Dieselmotor ausgebaut : Mit dem E-Reisebus durch die Dolomiten
Reisebusse lassen sich einfacher auf E-Antrieb umrüsten als Niederflurbusse im ÖPNV. Wenn eine Vision, der richtige technische Partner und Förderung von der Bundesregierung zusammenkommen, ist die Umsetzung gar nicht so schwierig.
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Nachdem ich viele Messen besucht und viele Fachvorträge gehört habe, hat mich 2016 das Thema Elektromobilität endgültig gepackt. Danach habe ich mich tief in die Technologie eingearbeitet. Für mich ist klar, dass die Elektromobilität auch im Omnibusverkehr alle anderen Antriebsarten dominieren wird.
Schnell habe ich meinen Bruder Andreas Scharf, gleichberechtigter Geschäftsführer der Scharf OHG, mit dem Virus E-Mobilität infiziert. So haben wir Fördermittel beantragt und im Oktober 2019 den Zuschlag bekommen. Mein erstes Konzept, den Elektroantrieb nicht im ÖPNV, sondern im Reisebus einzusetzen, konnten wir aufgrund der Corona-Pandemie nicht sofort umsetzen. Die Idee war: Wenn die E-Technik, insbesondere die Reichweite, zum Einsatz im Reisebus passt, ist der Einbau der technischen Komponenten einfacher als beim Niederflurbus im ÖPNV.
100 Prozent Elektromobilität in Erding
Gleichwohl haben wir Mitte 2020 auch für den öffentlichen Verkehr ein Konzept entwickelt. Die Einführung der E-Mobilität im Stadtverkehr Erding in Bayern startete mit dem Testbetrieb auf der Linie 580. Bisher wurde diese Linie mit einem Diesel-Midi-Bus betrieben. Seit Dezember 2021 bedienen nun zwei Midi-Busse mit elektrischem Antrieb die Strecke.
Die Schlagzeile des „Münchner Merkur“ „Eine Weltneuheit in 375 Tagen“ ist gerechtfertigt. In dieser Zeit wurden zwei Mercedes-Benz Sprinter City 75 auf batterieelektrischen Antrieb umgerüstet sowie eine Ladeinfrastruktur mit einem eigenen Trafo, zwei Schnellladesäulen und zwei Wallboxen aufgebaut. 2022 folgte den Sprintern zusätzlich ein freiwillig beschaffter MAN Lion City 12 E, um Erfahrungen auch im Zwölf-Meter-Sektor der Fahrzeuge zu sammeln.
Die große Kreisstadt Erding ist von der Elektromobilität so überzeugt, dass die neue Vergabe des Stadtverkehrsunternehmens Erding im Dezember 2024 per EU-weiter Ausschreibung 100 Prozent Elektromobilität vorsah. Damit war Erding die erste große Kreisstadt in Bayern, die so konsequent in Richtung Klimaschutz fährt.
Wettbewerb um die besten Ideen
Nachdem unser Unternehmen den Zuschlag bekommen hatte, machten wir uns an die Umsetzung. Zum Fahrplanwechsel nahmen 13 E-Busse, eine 749-Kilowatt-Peak-PV-Anlage sowie zwei große Carports mit insgesamt 17 Ladepunkten und eine separate E-Bus-Werkstatt ihren Betrieb in Tittenkofen auf.
Doch unsere Vision von 2016 mit E-Reisebussen ließ uns nicht ruhen. In der Branche waren uns mehrere Unternehmen bekannt, die Dieselbusse auf batterieelektrischen Antrieb umbauen. Wir haben die Umrüstung von zwei recht neuen Dieselbussen ausgeschrieben und der Firma To Zero den Zuschlag gegeben.
Bei To Zero und uns herrschte im Wortsinne Hochspannung. Das sehr positive Ergebnis überzeugte alle Beteiligten: das Unternehmen To Zero, den Hauptlieferanten von E-Motor und Steuerungen, die Firma Voith, und uns. Es gab keine Probleme zu lösen, sondern nur Aufgaben umzusetzen.
Die Zusammenarbeit des Trios, von der Abstimmung der Bauräume über unseren Sonderwunsch einer integrierten Ladekabelverlängerung bis zum Finetuning der Programmierung auf der Testfahrt über den Brenner und in den Dolomiten war immer geprägt von dem Wettbewerb um die besten Ideen und der Umsetzung der gemeinsamen Entscheidungen.
Ausgestattet ist der E-Bus mit zwölf LFP (Lithium-Eisen-Phosphat)-Batteriepaketen vom Hersteller und VW-Partner Gotion mit einer Gesamtkapazität von 420 Kilowattstunden. Verbaut sind acht Batterien im ehemaligen Motorraum und weitere vier Stück im Kofferraum. Die Batterien können mit einer maximalen Leistung von 250 Kilowatt (in unserem Fall begrenzt auf 200 kW) geladen werden. Der Elektromotor ist ein Synchron-Zentralmotor mit einer Effizienz von 98 Prozent, einem Drehmoment von 3100 Newtonmetern und einer Spitzenleistung von 410 kW (etwa 557 PS).
Eine elektrische Revolution im Busreiseverkehr
Im Juli 2025 wurde unser erster TZ-S E-Coach ausgeliefert. Vorangegangen waren tausende Kilometer Testfahrten. Noch im Juli gab es als Highlight eine reale Testfahrt nach Bozen und Meran, inklusive einer kleinen Dolomitenrundfahrt zum Nigerpass auf 1700 Meter. Störungsfrei mit optimalen Werten für Temperatur, Drehmoment und Stromverbrauch hat der E-Reisebus innerhalb von zwei Tagen 1200 Kilometer abgespult – eine Revolution im Busreiseverkehr.
Die Entscheidung, bestehende Fahrzeuge umzubauen, bevor die etablierten Hersteller überhaupt liefern können, fiel aus mehreren Gründen. Da war die Vision von 2016, es gab wirtschaftliche Aspekte und optimale Einsatzgebiete für E-Reisebusse. Wir wollten einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten, statt funktionstüchtige Fahrzeuge stillzulegen oder sie ins Ausland zu verkaufen, wo sie weitere Emissionen verursachen. Außerdem haben wir Freude an der Technik und am Fortschritt.
Das gesamte E-Bus-Projekt wird im Rahmen der „Richtlinie zur Förderung alternativer Antriebe im Schienenverkehr und von Bussen im Personenverkehr“ mit insgesamt 3,6 Millionen Euro vom Bundesministerium für Verkehr gefördert. Fördermittel für diese Maßnahme werden auch im Rahmen des Deutschen Aufbau- und Resilienzplans über die europäischen Aufbau- und Resilienzfazilitäten im Programm Next Generation EU bereitgestellt. Die Förderrichtlinie wird von der bundeseigenen NOW GmbH koordiniert und durch den Projektträger Jülich umgesetzt – aus unserer Sicht sinnvoll eingesetztes Steuergeld.
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