Mut zur Regulierung : Australiens Social-Media-Verbot ist eine Blaupause für Deutschland
Während in Australien seit gestern ein Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige in Kraft ist, verliert sich Deutschland in Bedenken und Debatten über Medienkompetenz. Dabei ist solch ein Verbot längst überfällig, wie die Erfahrungen aus dem technologieverliebten Kalifornien zeigen.
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Ich lebe und arbeite in Kalifornien, Zentrum der Tech-Welt, Heimat von Meta, X, Snapchat und Google. Wenn ich hier durch die Straßen fahre, sehe ich die Zukunft: autonome Autos, KI in jeder Anwendung. Aber wenn ich meine Kinder zur Schule bringe (eine Waldorfschule in Costa Mesa südlich von Los Angeles), sehe ich den maximalen Kontrast: eine analoge Enklave mitten im Tech-Hype. Hier lernen die Kinder von Tech-Managern und Gründern. Und sie lernen vor allem eines: ohne Bildschirme auszukommen.
Ich bin Digitalunternehmer. Ich liebe Technologie. Ich verdiene mein Geld mit ihr. Aber ich bin auch Vater von vier Kindern. Ihnen verweigere ich Technologie. Zumindest die Art von Technologie, die darauf programmiert ist, sie abhängig zu machen: Social Media. Und ich sehe mit Sorge, wie wir in Deutschland eine Debatte führen, die die Realität der digitalen Ökonomie ignoriert.
Australien schafft Fakten
Während wir in Deutschland noch über „Medienkompetenz“ und Handyverbote in Schulen diskutieren, schafft Australien Fakten. Seit Mittwoch gilt dort das weltweit erste Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige. Keine halben Sachen, kein „Opt-in“ der Eltern. Wer jünger als 16 ist, den dürfen die Social-Media-Konzerne nicht auf ihre Plattformen lassen. Punkt.
Die Strafen sind saftig: Bis zu 49,5 Millionen australische Dollar drohen den Plattformen bei Verstößen. Und siehe da: Plötzlich geht, was vorher angeblich technisch unmöglich war. Meta kündigt bereits an, Hunderttausende Jugend-Accounts einzufrieren. Snapchat hat Hunderttausende Nutzer aufgefordert, ihr Alter nachzuweisen. Die Tech-Giganten jammern zwar öffentlich, das Gesetz sei „übereilt“ und technisch schwierig. Aber sie handeln. Warum? Weil sie eine Sprache verstehen: Regulation, die wehtut.
Eltern vs. Plattformen – ein asymmetrischer Kampf
Das australische Gesetz ist mutig, richtig und notwendig. In Deutschland tun wir uns schwer mit solchen Verboten. Wir setzen auf den „mündigen Nutzer“ und die Verantwortung der Eltern. Das klingt liberal, ist aber in Wahrheit einfach nur naiv. Wir befinden uns in einem ungleichen Konflikt. Auf der einen Seite stehen Eltern – oft überfordert, gestresst, allein gegen den Gruppenzwang. Und, das gehört zur Wahrheit dazu, oft auch zu weich im Umgang mit ihren Kindern. Auf der anderen Seite stehen Konzerne mit den besten Psychologen und Entwicklern der Welt, deren einziges Ziel es ist, die Bildschirmzeit zu maximieren. Infinite Scroll, Dopamin-Loops, soziale Belohnungssysteme – das sind keine Features. Das sind, man muss es so martialisch ausdrücken: Waffen. Sie sind gerichtet auf Gehirne, die noch gar nicht voll entwickelt sind.
Wer glaubt, dass man das mit „Medienkompetenz“ allein regeln kann, ist naiv. Man drückt einem Zwölfjährigen auch keine Schachtel Zigaretten in die Hand und sagt: „Rauch mal verantwortungsvoll.“
Andere Länder sind weiter
Der Blick auf andere Länder zeigt: Deutschland droht den Anschluss zu verlieren – diesmal beim Kinderschutz. Frankreich und Spanien diskutieren harte Grenzen bei 15 oder 16 Jahren. In den USA formiert sich zumindest ein Flickenteppich aus strengen Gesetzen, etwa in Staaten wie Utah oder Florida.
Und bei uns? Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfiehlt, Kinder unter 13 Jahren komplett von Social Media fernzuhalten. Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung spricht von gestuften Altersgrenzen. Aber einen großen Wurf, ein echtes Stopp-Schild wie in Australien, trauen wir uns nicht zu. Wir verheddern uns in Diskussionen über die Durchführbarkeit, während eine ganze Generation in die digitale Abhängigkeit rutscht.
Mein privates Australien: der Vertrag mit meinem Kind
Dass Konsequenz funktioniert, erlebe ich seit Jahren zu Hause. Meine Frau und ich haben uns bei der Erziehung unserer vier Kinder (8 bis 19 Jahre) für ein Prinzip entschieden, für das mich viele Freunde und Bekannte in Deutschland, aber auch in den USA, für verrückt erklären: kein Smartphone vor 14. Kein Social Media vor 18. Keine Videospiele. Kein Netflix. Filme bis etwa 14 nur, wenn wir sie als Familie zusammen schauen.
