Weltweiter KI-Wettbewerb : Den Mut haben, anders zu sein
Nicht trotz, sondern wegen: Nur durch die Regulierung von KI kann Europa digital unabhängig und wirtschaftlich erfolgreich werden.
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Über Künstliche Intelligenz diskutieren wir in Europa gern im Ton eines Wettrennens: Können wir mithalten? Sind wir zu langsam, zu bürokratisch, zu zögerlich? Gerade im Vergleich zu den USA oder China? Aber das ist die falsche Frage. Natürlich kommen die großen KI-Entwickler aktuell aus den USA und China. Jenseits einzelner Ausnahmen, wie Mistral, sind sie keine Europäer. Die wachsende Zahl der Freunde einer autoritären Disruption in Wirtschaft und Politik verweist darauf oft und gerne. Trotzdem liegen sie falsch, wenn sie von „Entbürokratisierung“ reden und die ideologisierte Kettensäge gegen die digitale Regulierung meinen. Denn Europa kann nicht trotz Regulierung aufholen – sondern nur wegen ihr.
Aber von vorne: Die ständige Frage nach dem Rückstand übernimmt bereits die Logik eines globalen Wettrennens, in dem reine Geschwindigkeit über alles geht – und Regulierung als Bremse erscheint. Doch genau hier liegt schon der Denkfehler. Wenn KI tatsächlich eine Schlüsseltechnologie für die Zukunft von Wirtschaft, Verwaltung und Medien ist, dann entscheidet sich ihre Qualität nicht nur an Rechenleistung und Datenmengen. Sondern daran, ob sie vertrauenswürdig, überprüfbar und demokratisch kontrolliert ist. Dann ist sie gerade eine zentrale Bedingung digitaler Freiheit in einem zunehmend postdemokratisch vermachteten und mit KI-Slop zugemüllten Netz.
Vertrauen ist eine harte ökonomische Ressource
Das beginnt beim oft unterschätzten Punkt der Marktmacht. Heute dominieren wenige Konzerne die KI-Entwicklung – nicht einfach mit besseren Produkten, sondern vor allem mit strukturellen Vorteilen: Daten, Infrastruktur, Kapital. Wer glaubt, Europa könne dieses Modell einfach kopieren und „aufholen“, verkennt die Realität. In einem unregulierten Wettbewerb gewinnt, wer bereits vorne ist. Gegen die ökonomische Macht der Monopole braucht es tatsächlich politische Disruption, um Innovation zu ermöglichen. Deshalb sind Instrumente wie der Digital Markets Act (DMA) oder die Eingriffe des Bundeskartellamtes kein Standortnachteil, sondern eine Voraussetzung für Wettbewerb. Sie schaffen überhaupt erst Spielräume für neue Akteure, für kleinere Unternehmen, für öffentliche und gemeinwohlorientierte Modelle. Ohne diese Eingriffe bleibt „Innovation“ ein Monopol.
Ähnlich verhält es sich mit Transparenz: Systeme, deren Funktionsweise nicht überprüfbar ist, mögen kurzfristig effizient scheinen – langfristig sind sie anfälliger für Fehler und Manipulation. Das untergräbt Vertrauen. Und Vertrauen ist kein weicher Faktor, sondern eine harte ökonomische Ressource. Unternehmen, Verwaltungen und Bürgerinnen werden KI nur auf die Dauer breit einsetzen, wenn sie sicher sein können, dass Prozesse funktionieren und Verantwortlichkeiten klar sind.
Genau hier setzt der AI Act der EU an. Oft kritisiert als bürokratisch, schafft er in Wirklichkeit das, was den USA bislang fehlt: einen klaren Rahmen, in dem sich verlässliche, haftbare oder (um es etwas weniger abstrakt zu formulieren) freundliche KI-Systeme entwickeln lassen. Das ist kein Hemmnis, sondern ein Qualitätsstandard – vergleichbar mit Produktsicherheitsnormen in anderen Industrien.
Eine zersplitterte Aufsicht schwächt die Durchsetzung
Deutschland droht nun allerdings, genau diesen Vorteil zu verspielen. Denn Regulierung auf dem Papier reicht nicht. Ohne durchsetzungsstarke Behörden, ohne technische Expertise, ohne klare Zuständigkeiten ist auch das beste Gesetz ohne Steuerungswirkung. Dann bleibt vor allem die bürokratische Anmutung. Die derzeitige Zersplitterung zwischen verschiedenen Aufsichtsstellen ist dafür ein Beispiel. Während Konzerne ihre Modelle global skalieren, organisiert sich der Staat in Zuständigkeiten.
