Lieferkettenregulierung stärken : Regeln schaffen Sicherheit
Europa ringt um weniger Regeln – dabei sichern sie unsere Zukunft, meint Yvonne Jamal vom JARO Institut für Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Warum Sorgfaltspflichten und Transparenz unsere Wirtschaft widerstandsfähiger machen – und dessen Aufweichung ein gefährliches Spiel mit der Zukunft wäre, schreibt sie in ihrem Standpunkt.
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„Eine Welt in Flammen ist nicht versicherbar“, warnte jüngst Allianz-Vorstandsmitglied Günther Thallinger. Der weltweit größte Rückversicherer Swiss Re berechnet für Deutschland bei einer Erderwärmung von 3,2 Grad einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 11 Prozent bis 2048.
Diese Prognose ist kein Alarmismus, sondern ein betriebswirtschaftlicher Weckruf und rückt die Diskussion um CSRD, CSDDD und das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) in einen existenziellen Kontext. Gleichzeitig zeigt eine aktuelle Studie der Universität Wien, wie verletzlich die deutsche Industrie bei seltenen Erden und kritischen Rohstoffen ist. Die Risiken für unsere Versorgungssicherheit wachsen – nicht trotz, sondern gerade wegen mangelnder Regeln.
Doch statt auf Stabilität zu setzen, diskutiert Europa aktuell über Lockerungen seiner Sorgfaltspflichten. Dabei sind sie kein Hemmschuh, sondern stärken den notwendigen Umbau unserer Wirtschaft und die Etablierung neuer Geschäftsmodelle. Regeln für mehr Transparenz, Risikomanagement und Verantwortung schaffen Sicherheit durch Verbindlichkeit: für Unternehmen, für Märkte und für den Standort Deutschland.
Politische Unsicherheit statt klare Regeln
In einer Umfrage von JARO/YouGov aus dem Frühjahr nannten rund 50 Prozent der 1350 befragten Unternehmen das LkSG als Standortvorteil, gleichzeitig berichten 48 Prozent über Verzögerungen durch politische Unsicherheit. Der Tenor: Unternehmen wollen klare Regeln. Auch eine aktuelle E3G-/YouGov-Studie zeigt: 55 Prozent der 2500 befragten Führungskräfte sehen ökologische Nachhaltigkeit als Wettbewerbsfaktor, 68 Prozent wünschen sich eine europäische Führungsrolle.
Doch die regulatorische Debatte wäre nur akademisch, wenn sie nicht unmittelbar mit den globalen Natur- und Klimarisiken verknüpft wäre. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) hat ermittelt, dass bereits sieben der neun planetaren Grenzen überschritten sind, und vier zentrale Komponenten des Erdsystems deutlich an Stabilität verloren haben.
Das ist nicht nur ökologisch relevant – es hat auch direkte wirtschaftliche Konsequenzen. Swiss Re prognostiziert, dass bei ungebremster Erwärmung die Weltwirtschaft bis 2050 bis zu 18 Prozent ihres BIP verlieren könnte, mit besonders starken Effekten in rohstoffabhängigen Industrien. Versicherer und Finanzinstitute warnen offen vor einem potenziellen ökonomischen Dominoeffekt, mit dem Risiken so groß werden, dass sie nicht mehr versicherbar sein könnten.
Eine Frage von Haftung, Risiko und Finanzierbarkeit
Diese Einschätzung kommt aus der Logik von Haftung, Risiko und Finanzierbarkeit. EZB-Präsidentin Christine Lagarde warnte vor einer Abschwächung der Nachhaltigkeits- und Berichtspflichten. Sie sieht darin eine Gefahr für die Stabilität des Finanzsystems.
Die EZB hat bereits einen Klimafaktor in ihren Beleihungsrahmen aufgenommen. Sie braucht dafür verlässliche Unternehmensdaten. Regulierung ist kein Hemmnis, sondern eine Notwendigkeit, um das finanzielle und wirtschaftliche Fundament von Unternehmen zu sichern.
Investigative Recherchen, etwa von SOMO und Greenpeace, zeigen jedoch einen massiven Lobbyeinfluss fossiler Industriezweige, die EU-Regulierungen schwächen wollen. Sie versuchen, schädliche Geschäftsmodelle so lange wie möglich zu erhalten. Dabei ist unsere Wirtschaft ohne natürliche Ressourcen nicht lebensfähig. Mehr als 50 Prozent des weltweiten BIP ist laut WEF aufgrund der geschädigten Ökosystemleistungen gefährdet.
Regulierung stärken statt schwächen
Wer überhaupt ist eigentlich DIE Wirtschaft? Sind es nicht wir alle, die wir unsere Arbeitskraft und unsere Kaufkraft bereitstellen? Regulierungen müssen verteidigt und nicht geschwächt werden, gerade gegen starke Interessengruppen, die kurzfristige Gewinne über langfristige Stabilität stellen.
Für Unternehmen, Investoren und Staat ist Sorgfaltspflicht vor allem Risikomanagement: Jede intransparent gehandhabte Lieferkette, jede Umwelt- oder Sozialverletzung kann später zu Milliardenkosten führen, wegen Strafzahlungen, Imageverlust, Lieferausfällen oder gesetzlichen Nachforderungen.
Mit Investitionen in Präventions- und Abhilfemaßnahmen legt man den Grundstein für Stabilität, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit. Wer nun versucht, Regeln aufzuweichen, betreibt eine Umverteilung von Investments in Verantwortung hin zu Investitionen in Einflussnahme.
Umsichtiges Handeln der Politik gefragt
Die Politik sollte zwei Prinzipien sicherstellen: zum einen Planungssicherheit durch klare, stabile Regeln mit realistischen Übergangsfristen statt eines ständigen Hin und Her. Zum anderen Gerechtigkeit: Wer früh in nachhaltige Geschäftsmodelle investiert hat, darf nicht bestraft werden, und wer den Wandel verweigert, darf nicht belohnt werden.
Es liegt in unserer Hand, die Stabilität von Wirtschaft, Märkten und Gesellschaft zu sichern. Wer heute klare Regeln verteidigt, schützt nicht nur die Unternehmen, die Verantwortung übernommen haben, sondern auch unsere kollektive Zukunft. Es ist unsere wahrscheinlich letzte Chance, Wirtschaft, Recht und Gesellschaft zukunftsfähig zu gestalten – jetzt kommt es auf umsichtiges Handeln an.
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