Priorität für die Schiene : Eisenbahn und ÖPNV sind Teil der Sicherheitsarchitektur
Eisenbahn und ÖPNV sind für die Resilienz im Krisen- und Verteidigungsfall essenziell. Daraus folgt, dass ihre Ertüchtigung Teil staatlicher Verantwortung ist. Der VDV fordert: Bund und Länder müssen zusätzliche Vorhaltung, Ertüchtigung, Personalbindung, Betriebsmittel, Anlagen und Infrastruktur vollständig finanzieren. Dabei können sie auch gerne EU-Mittel einbeziehen.
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Die Rückkehr der Landes- und Bündnisverteidigung auf die politische Agenda verändert den Blick auf den Verkehrssektor. Mobilität ist nicht nur Wirtschafts- und Klimapolitik, sondern Kern staatlicher Handlungsfähigkeit. Militärische Mobilität – die schnelle, sichere und grenzüberschreitende Verlegung von Personal, Material und Versorgungsgütern – hängt an funktionierenden Netzen und Knoten. Für schwere Transporte, strategische Korridore und zuverlässige Versorgung ist die Eisenbahn das zentrale System. Der ÖPNV sichert Grundmobilität und kann in Krisen Evakuierung, Sonderverkehre und Transportleistungen für Hilfskräfte übernehmen. Beide Systeme sind damit elementarer Bestandteil deutscher und europäischer Sicherheitsarchitektur.
Krisenfestigkeit entsteht nicht im Ausnahmefall, sondern im Regelbetrieb. Nur ein leistungsfähiges, verlässliches System kann zusätzliche Belastungen in Katastrophen- oder Verteidigungslagen aufnehmen. Resilienz muss deshalb als Fähigkeit zur Vorsorge, zur Ausweichführung und zur schnellen Wiederherstellung politisch mitgedacht werden – nicht nur als Schutz einzelner Anlagen. Das ist ein praktischer Auftrag an Politik für die Umsetzung in den Bereichen Infrastruktur, Betrieb und Personal.
Infrastruktur: Korridore und Knoten ertüchtigen
Deutschland leidet im Verkehrssektor unter einem erheblichen Investitionsrückstand; im Schienenbereich schwächt das ausdrücklich auch die Krisenfestigkeit. Resilienz heißt Netzfähigkeit: Es braucht belastbare Brücken, ausreichende Lichtraumprofile, leistungsfähige Grenzübergänge, Hafenhinterlandanbindungen und Verladeeinrichtungen. Hinzu kommen ein geschütztes Bahnstromsystem sowie moderne Leit- und Sicherungstechnik.
Auf strategischen Korridoren und Umleiterstrecken sind durchgängige Mindeststandards entscheidend. Im Ernstfall entscheiden Nutzlängen von 740 Metern sowie passende Achslasten und Profile darüber, ob Transporte ohne operative Brüche rollen können.
Elektrifizierung: Systembrüche vermeiden
Elektrifizierung ist ein Hebel für Leistungsfähigkeit, Klimaschutz und Betriebssicherheit – und damit auch für Resilienz. In Deutschland sind rund 60 Prozent der Eisenbahnstrecken elektrifiziert; der VDV setzt sich für einen Elektrifizierungsgrad von 75 Prozent ein.
Entscheidend ist nicht „mehr Oberleitung“ um ihrer selbst willen, sondern durchgängige elektrische Korridore – inklusive Umleiterstrecken und leistungsfähiger Grenzübergänge. Gleichzeitig gilt: Klimafreundliche Antriebe dürfen keine einseitigen Abhängigkeiten erzeugen. Resilienz verlangt Handlungsfähigkeit auch bei Störungen – einschließlich robuster und flexibler Energie- und Kommunikationsstrukturen.
Betrieb: Kapazitäten und Reserven verfügbar halten
Krisenfestigkeit entscheidet sich auch im Betrieb: Kurzfristig verfügbare Kapazitäten bei Güterwagen, Spezialfahrzeugen, universell einsetzbaren Lokomotiven sowie Verlade- und Umschlagtechnik sind essenziell. Dazu gehören Material- und Ersatzteilbevorratung, mobile und ortsfeste Tankanlagen sowie strategische Bau- und Instandhaltungskapazitäten, damit Störungen nicht zum Stillstand führen, sondern schnell abgearbeitet werden können.
Resilienz ist immer auch eine Personal- und Kompetenzfrage. Im Ernstfall braucht es qualifiziertes Personal in Stellwerken und Leitzentralen, im Fahrbetrieb, in Instandhaltung und Bahnstromversorgung sowie bei Be- und Entladung. Daher müssen Schulungen, Übungen, Sicherheitsüberprüfungen und praxistaugliche Reservistenregelungen stärker in die strategische Vorsorge integriert und die strukturierte Kooperation zwischen Bundeswehr, Infrastrukturbetreibern und Verkehrsunternehmen ausgebaut werden.
Finanzierung: Staatliche Aufgabe, klare Zuständigkeiten
Wenn Eisenbahn und ÖPNV zusätzliche Aufgaben in Krisen- und Verteidigungslagen übernehmen, ist ihre Ertüchtigung Teil staatlicher Verantwortung. Der VDV fordert: Bund und Länder müssen zusätzliche Vorhaltung, Ertüchtigung, Personalbindung, Betriebsmittel, Anlagen und Infrastruktur vollständig finanzieren – auch unter Einbeziehung europäischer Instrumente.
Entscheidend ist das Zusammenspiel: Infrastruktur, Betrieb und Personal dürfen politisch nicht getrennt behandelt werden. Resilienz braucht langfristige Haushaltsansätze, klare Zuständigkeiten und einen verbindlichen Koordinierungsrahmen zwischen Staat, Bundeswehr und Branche.
ÖPNV: Grundmobilität und Krisenlogistik
Die Erfahrungen aus der Ukraine zeigen: Wer Krisenresilienz ernst nimmt, muss auch den ÖPNV einbeziehen. Er hält Städte und Regionen funktionsfähig, ermöglicht Evakuierungen und kann Anlagen wie Betriebshöfe, Werkstätten, Abstellflächen oder Haltestellen als Logistikstützpunkte, Bereitstellungsräume und Versorgungsflächen verfügbar machen. Daraus folgen Anforderungen an Perimeterschutz, Notstromversorgung, Kraftstoffbevorratung, Kommunikationswege und betriebliche Vorbereitung – und damit einhergehend an Planung und Finanzierung.
Investitionen in Krisenfestigkeit erhöhen stets auch den Nutzen im zivilen Betrieb. Ein robustes Netz, moderne Technik, verfügbare Kapazitäten und gesicherte Fachkräfte verbessern Zuverlässigkeit und Qualität im Alltag, während sie gleichzeitig im Ernstfall Handlungsfähigkeit sichern. Jetzt kommt es darauf an, Resilienz verbindlich in Verkehrs-, Sicherheits- und Finanzierungsstrategie zu verankern: mit priorisierten Korridoren und Knoten, klaren Standards, klaren Zuständigkeiten und verlässlicher, langfristiger Finanzierung.
Krisenfeste Mobilität ist damit kein verhandelbarer Zusatznutzen, sondern zentrale Voraussetzung dafür, dass Staat und Gesellschaft in Ausnahmelagen funktionieren. Dementsprechend muss sie gestärkt und priorisiert werden.
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