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Agrar & Ernährung

Standpunkte Europa sollte den grünen Wandel trotz Krisen vorantreiben

Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes
Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes

Europa steht am Scheideweg, schreibt der Präsident des Umweltbundesamtes, Dirk Messner, in seinem Standpunkt. Zusammen mit Leena Ylä-Mononen, Direktorin der Europäischen Umweltagentur, verteidigt Messner den europäischen Green Deal als historisches Projekt. Die Landwirtschaft müsse sich auf eine Senkung der Treibhausgasemissionen und weniger Pestizideinsatz ausrichten.

von Dirk Messner

veröffentlicht am 05.06.2024

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Die europäischen Bürgerinnen und Bürger geben schon bald ihre Stimme zur Europawahl ab. In dieser Wahl erhalten die Wählerinnen und Wähler die Gelegenheit, die Ausrichtung der EU in den folgenden fünf Jahren zu beeinflussen. Die Europäische Union befindet sich an einem wichtigen Scheideweg und die kommenden Jahre werden von entscheidender Bedeutung sein. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat verständlicherweise dafür gesorgt, dass für viele Regierungen in der gesamten EU die Themen Sicherheit und Verteidigung auf der Prioritätenliste weiter nach oben verschoben wurden.

Auch gibt es vielerorts Bedenken bezüglich der Lebenshaltungskosten, der Ernährungssicherheit und der Migration. Die europäische Führungsriege hat bereits signalisiert, dass die EU die eigene Sicherheit und die ökonomische Wettbewerbsfähigkeit priorisieren sollte. Diese neuen Prioritäten könnten sich negativ auswirken auf unsere Bemühungen für die Entwicklung eines europäischen Grünen Deals, der bis zum Jahr 2050 das Ziel der Klimaneutralität erreichen möchte.

Bei diesem Grünen Deal handelt es sich um ein historisches Projekt und um eine der größten Herausforderungen unserer Generation. Die Wissenschaft ist sich einig: Um die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu vermeiden, müssen wir deutlich unter zwei Grad Celsius bleiben und den Verlust der biologischen Vielfalt und die Erosion von Ökosystemen stoppen.

Dies schaffen wir nur, indem wir bis Mitte dieses Jahrhunderts eine klimaneutrale Kreislaufwirtschaft aufbauen. Wenn wir dieses Ziel erreichen, verbessern wir unsere Lebensbedingungen und die der folgenden Generationen. Daher sollte der europäische Grüne Deal weiterhin hohe Priorität haben und ehrgeizig vorangetrieben werden, auch wenn sich Europa und die Welt zahlreichen Krisen gegenüber sehen.

Bestäuber und nützliche Arten gehen zurück

Im Jahr 2021 waren Rekordregenfälle und verheerende Überschwemmungen in Westeuropa eine schmerzhafte Erinnerung an die menschlichen und materiellen Kosten der Untätigkeit. In Süddeutschland erleben wir gerade ein ähnlich tragisches Ereignis, wenn auch in geringerem Umfang. Die Wissenschaft verknüpft diese extremen Wettersituationen mit dem Klimawandel. Allein in Deutschland haben extreme Regenfälle und Überschwemmungen im Ahrtal mindestens 184 Leben gefordert und einen Sach- und Infrastrukturschaden von 33 Milliarden Euro verursacht.

Der Klimawandel bedroht zudem das Leben von gefährdeten Bevölkerungsgruppen wie älteren Menschen; er belastet unsere Gesundheitssysteme; er treibt die Versicherungskosten für Besitzerinnen und Besitzer von Eigenheimen sowie von Unternehmen in Risikogebieten in die Höhe; und er heizt die Nahrungsmittelinflation an.

Gleichermaßen stellt der Verlust der biologischen Vielfalt ein massives Risiko für die Zukunft der Landwirtschaft dar, da in ganz Europa ein massiver Populationsrückgang von Bestäubern und anderen nützlichen Arten, die zur Pflege unserer Natur beitragen, zu beobachten ist.

Dürren, Überschwemmungen und Hitzewellen bedrohen unser Leben

Die Trends sind also nicht gut. Europa ist weltweit der sich am schnellsten erwärmende Kontinent. Das letzte Jahr markierte bereits das heißeste Jahr in Europa seit Beginn der Aufzeichnung, und dieser Trend setzt sich auch in diesem Jahr fort. Im vergangenen März wurden sowohl bei der Lufttemperatur als auch bei der Temperatur der Meeresoberfläche erneut Klimarekorde gebrochen, und zwar zum zehnten Mal in Folge.

