Reformstau : Theorie bald komplett online – aber warum nicht für Berufskraftfahrer?
Wenn der Theorieunterricht für den Pkw-Führerschein künftig vollständig online möglich sein soll, wirkt der Präsenzzwang in der Pflichtweiterbildung für Berufskraftfahrer wie aus der Zeit gefallen. Dabei entscheidet sich genau hier, ob Speditionen Touren stabil fahren können. Und ob ein ohnehin vom Fachkräftemangel geprägtes Berufsfeld durch unnötige Organisation weiter an Attraktivität verliert.
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Die Bundesregierung will die Führerscheinausbildung in Deutschland digital modernisieren. Die Debatte ist nachvollziehbar: Für viele Menschen ist der Pkw-Führerschein inzwischen sehr teuer geworden. Digitalisierung wird dabei ausdrücklich auch als Mittel verstanden, Kosten zu senken, weil der Theorieunterricht flexibler organisiert werden kann und weniger starre Präsenzstrukturen benötigt. Fahrschulen können dann selbst entscheiden, ob sie komplett digital oder in Präsenz unterrichten.
Digitale Theorie, analoge Pflicht
Hier entsteht ein Bruch, der den Speditionssektor direkt betrifft. Während im privaten Führerscheinbereich die Weichen Richtung „digital first“ gestellt werden, bleibt die verpflichtende Weiterbildung für Berufskraftfahrer in Deutschland weiterhin größtenteils im Präsenzmodus gefangen – obwohl ausgerechnet dort der Hebel für Entlastung, Planbarkeit und Fachkräftesicherung besonders groß wäre.
Immerhin rund 1,5 Millionen Lkw- und Busfahrer in Deutschland müssen zur Verlängerung ihres Führerscheins alle fünf Jahre eine Weiterbildung im Umfang von 35 Stunden nachweisen, aufgeteilt in fünf Module à sieben Stunden. Das ist grundsätzlich sinnvoll. Sicherheit, Technik, Ladungssicherung und Sozialvorschriften entwickeln sich weiter. Das Problem liegt nicht im „Ob“, sondern im „Wie“.
EU-Rückenwind für digitale Weiterbildung
Seit Jahren gibt es auf EU-Ebene den Impuls, digitales Lernen in der Berufskraftfahrer-Weiterbildung zu ermöglichen. 2018 wurde der digitale Anteil dort grundsätzlich zugelassen. Ziel der Anpassung ist, dass Berufskraftfahrer zumindest zwölf von 35 Stunden als E-Learning absolvieren können. Die übrigen 23 Stunden bleiben zwingend als Präsenzunterricht in Fahrschulen oder Ausbildungsstätten stehen.
2026 folgte mit der Novelle des Berufskraftfahrerqualifikationsgesetzes der Schritt in die richtige Richtung auch in Deutschland. In der Praxis fehlt jedoch weiterhin die abschließende behördliche Umsetzung. Ohne Durchführungsverordnung können digitale Weiterbildungen für Berufskraftfahrer rechtlich und organisatorisch in Deutschland nicht rechtssicher starten.
Wer das für eine Kleinigkeit hält, muss nur einmal die Folgen im Betrieb durchrechnen. Präsenzblöcke liegen an zusätzlichen Tagen, häufig am Samstag. Dazu kommen An- und Abfahrten, teils Übernachtungen, das Verschieben von Touren und das Umverteilen von Arbeit im Team. Wenn mehrere Fahrer zeitgleich ausfallen, fehlt nicht nur Personal, sondern es gerät die gesamte Einsatz- und Tourenplanung unter Druck.
Organisatorisch teuer, unnötig kompliziert
Für Unternehmen bedeutet die Pflichtweiterbildung heute vor allem eines: Aufwand. Das betrifft nicht nur Disposition und Geschäftsführung, sondern auch unmittelbar die Fahrer. Viele arbeiten im Schichtsystem, sind tageweise unterwegs oder haben familiäre Verpflichtungen. Für sie macht es einen spürbaren Unterschied, ob Lernen flexibel in den Alltag passt oder ob es wiederholt einen zusätzlichen Weg in den Schulungsraum bedeutet.
Genau deshalb bleibt erklärungsbedürftig, warum beim privaten Führerschein digitaler Theorieunterricht als logischer Modernisierungsschritt gilt, während Berufskraftfahrer bei der Weiterbildung weiterhin in einem System stecken, das Präsenz als Standard voraussetzt.
