Standpunkt Smart Cities: Kein Know-How-Problem

Vor einer Woche berichtete Tagesspiegel Background über das Zuständigkeitschaos bei den zwei Smart-City-Plattformen, die BMI und BMWi aufbauen wollen. Dabei braucht Deutschland keins dieser Gremien, argumentiert Mathias Oberndörfer von KPMG.

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Beim European Song Contest (ESC) in Israel hat es Deutschland in dieser Woche nur auf Platz 25 geschafft –  beim weltweiten Vergleich im Digitalisierungsindex des Fraunhofer-Institutes von 2018 schafften wir es immerhin auf Platz 17 von 35. Doch die Digitalisierung in Deutschland, vor allem im öffentlichen Bereich, geht nur mit mittelmäßigem Tempo voran. Das hat der Normenkontrollrat in seinem neuen „Monitor Digitale Verwaltung“ soeben wieder festgestellt. 

Deutschland braucht Tempo. Vielleicht ist das der Grund, warum gleich zwei Ministerien jetzt neue Informationsplattformen aufbauen wollen –  beide für dasselbe Thema. Sowohl das Innenministerium als auch das Wirtschaftsministerium wollen eine eigene Smart-City-Plattform. Darauf soll ein Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen Bund und Kommunen ermöglicht werden.  

Diese Idee kommt aber über zehn Jahre zu spät. Smart City-Konzepte und Initiativen gibt es schon seit mindestens 2008. Damals hat sich das Städtenetzwerk „Eurocities“ auf den Weg gemacht, die Entwicklung zur Smart City für ihre Mitglieder anzustoßen und umzusetzen. Im Netzwerk von Eurocities sind rund 140 europäische Städte zusammengeschlossen, darunter Wien, Amsterdam, Helsinki und auch das spanische Santander. 

Wer sich damals auf den Weg gemacht hat, der kann heute auch eine erfolgreiche Umsetzung vorweisen. Beispielsweise in Santander. Dort hat die Stadt rund 20.000 Sensoren in Mülltonnen, Straßenlaternen und Parkleitsystemen verbaut, um Wasser und Energie zu sparen und den Verkehr in der Stadt zu minimieren und zu leiten. Das Ganze wird von einem sogenannten Stadtlabor aus mit Wissenschaftlern geleitet. 

Es gibt also mehr als genug Wissen, Konzepte, Strategien, unter anderem auch von der Europäischen Union seit 2010 sowie wissenschaftlich begleitete Umsetzungen, auf denen die Bundesregierung aufsetzen und auf die sie zurückgreifen kann.Was wir nicht brauchen, sind noch mehr Gremien oder gar Doppel-Gremien. Was wir dagegen für ein höheres Tempo bei der Digitalisierung von Deutschland brauchen, sind konkrete finanzielle Hilfen und digitale Fachkräfte für die rund 80 Prozent Kleinstädte und ländliche Kommunen unter 20.000 Einwohnern in Deutschland. Die haben nämlich weder die finanziellen Mittel noch die digitale Infrastruktur noch die benötigten Fachkräfte für den digitalen Wandel hin zur Smart Cities.

Mathias Oberndörfer ist seit 2014 Bereichsvorstand für den Öffentlichen Sektor der KPMG AG und seit 2016 Managing Director der KPMG Law Rechtsanwaltsgesellschaft mbH. Seine Themenschwerpunkte sind Digitalisierung, Infrastruktur der Zukunft und Smart Cities. 

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