Bereits jetzt sieht sich Europa durch den Klimawandel mit dringenden und stetig wachsenden Risiken konfrontiert – wie Dürren, Überschwemmungen und extremen Hitzewellen, die eine immer größere Bedrohung für unser Leben darstellen. Diese Risiken wachsen schneller als unsere Fähigkeit, uns auf sie vorzubereiten.

In den letzten fünf Jahren haben die EU-Länder im Rahmen des europäischen Grünen Deals ein ehrgeiziges Maßnahmenpaket beschlossen und umgesetzt, um die Hauptursachen des Klimawandels und der Umweltschäden zu bekämpfen. Europa stellt erfolgreich auf erneuerbare Wind- und Solarenergie um, wodurch unsere Abhängigkeit von russischem Gas und Öl verringert wird.

Der Deal umfasst zugleich neue Investitionen, mit denen sichergestellt wird, dass dieser Wandel hin zu erneuerbaren Energien auch fair abläuft und nicht die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft zurücklässt. Mit diesem Deal befindet sich Europa auf einem sehr guten Weg, der erste klimaneutrale Kontinent weltweit zu werden.

Landwirte brauchen Mitspracherecht beim grünen Wandel

Das Maßnahmenpaket umfasst unter anderem drastische Kürzungen der Treibhausgasemissionen und die Reduzierung unserer Abfälle sowie die Verbesserung unserer Anpassungsfähigkeit an einen rasch voranschreitenden Klimawandel. All diese Maßnahmen sind historische Errungenschaften auf unserem Weg in eine grünere Zukunft. Allerdings besteht die größte Herausforderung nun darin, in allen Mitgliedsstaaten den politischen Willen und Druck aufzubauen, um diese Maßnahmen umzusetzen.

Das wird nicht einfach. Viele der Maßnahmen werden sich auf uns als Verbraucherinnen und Verbraucher, als Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer, aber auch auf Unternehmen auswirken. Für Personen, die der grünen Wende kritisch gegenüberstehen, ist dies bereits zu viel.

In jüngster Zeit konnten wir in vielen Ländern, darunter auch in Deutschland, bereits eine Gegenreaktion in Form von Protesten beobachten, bei denen die Landwirtschaft gegen weitere ökologische Regulationen protestierte. Die Landwirtinnen und Landwirte sind verständlicherweise besorgt um ihre wirtschaftliche Zukunft und wir müssen ihre Sorgen lindern, indem wir ihnen ein Mitspracherecht bei unserem grünen Wandel geben.

Klar ist aber auch, dass wir eine belastbare und nachhaltige Landwirtschaft etablieren müssen, die auf die Verringerung der Treibhausgasemissionen und den geringeren Einsatz von Pestiziden ausgerichtet ist. Und auch Verbraucherinnen und Verbraucher machen sich Sorgen über die Kosten, die mit dem Wandel hin zu umweltfreundlicheren Energiequellen für die Heizung ihrer Häuser verbunden sind. Die Politik muss diese Bedenken schnell und fair ausräumen.

Unsere Herausforderung besteht darin, zu zeigen, dass es im Interesse aller ist, die Klimakrise mit der gleichen Entschlossenheit anzugehen, die wir auch bei anderen, sicherheitsrelevanten Herausforderungen an den Tag legen. Wir können alle mit einer einfachen Botschaft überzeugen: Unsere Lebensmittel, Versicherungen, medizinischen Rechnungen und so ziemlich alles andere werden wesentlich teurer werden, wenn uns erst die schlimmsten Folgen des Klimawandels treffen.

Zögern ist teurer als handeln

Die Wissenschaft hat uns bereits aufgezeigt, dass es (sowohl in Form von Menschenleben als auch in finanzieller Form) viel kostspieliger wäre, Maßnahmen hinauszuzögern, statt jetzt zu handeln. Wir müssen unserem politischen Willen Taten folgen lassen und die Regeln umsetzen, denen wir uns im Kampf gegen den Klimawandel und für eine bessere Umwelt verschrieben haben.

Wir bitten daher Sie, die deutschen Wählerinnen und Wähler, bei der Abgabe Ihrer Stimme zur Europawahl im Auge zu behalten, wie notwendig die Fortführung unserer Arbeit zur Reduzierung der Auswirkungen des Klimawandels und zur Verbesserung der Umwelt ist. Unser künftiges Wohlbefinden hängt davon ab. Die nächste Europäische Kommission hat es in der Hand, die Europäische Union zur dynamischsten nachhaltigen Wirtschaft der Welt zu machen. Wir sollten diese Gelegenheit beim Schopfe greifen.

Dirk Messner ist seit 2020 Präsident des Umweltbundesamtes. Leena Ylä-Mononen leitet die Europäische Umweltagentur seit Juni 2023.

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