Digitalisierung ist kein „Nice to have“
Deutschland hat einen akuten Fahrermangel. Bereits 2024 waren laut Branchenangaben rund 70.000 Lkw-Stellen unbesetzt; im ÖPNV fehlten laut Verband Deutscher Verkehrsunternehmen bundesweit ebenso Zehntausende Busfahrer. Hinzu kommt die Altersstruktur. Ein großer Teil der Fahrer ist 55 Jahre und älter, viele werden in den kommenden Jahren in Rente gehen.
In dieser Lage zählt jede Stellschraube, die den Beruf attraktiver macht und Betriebe handlungsfähiger hält. Dazu gehören Löhne und Arbeitsbedingungen. Dazu gehören aber auch Bürokratie, Organisation und die Frage, wie Weiterbildung im Alltag überhaupt realistisch abbildbar ist.
Digitale Weiterbildung kann hier konkret wirken. Sie schafft Flexibilität für Fahrer, weil Lernen orts- und zeitunabhängig in sinnvollen Einheiten möglich wird und besser zu Ruhezeiten und Dienstplänen passt. Sie entlastet Betriebe, weil Ausfälle durch Präsenztermine sinken und weniger umgeplant werden muss. Und sie verbessert die Nachweisführung, weil Teilnahmen dokumentiert und Unterlagen für Kontrollen strukturiert exportiert werden können.
Das ist keine Zukunftsmusik. Solche Plattformen existieren bereits. Auch, weil der Aufwand in der Praxis so hoch ist, dass die Ersten begonnen haben, Lösungen zu bauen. Start-ups wie BKF Online Schulungen haben beispielsweise bereits ein digitales Angebot aufgebaut: nicht als Marketing-Idee, sondern als Antwort auf eine operative Dauerbelastung. Sie macht Lernen orts- und zeitunabhängig möglich, ohne die Dokumentation dem Zufall zu überlassen.
Statt Papierzetteln und Excel-Listen stehen Funktionen im Vordergrund, die im Pflichtkontext zählen, darunter Erinnerung an Fristen, automatische Protokollierung der absolvierten Module und standardisierte Exporte, die sich bei Kontrollen oder gegenüber Behörden vorlegen lassen. Solche Mechaniken sind die Voraussetzung dafür, dass digitale Weiterbildung organisatorisch entlastet, ohne die Nachweisbarkeit zu schwächen.
Woran hängt es eigentlich?
Aus der Branche heißt es, die Abstimmung sei komplex, weil die Umsetzung über Länderbehörden läuft und administrative Prozesse Zeit brauchen. Das mag im Detail stimmen. Für Betriebe bleibt das Ergebnis dennoch frustrierend, denn die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen entwickeln sich zu langsam.
Und während bei anderen Bereichen des Führerscheins der Mut zur Modernisierung wächst, bleibt ausgerechnet die berufliche Pflichtweiterbildung in einem halbdigitalen Zwischenzustand.
Was fehlt, ist nicht die Technik. Es fehlt der finale Schritt seitens der Politik, die Regeln so zu setzen, dass digitale Weiterbildung nicht nur in einem kleinen Teilbereich erlaubt ist, sondern als vollwertige, rechtssichere Alternative zur Präsenz funktionieren kann.
Was jetzt passieren muss
Es braucht zeitnah klare, rechtssichere Standards für digitale Weiterbildung, wenn „modern und zeitgemäß“ mehr sein soll als ein Leitbild. Es braucht langfristig deutlich mehr digitalen Spielraum als die bislang vorgesehenen 12 von 35 Stunden, denn Digitalisierung wirkt dort am stärksten, wo sie Ausfälle, Umplanung und Nachweischaos im Alltag reduziert.
Und es braucht Tempo, weil jede weitere Verzögerung den Druck im Betrieb und am Arbeitsmarkt erhöht. Die Reformdebatte rund um den Pkw-Führerschein zeigt, wie schnell Modernisierung möglich wird, wenn politischer Druck entsteht. Diese Dringlichkeit muss auch bei der Berufskraftfahrer-Pflichtweiterbildung derjenigen gelten, die Versorgung und Mobilität täglich absichern.
Wenn Theorie im privaten Führerschein künftig vollständig online möglich sein soll, bleibt umso weniger erklärbar, warum Berufskraftfahrer ihre verpflichtenden 35 Stunden Weiterbildung weiterhin überwiegend in Präsenz leisten müssen.
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