Wenn meine Kinder 14 werden, bekommen sie ein Smartphone. Mein altes. Aber nicht als Geschenk, es bleibt ein Leihgerät. Die Bedingung: Sie unterschreiben einen Vertrag. Einen Leihvertrag zwischen mir (Eigentümer) und ihnen (Nutzer). Das klingt bürokratisch, ist aber der beste Weg, Klarheit und Augenhöhe herzustellen.
Der Vertrag regelt klar: Das Gerät gehört mir. Das Kind erwirbt eine Nutzungslizenz. Und diese Lizenz ist an Bedingungen geknüpft.
- Keine geheimen Passwörter: Ich kenne jeden Code. Privatsphäre im Netz gibt es in diesem Alter nicht, dafür ist der Raum zu gefährlich.
- Kein Smartphone im Schlafzimmer: Das Handy übernachtet in der Küche. Nichts stört den Schlaf mehr als das blaue Licht und die Angst, eine Nachricht zu verpassen.
- Haftung: Wer gegen Regeln verstößt (z. B. Fotos von anderen ohne Erlaubnis versenden oder Mobbing), verliert die Nutzungserlaubnis. Das Handy ist weg.
Das ist nicht als Strafe gemeint, sondern nur logisch. Wer ein Auto nicht sicher führen kann, verliert den Führerschein. Warum sollte das bei einem Gerät anders sein, das Zugang zu Pornografie, Gewalt und extremistischer Propaganda bietet?
Skills statt Swipen
Oft höre ich das Argument: „Aber deine Kinder verlieren doch den Anschluss!“ Das ist ein Irrtum. Glauben wir wirklich, dass die Schlüsselkompetenz der Zukunft darin liegt, einen TikTok-Filter unfallfrei zu bedienen? Die Bedienung von Software lernen Kinder heute in Minuten. Was sie nicht in Minuten lernen, sind jene Skills, die KI niemals ersetzen kann: Empathie. Kreativität. Frustrationstoleranz. Echter Mut.
Wenn mein elfjähriger Sohn sich draußen langweilt, muss er kreativ werden. Wenn er Streit mit einem Freund hat, muss er ihm in die Augen sehen, statt ihn per WhatsApp zu blockieren. Das ist das Training für die Zukunft. Social Skills lassen sich nicht downloaden. Es ist kein Zufall, dass viele Tech-CEOs aus dem Silicon Valley ihre Kinder auf strikte „No-Tech“-Schulen schicken. Dealer nehmen ihren eigenen Stoff nicht. Sie wissen genau, warum.
Unterlassene Hilfeleistung
Trotzdem: Erziehung ist Privatsache, aber Kinderschutz ist Staatsaufgabe. Wir können die Verantwortung nicht allein auf die Eltern abwälzen. Der Druck durch die Peer-Group („Alle anderen dürfen das aber!“) ist immens. Wenn der Staat – wie in Australien – die Grenze zieht, entlastet das die Eltern. Es schafft eine neue soziale Norm. Wenn niemand unter 16 auf TikTok sein darf, ist das Kind ohne Account kein Außenseiter mehr, sondern der Normalfall. Es bricht den Gruppenzwang.
Wir regulieren Alkohol, Glücksspiel, Waffenbesitz und Autofahren. Warum lassen wir zu, dass Konzerne Algorithmen auf Kindergehirne loslassen, die noch gar nicht in der Lage sind, diese Impulse zu verarbeiten? Das ist unterlassene Hilfeleistung.
Ein Gesetz wie in Australien wäre für Deutschland kein Rückschritt und auch kein Ruf nach dem Bevormundungsstaat. Im Gegenteil: Es wäre ein Innovationsprogramm für geistige Gesundheit. Es würde Eltern den Rücken stärken, die „Nein“ sagen wollen, aber nicht die Kraft haben, jeden Tag gegen den Strom zu schwimmen.
Der Ruf nach dem Staat ist dabei kein Freifahrtschein für elterliche Bequemlichkeit. Ein Verbot schafft nur den geschützten Rahmen – füllen müssen wir ihn selbst. Es bleibt ur-eigene Verantwortung der Eltern, Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg in die digitale Welt zu begleiten. Kein Gesetz der Welt kann am Küchentisch erklären, wie man Fake News enttarnt, Quellen prüft oder was Cybermobbing in einer Seele anrichtet. Diese Aufklärung ist harte Elternarbeit.
Wir brauchen in Deutschland keinen Staat, der uns das Leben erklärt. Aber wir brauchen Mut zur Härte, wenn es um Geschäftsmodelle geht, die auf Kosten unserer Kinder optimiert worden sind. Ein Verbot, das Kinder schützt, nimmt keine Freiheit. Es schafft Freiräume. Damit die nächste Generation wieder den Freiraum hat, Kind zu sein. Analog, echt und selbstbestimmt.
Philipp Depiereux ist Mitgründer und ehemaliger CEO der Digitalberatung Etventure. Heute unterstützt er als Gründer und CEO der Scaled Innovation Group Start-ups und etablierte Firmen bei der Skalierung digitaler Geschäftsmodelle. Bei Unternehmen wie Tchibo oder Knauf ist er als Digitalbeirat tätig.
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