Lieferketten : Tee vereint die Welt – Regulierung darf sie nicht leichtfertig trennen
Zum heutigen internationalen Tag des Tees fordert Maximilian Wittig praxisnahe Spielräume für die EU-Nachhaltigkeitsberichterstattung. Deren Ziele seien an sich richtig. Doch sie könnten bewirken, dass es zu Lieferengpässen kommt, die Produktauswahl schrumpft und Produzenten nicht mehr mit der EU handeln wollen, warnt der Geschäftsführer des Deutschen Tee & Kräutertee Verbands.
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Die deutschen Teehersteller beziehen ihre pflanzlichen Rohstoffe aus über 80 Ländern der Welt. Dabei basieren die Lieferketten auf langjährigen, vertrauensvollen und verbindlichen Partnerschaften. Diese Beziehungen sind geprägt von gegenseitigem Respekt, Verantwortung und gemeinsamen Zielen: Qualität, Produktsicherheit und Nachhaltigkeit.
Doch genau diese Basis des Erfolgs wird zunehmend belastet – durch gesetzliche Vorgaben der EU, die zwar die richtigen Ziele verfolgen, deren Anforderungen allerdings in der Praxis zu enormen Herausforderungen und einer überbordenden Bürokratie führen. Die Akzeptanz der Lieferanten außerhalb der EU hierfür schwindet zunehmend.
Verbraucherschutz und Nachhaltigkeit gewährleisten
Die Unternehmen der deutschen Teewirtschaft unterstützen die Ziele des vorbeugenden Verbraucherschutzes und der Nachhaltigkeitsregulatorik ausdrücklich. Sie engagieren sich aktiv in Initiativen, Programmen und für die Einhaltung von Standards, um ihrer ökologischen und sozialen Verantwortung entlang der Lieferketten gerecht zu werden. Der Deutsche Tee & Kräutertee Verband und seine Mitglieder stehen hinter den Prinzipien der Nachhaltigkeitsgesetzgebung, denn ohne nachhaltiges Agieren riskiert die Branche auf Dauer ihre Geschäftsgrundlage: die vielfältigen pflanzlichen Rohwaren für Tees, Kräuter- und Früchtetees.
Gleichzeitig wächst der bürokratische Aufwand in einem Maß, dass er in der Praxis kaum mehr vernünftig umsetzbar ist. Die Dokumentationspflichten sind in vielen Fällen so umfangreich und komplex geworden, dass sie die zahlreichen kleinen und mittelständischen Unternehmen an die Grenzen des Leistbaren bringen.
Dabei spielt es keine Rolle, dass die allermeisten Unternehmen der Branche qua Größe heute gar nicht unmittelbar in den Anwendungsbereich vieler Nachhaltigkeitsregelungen fallen. Jüngste Änderungen an der EU-Verordnung zur Nachhaltigkeitsberichterstattung etwa nehmen Unternehmen unter 500 Mitarbeitern von den Berichtspflichten aus. Ungeachtet dessen verlangen Handelspartner zur Erfüllung ihrer eigenen gesetzlichen Pflichten, dass die Unternehmen der Teebranche bestimmte Nachhaltigkeitsanforderungen erfüllen und Informationen bereitstellen.
Ferner stoßen diese Anforderungen in den Ursprungsländern oft auf Unverständnis. Während der gesetzgeberische Wille auf verbesserte Arbeitsbedingungen und Umweltstandards zielt, erzeugen die Maßnahmen vor Ort Misstrauen, Überforderung und immer mehr auch Ablehnung. Die Vertreterinnen und Vertreter unserer Mitgliedsunternehmen bekommen vor Ort deutlich zu spüren: Unsere Attraktivität als Handelspartner hat bereits stark gelitten.
Rückstandsanalytik im Spurenbereich
Besonders gravierend sind die Herausforderungen im Bereich der Compliance-Anforderungen hinsichtlich Pflanzenschutzmittelrückständen und Kontaminanten. Die gesetzlich festgelegten Rückstandshöchstgehalte mancher Pflanzenschutzmittel bewegen sich mittlerweile im Spurenbereich.
Die eigentlich positive Weiterentwicklung in der analytischen Messtechnik verkehrt sich in ihr Gegenteil, wenn diese Spuren von Stoffen zwar analytisch „sichtbar“ gemacht werden können, aber ihre Herkunft sich nicht eindeutig feststellen lässt. So ist das Vorhandensein solcher Spuren häufig auf Windverwehungen, ubiquitäre Umweltverschmutzung oder den Einsatz dieser Stoffe auf benachbarten landwirtschaftlichen Flächen zurückzuführen und nicht auf den gezielten Einsatz im Rahmen des Anbaus selbst.
