekte reparieren und damit Erbkrankheiten wie etwa Mukoviszidose oder Sichelzellanämie verhindern zu können. Es ist eine eigentlich sichere Form der Gentherapie, wenn sie direkt am Patienten durchgeführt wird. Und dank KI-Anwendungen arbeitet die Hochpräzisions-Schere immer genauer.

Wir müssen für unser Gesundheitssystem immer wieder exakt definieren, welche Technologien wir im Interesse der Wissenschaft und des Patienten tatsächlich einsetzen wollen. Eigentlich ist es ganz einfach: Das, was für den Menschen am besten ist. Aber genau deshalb ist die Genmanipulation bei den chinesischen Zwillingen nicht das, was wir wollen und verantworten können. Abgesehen davon, dass bei einem der Mädchen nicht alle Zellen das veränderte Gen tragen und sie deshalb nicht vollständig vor HIV geschützt ist: Der Eingriff mit der Genschere kann bei aller Präzision mit gefährlichen Nebenwirkungen verbunden sein. Dazu gehört auch das erhöhte Krebsrisiko: bei den Mädchen – und ihren Nachfahren.

Prof. Dr. med. Axel Ekkernkamp ist Geschäftsführer Medizin der BG Kliniken, Professor für Unfallchirurgie an der Universität Greifswald und Mitglied des Ayinger Gesprächskreises.

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