Wer so reguliert, verliert – nicht weil er zu streng ist, sondern weil er zu schwach ist. Der erste Schritt, quasi die „low-hanging fruit“ der KI-Politik, wäre daher: die Schaffung einer schlagkräftigen KI-Aufsichtsbehörde, etwa durch die entsprechende Stärkung der Bundesnetzagentur. Sie könnte sich gleich um die Durchsetzung eines nicht nur symbolisch wichtigen Gesetzesvorhabens kümmern: Das Verbot humanoider KI-Fakes, die Menschen nachmachen. Was so tut, als sei es ein echter Mensch, es aber nicht ist, ist Täuschung – und gehört verboten. Die Mehrheit dafür ist da. Eine von Campact in Auftrag gegebene, repräsentative Umfrage zeigt: 67 Prozent sprechen sich dafür aus, dass Plattformbetreiber verhindern sollen, dass KI-generierte Darstellungen von Menschen hochgeladen werden können.
Es braucht eine ernsthafte Industriepolitik für KI
Dann könnten wir uns dem zweiten blinden Fleck annehmen: Der Infrastruktur. Die Politik in Europa spricht ja inzwischen viel von digitaler Souveränität, investiert aber immer noch viel zu wenig in deren materielle Grundlagen. Rechenkapazitäten, Datenräume, offene Modelle – all das entscheidet darüber, wer überhaupt KI entwickeln kann. Solange diese Infrastruktur in privater, oftmals US-amerikanischer Hand bleibt, wird auch die Innovationsdynamik fremd gesteuert.
Initiativen wie der Gaia-X-Nachfolger „8ra“ zeigen, dass das Problem erkannt ist. Doch sie bleiben unterfinanziert und fragmentiert. Eine ernsthafte Industriepolitik für KI müsste hier ganz anders ansetzen: großskalig, europaweit koordiniert und langfristig.
Der vielleicht wichtigste Punkt aber ist politischer Natur. Demokratische Regulierung ist nicht nur ein Mittel zur Risikobegrenzung. Sie bestimmt, welche KI überhaupt entsteht.
Ein System, das auf maximale Aufmerksamkeit, Verhaltenssteuerung und Datenextraktion optimiert ist, hat andere gesellschaftliche Effekte als eines, das auf Transparenz, Rechenschaft und Gemeinwohl ausgerichtet ist. Diese Designentscheidungen sind nicht neutral – sie sind politisch.
Den Mut haben, anders zu sein
Europa hat hier die Chance, einen anderen Weg zu gehen. Nicht als moralische, sondern als funktionale Alternative: KI-Systeme, die nachvollziehbar sind, die Grundrechte achten, die überprüfbar bleiben, sind robuster, anschlussfähiger und langfristig wettbewerbsfähiger. Gerade in sensiblen Bereichen wie Verwaltung, Gesundheit oder Justiz wird sich kein System durchsetzen, das als Blackbox operiert.
Die eigentliche Stärke Europas liegt also nicht darin, das Silicon-Valley-Modell einfach zu kopieren. Sondern darin, ein anderes Modell zu etablieren: Eines, in dem Innovation und Regulierung kein Widerspruch sind, sondern sich gegenseitig bedingen.
Deutschland spielt in dieser Konstellation eine Schlüsselrolle. Nicht, weil wir technologisch führend wären. Sondern weil wir politisch gestalten können – wenn die Politik will. Dafür müsste die Bundesregierung KI aber endlich als das begreifen, was sie ist: eine Machtfrage.
Das bedeutet: stärkere Aufsicht, entschlossene Wettbewerbspolitik, massive Investitionen in öffentliche Infrastruktur und echte demokratische Kontrolle. Nicht als Gegenpol zur privater Innovation, sondern als ihre Voraussetzung.
Die Frage ist also nicht, ob Deutschland und Europa mithalten können. Die Frage ist, ob wir den Mut haben, anders zu sein. Es würde sich lohnen. Denn genau darin liegt unsere Chance.
Astrid Deilmann ist Vorständin der Kampagnenorganisation Campact, Gesellschafterin bei Hateaid und Expertin für Zivilgesellschaft und Digitale Demokratie. Gemeinsam mit Markus Beckedahl (Gründer von Netzpolitik.org) hat Campact im Mai 2025 in Berlin das Zentrum für Digitalerechte und Demokratie gegründet.
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