In diesen Fällen hat der Produzent weder Einfluss noch Verantwortung dafür, dass solche Spuren auf seinem Produkt landen. Dennoch führen Befunde in der Praxis dazu, dass entsprechende Produkte in der EU beziehungsweise Deutschland nicht verkehrsfähig sind. Die Entwicklungen erschweren zunehmend die Beschaffung von formal oder analytisch „einwandfreier“ Rohware, insbesondere bei bio-zertifizierten Tees. Eine differenziertere Betrachtung von Analyseergebnissen ist daher erforderlich.
EU-Vorschriften vergraulen Teelieferanten
Die Teeunternehmen bekommen die Folgen zu spüren und befürchten, dass sich immer mehr Lieferanten dafür entscheiden könnten, schlichtweg nicht mehr in die EU zu liefern. Die Sorge sind Beanstandungen, wirtschaftliche Verluste und Imageschäden. Viele Betriebe in den Ursprungsländern können und wollen die gestiegenen Anforderungen einfach nicht mehr erfüllen – zumal der Absatz des weltweit angebauten Schwarz- und Grüntees in die EU im Jahr 2022 weniger als zwei Prozent betrug. Gleichzeitig steigen bei den hiesigen Unternehmen die Kosten für Analytik, Qualitätssicherung und Dokumentation.
Das hat konkrete Folgen für die Verbraucherinnen und Verbraucher: Die Vielfalt an Tees droht abzunehmen, einzelne Teesorten oder Tees bestimmter Herkünfte sind bereits heute schwer oder gar nicht mehr verfügbar. Das kann nicht im Sinne einer nachhaltigen und verantwortungsvollen Regulierung sein.
Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit müssen zusammen funktionieren
Die aktuelle Gesetzgebung bringt viele gute Impulse, aber sie braucht praxisnahe Umsetzungsspielräume und realistische Zielvorgaben. Nachhaltigkeit kann nur dann wirksam sein, wenn sie auch wirtschaftlich tragfähig ist – sowohl für die Hersteller in Deutschland als auch für die Produzenten in den Ursprungsländern. Die Auswirkungen auf letztere werden, so drängt sich der Eindruck nicht selten auf, in den Überlegungen und Diskussionen der politisch Verantwortlichen nur unzureichend berücksichtigt.
Die Gesetzgebung muss die Realitäten landwirtschaftlicher Produktion stärker berücksichtigen, wenn sie nicht Gefahr laufen will, genau das Gegenteil ihrer Absicht zu bewirken: Lieferengpässe, sinkende Produktauswahl und den Rückzug von Produzenten aus dem Handel mit der EU. Denn gerade letzterer bedeutet auch: Verlieren wir unseren guten Ruf als verlässliche, vertrauenswürdige und respektvolle Handelspartner, verlieren wir auch jedweden Einfluss auf die Einhaltung von sozialen und ökologischen Standards in den Ursprungsländern.
Unsere Forderung: Nachhaltigkeit mit Realitätssinn und im Dialog
Wenn Deutschland auch in Zukunft ein verlässlicher Handelspartner und ein führender Qualitätsstandort für Tee bleiben will, braucht es aus unserer Sicht ein Umdenken bei den politischen Verantwortlichen und dringende Korrekturen in der Regulierung:
- Die oftmals praxisfremden Grenzwerte für Pflanzenschutzmittel führen dazu, dass die Versorgung mit beliebten Teesorten auf dem Spiel steht und diese zukünftig nicht mehr angeboten werden könnten. Wir fordern daher eine sachgerechte Regulierung von Rückstandshöchstgehalten – selbstverständlich immer unter Wahrung eines hohen Verbraucherschutzniveaus!
- Statt überbordenden Dokumentationspflichten mit zahlreichen Fragebögen und Formularen fordern wir mehr Freiheit für die Unternehmen, eigenverantwortlich effektive Lösungen für bestehende Nachhaltigkeitsprobleme in ihren Lieferketten zu entwickeln. Auf diesem Weg fließen Ressourcen dahin, wo sie wirklich gebraucht werden – zu Mensch und Natur in den Ursprungsländern.
- Generell: Regulierungen dürfen nicht dazu führen, dass die EU als Handelspartner an Attraktivität verliert und Geschäftsbeziehungen und damit auch unser Einfluss in den Ursprungsländern auf die Einhaltung von sozialen und ökologischen Standards sinkt.
Tee vereint die Welt
Am Tag des Tees wollen wir zeigen, wie viel Verbindendes in einer Tasse Tee steckt: globale Verantwortung, Respekt vor der Natur und faire Zusammenarbeit über Grenzen hinweg. Dies gilt es zu bewahren. Denn nur mit Augenmaß, Vertrauen und Dialog können wir auch in Zukunft Tee in der Vielfalt, Qualität und Sicherheit genießen, die Verbraucherinnen und Verbraucher hierzulande zu Recht so sehr schätzen.
Maximilian Wittig ist als Geschäftsführer des Deutschen Tee & Kräutertee Verbands auch für die Themen Kommunikation und Nachhaltigkeit zuständig. Der Verband vertritt die Interessen der hiesigen Teewirtschaft, deren Unternehmen überwiegend mittelständisch sind und sich in Familienhand befinden.
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