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Verkehr & Smart Mobility

Standpunkte Deutsche Bahn muss Widerstand gegen Ticketverkauf von Wettbewerbern aufgeben

Elmer van Buuren, Co-Chef von European Sleeper
Elmer van Buuren, Co-Chef von European Sleeper Foto: European Sleeper

Die DB-Reiseauskunft enthält einen Fehler: Statt „Preisauskunft nicht möglich“ sollte den Reisenden gesagt werden „Preisauskunft nicht gewollt“, wenn es um Tickets anderer Betreiber geht. Mit dieser Haltung schadet die Deutsche Bahn dem europäischen Zugverkehr und letztlich auch sich selbst.

von Elmer van Buuren

veröffentlicht am 06.06.2024

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Unser Nachtzug European Sleeper feierte soeben seinen ersten Geburtstag, was manchen wohl überrascht. „Hurra, wir fahren noch!“ – trotz der Infrastruktur, trotz der Herausforderungen im Betrieb und vor allem ohne einen bedeutenden Vertriebskanal. Denn der DB Navigator und bahn.de sind so gut, dass sie europaweit genutzt werden. Der European Sleeper wird zwar angezeigt, doch unsere Fahrkarten sind dort nicht erhältlich.

Derlei verlorene Umsätze gehen an die Substanz eines Start-ups: Jedes verkaufte Ticket ist wichtig, bucht die Kundschaft doch am liebsten dort, wo sie es gewohnt ist. Also bei der Bahn. Technisch wäre dies sehr einfach möglich, doch auch nach Gesprächen auf Vorstandsebene ist keine Lösung in Sicht.

Schützenhilfe aus der Politik? Fehlanzeige, die Deutsche Bahn handele eigenwirtschaftlich. Aber gerade das bedeutet doch, dass unternehmerisches Denken seitens der DB erwünscht ist: Für den Verkauf unserer Tickets gibt es eine branchenübliche Provision, die von den Staatsbahnen in Belgien und Tschechien gerne angenommen wird. Sowohl SNCB als auch CD sind relevante Vertriebskanäle und vorbildlich für eine gute Zusammenarbeit.

Verbindungen von European Sleeper online und in der App kaum zu finden

„Es ist Teamsport, wir müssen das zusammen machen, nur so wird da wirklich ein großes Netz draus“, sagte Stefanie Berk als DB-Vorständin Marketing & Vertrieb bei der Verlängerung des ÖBB-Nightjets nach Stuttgart. Unsere Zustimmung könnte größer nicht sein – und weiter: „Wir liegen nun mal in der Mitte Europas, und insofern fahren viele Menschen von Deutschland oder nach Deutschland, und der DB Navigator, bahn.de, Reisezentren sind wichtig für den Verkauf.“ Exakt darum geht es in diesem Beitrag.

Kartellrechtlich interessant wird es nun angesichts der Tatsache, dass die DB sehr wohl Nachtzugtickets verkauft, insbesondere für den Partner ÖBB. Dessen Nightjet verkehrt wie unser Zug zwischen Berlin und Brüssel, auf einem anderen Weg, aber mit exakt den gleichen Komfortkategorien: Schlafwagen, Liegewagen, Sitzwagen. Die Buchungssysteme sind in einem Netzwerk verbunden. Bildlich gesprochen, könnte eine Kundin schon sehr bald ihre Tickets in den DB-Warenkorb legen, doch an der Kasse soll niemand sitzen.

Aktuell sieht es so aus, dass nur versteckt und nach Klick auf die Zugnummer angezeigt wird: „Tickets unter www.europeansleeper.eu“ – dies zu erreichen, war ein bürokratischer Akt, mit neuen Gebühren in jedem Fahrplanjahr, zu zahlen an die DB.

Versucht man einen Zug der Staatsbahnen SNCF, Trenitalia, SBB oder ÖBB zu buchen und klickt auf „Preis ermitteln“, wechselt die Website von bahn.de zu international-bahn.de. Das wirft die Frage auf: Warum ist nicht einmal die Verlinkung von europeansleeper.eu möglich? Umso mehr, als dass die Bahn sogar Eurostar-Tickets verkauft – ein direkter Wettbewerber auf der Strecke Köln-Brüssel.

Was könnte also der Grund für die ablehnende Haltung sein? Selbst wenn die DB in der Kooperation mit den ÖBB risikotragend teilnimmt, dann zumindest nicht in puncto Investitionen. Schließlich gehörte das Wagenmaterial früher der DB, bis es 2016 von den ÖBB auf eigenes Risiko übernommen wurde. Das kommerzielle Risiko beim Verkauf der Fahrkarten dürfte, angesichts der guten Buchungslage und jüngster Preissteigerungen, nicht besonders groß sein.

Eine Staatsbahn hat eine besondere Verantwortung

Das „System Bahn“ ist sehr modular, und dank Markteröffnung wird das Angebot immer vielfältiger. Damit die Mobilitätswende gelingt, haben die Beförderer die gemeinsame Aufgabe, das Bahnfahren so einfach zu machen wie die Nutzung des eigenen Autos. Der Verkauf von European-Sleeper-Tickets durch die DB ist also nur ein Zwischenschritt. Wir möchten zukünftig sowohl unseren Nachtzug, als auch Anschlüsse anderer Bahnen verkaufen.

Eine Staatsbahn hat zudem eine besondere Verantwortung. Als früher einzige Vertreterin des Systems ist ihr die Marke in den Schoß gefallen. Und damit die Omnipräsenz im digitalen wie personenbedienten Vertrieb.

Natürlich wurden Reisezentren, Website und DB Navigator stetig durch DB Fernverkehr weiterentwickelt, vieles davon ist wirklich gut gelungen. Es ist auch nicht unbedingt falsch, dass der Fernverkehr eigenwirtschaftlich agieren muss. Wir halten jedoch die Konsequenz für falsch, dass eine zufällig durch DB Fernverkehr ausgeübte Funktion nur dem eigenen Erfolg zugutekommt.

Die Marke DB ist Gemeinwohl. Es ist die Marke, die Zugreisenden, in Deutschland wie im Ausland, bekannt ist. Es ist ein Instrument für die durch den Klimawandel so wichtige Mobilitätswende. Und es ist eine bundeseigene Marke. Also kann der Bund Einfluss nehmen.

Vorschlag: Alle Vertriebsplattformen der DB werden gemeinnützig

Höchste Eisenbahn also für wirksame Maßnahmen: Auch das Bundeskartellamt entschied kürzlich, dass verschiedene Verhaltensweisen und Vertragsklauseln der Deutschen Bahn gegenüber Mobilitätsplattformen einen Missbrauch von Marktmacht darstellen.

Unser Vorschlag: Alle Vertriebsplattformen der DB werden gemeinnützig, zum Beispiel durch Eingliederung in die DB InfraGO. Die Regierung muss Verantwortung für das Gesamtsystem Bahn übernehmen: Der diskriminierungsfreie Verkauf aller Fahrkarten ist Teil des Gemeinwohls und der Klimawende.

Wir verstehen uns als Teil eines europäischen Bahn-Netzwerkes, als einziger Zug verbindet der European Sleeper vier Hauptstädte. Tagsüber hin mit dem Intercity und mit unserem Nachtzug zurück? Großartig, geben wir den Reisenden diese Optionen! Viele Menschen würden gern öfter mit dem Zug fahren, als man glaubt. Machen wir es ihnen so einfach und bequem wie möglich.

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