In Kliniken und Pflegeheimen : Die Bekämpfung von Mangelernährung muss zur Kernaufgabe zeitgemäßer Ernährungspolitik werden
Während die Politik vor allem die Auswirkungen von Überernährung bekämpft, bleibt ein anderes drängendes Problem – nämlich Mangelernährung bei Kranken und Pflegebedürftigen – unsichtbar, meint Hendrik Rosery, Geschäftsführer bei Apetito. Sie betreffe Hunderttausende und verursache hohe Kosten. Ernährung müsse daher fester Bestandteil von Therapie und Prävention werden.
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Die Ernährungspolitik in Deutschland wird tendenziell von Fragen zur Eindämmung des Überflusses geprägt: Zuckersteuer, Reduktionsstrategie, Werbeverbote, Kennzeichnung. Die Grundannahme ist, dass die Menschen essen, was sie wollen und was ihnen schmeckt – und davon im Zweifel zu viel.
Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass Mangelernährung von Menschen mit speziellen medizinischen Ernährungsbedürfnissen aufgrund von Krankheiten und Diagnosen – wie beispielsweise Kau- und Schluckbeschwerden, Schlaganfall, Krebs und Parkinson – bislang politisch kaum thematisiert wird.
Dabei handelt es sich um ein reales und strukturelles Problem, das hunderttausende Menschen in Deutschland täglich betrifft: Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern, ältere Menschen in Pflegeheimen oder zu Hause sowie chronisch Erkrankte. Viele dieser Menschen erleben Essen nicht als freie Wahl, sondern als tägliche Hürde.
Gesundheitliche und ökonomische Folgen
Auch die gesundheitlichen und ökonomischen Folgen sind gravierend und gut dokumentiert: Etwa 20 bis 30 Prozent der Patientinnen und Patienten in deutschen Krankenhäusern sind mangelernährt.
Allein in deutschen Krankenhäusern entstehen nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin dadurch jährlich rund neun Milliarden Euro Folgekosten – etwa durch verzögerte Genesungsprozesse, längere Liegezeiten, zusätzliche Komplikationen und aufwendigere Behandlungen.
Bei Seniorinnen und Senioren beispielsweise schwinden durch Mangelernährung häufig die Kräfte, Muskeln bauen sich ab und die gesundheitliche Lebensqualität sinkt. Dabei ist dies in vielen Fällen vermeidbar.
Denn Mangelernährung entsteht, weil Risiken, beispielsweise im Zusammenhang mit Vor- oder Mehrfacherkrankungen, nicht erkannt und Ernährung in Kliniken, Pflegeeinrichtungen und der häuslichen Versorgung zu selten als integraler Teil von Therapie und Pflege verstanden wird.
Ernährung als Hebel in der Prävention nutzen
Gerade in Senioreneinrichtungen oder Pflegeheimen wird eine ausgewogene Ernährung häufig nicht als zentraler Hebel der Prävention genutzt – nicht aus mangelndem Bewusstsein, sondern weil Pflegekräfte bereits zeitlich stark durch pflegerische Kernaufgaben und Bürokratie gebunden sind und Einrichtungen unter erheblichem Personal- und Kostendruck stehen.
Dabei entscheidet sich an der Qualität der Verpflegung, ob Menschen lange stabil bleiben und gesundheitliche Lebensqualität erleben oder in eine Spirale aus Schwäche, Komplikationen und Krankenhausaufnahmen geraten.
Das gilt umso mehr in Zeiten wie heute, wo die Zahl hochbetagter Menschen steigt, chronische Erkrankungen zunehmen und das Gesundheits- und Pflegesystem an der Belastungsgrenze arbeitet. Die Demografie wird die Herausforderungen in den kommenden Jahren noch zusätzlich verschärfen.
Politische Stellschrauben
Deshalb braucht es jetzt dringend einen echten Schulterschluss zwischen Ernährung- und Gesundheitspolitik – mit konkreten Stellschrauben in Kliniken, Pflegeheimen, Tagespflegeeinrichtungen und in der häuslichen Versorgung.
Im Detail bedeutet das:
- Eine nationale Präventionsstrategie gegen Mangelernährung. Ihr Ziel muss sein, dass kein Mensch in Deutschland aufgrund vermeidbarer struktureller Defizite mangelernährt ist – weder im Krankenhaus noch im Pflegeheim oder zu Hause. Das erfordert neben den kürzlich beschlossenen systematischen Screenings in Kliniken vor allem: gut ausgestatte Ernährungsteams in der Pflege, verbindliche Prozesse mit besonderem Fokus auf die Therapie von Mangelernährung, egal ob zuhause oder in ambulanten und stationären Einrichtungen, sowie gut verfügbare Sonderkost in den richtigen Konsistenzen.
- Eine Anerkennung von Ernährung als Präventionsleistung. Präventionsgelder, die in gute Verpflegung und Ernährungstherapie investiert werden, zahlen sich nicht nur medizinisch, sondern auch wirtschaftlich und sozial aus – gerade vor dem Hintergrund jährlicher Mehrkosten in Milliardenhöhe. Wer Mangelernährung früh verhindert, reduziert Komplikationen, verkürzt Liegezeiten und entlastet das System.
- Realistische Budgets und Essen als medizinische Leistung. Essen gilt im Gesundheitssystem bislang nicht als medizinische Leistung. Kliniken erhalten pro Patienten lediglich eine Pauschale – ob ernährungsmedizinisch gezielt therapiert wird, spielt aktuell keine Rolle.
Gerade deshalb braucht es realistische Budgets und die Anerkennung von Essen als Teil der medizinischen Versorgung. Verbindliche Qualitätsstandards – etwa bei Nährstoffdichte, Konsistenzen und der Berücksichtigung spezieller Bedürfnisse – müssen sich daher auch in Finanzierung, Aufsicht und Qualitätsprüfung widerspiegeln.
Denn nur, wenn Ernährung konsequent als Teil von Therapie und Prävention verstanden wird, wird die Lebensqualität von Patientinnen, Patienten und älteren Menschen verbessert und das Gesundheits- und Pflegesystem entlastet. Eine zeitgemäße Ernährungs- und Gesundheitspolitik muss den Schutz vor Mangelernährung zur Kernaufgabe machen.
Hendrik Rosery ist Managing Director Commercial bei Apetito und verantwortet dort Vertrieb, Marketing, Logistik und Kundenmanagement. Er und sein Team entwickeln Konzepte gegen Mangelernährung für Kliniken, Pflege und zuhause.
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