KI-Einsatz im Mittelstand : Er ist systemrelevant – nein, er ist das System!

Jens Jerzembeck
Jens Jerzembeck, Vorstand der Allianz für Industrie und Forschung e.V. (AIF) Foto: Michael Neuhaus

Damit Deutschland im globalen KI-Wettbewerb konkurrenzfähig bleibt, kommt es vor allem auf den unternehmerischen Mittelstand an. Ein wichtiges Standbein für seine Stärke in Deutschland ist die Förderung der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF). Dass die ohnehin schon knappen IGF-Mittel 2027 nun weniger werden, ist der absolut falsche Weg.

von Jens Jerzembeck, Allianz für Industrie und Forschung (AIF)

veröffentlicht am

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Auch wenn in Sachsen Lithium gefunden wurde und auf Usedom noch etwas Erdöl gefördert wird, liegen Deutschlands eigentliche Rohstoffe nicht im Boden, sondern in den Köpfen. Angewandte industrielle Forschung schafft die Innovationen, die wir dringend brauchen, um weltmarktfähig zu bleiben sowie den geo- und klimapolitischen Herausforderungen mit nachhaltiger Wirkung zu begegnen.

Mittelständische Unternehmen haben mit ihrer Flexibilität, Kompetenz, Resilienz und Vielfalt unser Land und unsere Gesellschaft durch so manche Krise gebracht: Sie waren die „fürsorglichen Eltern“ des Wirtschaftswunders oder ließen Deutschland die Finanzkrise 2008 unter anderem mit ihrem Steuergeld und erfolgreichem Handeln relativ gut überstehen.

Jetzt benötigen wir den innovativen Mittelstand mehr denn je. Diese Unternehmen sind diejenigen, die den KI-Einsatz in Endprodukten anfassbar machen. Sie liefern die Werkzeuge und Werkstoffe, um Schlüsseltechnologien umzusetzen und eine Hightech-Agenda Deutschland Realität werden zu lassen.

Konkurrenten forschen gemeinsam – wie geht das?

Ein paar „Zauberworte“, die die Eigenschaften und Qualitäten des deutschen Mittelstands ausmachen, sind schon gefallen. Dazu kommt etwas in Europa – wenn nicht sogar weltweit – Einzigartiges: die Industrielle Gemeinschaftsforschung. Ja, konkurrierende Unternehmen forschen gemeinsam, um neue oder verbesserte Produkte, Herstellungsverfahren und neue Technologien zu entwickeln und zugunsten vieler Unternehmen branchenübergreifend in den Markt zu bringen. Ich gebe zu, es klingt etwas pathetisch, aber es funktioniert seit Jahrzehnten und hat Deutschland zum Exportweltmeister und mehr gemacht.

Wie geht das? Ein mittelständisches Unternehmen, das sich meist keine eigene Forschungsabteilung leisten kann, will trotzdem zur ökonomischen und ökologischen Optimierung seiner Produkte forschen sowie seine jahrelange Erfahrung und fach- und branchenspezifischen Kompetenzen dazu einsetzen: für wärmereflektierende Möbel, die Entwicklung von Textilbeton, sichere Batteriekästen für E-Autos, die Herstellung von künstlichen Trommelfellen im menschlichen Ohr, Leichtbauplatten aus nachwachsenden Rohstoffen, den Einsatz von Wasserstoff bei der Glasherstellung bis hin zu Palmölalternativen in der Lebkuchenherstellung.

Industriegetragene und gemeinnützige Forschungsvereinigungen der Allianz für Industrie und Forschung aus zahlreichen verschiedenen Industriebereichen koordinieren die Bedarfe der Unternehmen. Sie bringen sie mit Partnern aus ihrer und anderen Branchen sowie mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von Hochschulen und Instituten zusammen.

Dreiklang aus Praxis, Wissenschaft und Wirtschaftspolitik

Die Kompetenzen und Erfahrungen aus der industriellen Praxis, die Expertise aus der Wissenschaft und die Förderung durch das Forschungsförderprogramm „Industrielle Gemeinschaftsforschung“ (IGF) des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) sind der erfolgreiche Dreiklang, der ziemlich schnell, innerhalb von etwa zwei Jahren, Forschungsergebnisse für eine technologieoffene und branchenübergreifende Nutzung hervorbringt.

AIF-Forschungsvereinigungen sorgen dafür, dass aus Unternehmensbedarf, Wissenschaft und Förderung gemeinschaftliche Forschung mit breiter Wirkung entsteht. Sie sind das Betriebssystem der IGF. Aufgrund der Förderung werden die Forschungsergebnisse breit zur Verfügung gestellt. Diese Gemeinschaftsforschung findet „vorwettbewerblich“ – wie das Behördendeutsch es formuliert – und für alle deutschen mittelständischen Unternehmen profitabel statt.

IGF-Mittel sollen gekürzt 2027 werden

Bei einer Anzahl von etwa 3,4 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in Deutschland und ihrem Anteil – laut Statistischem Bundesamt – von 99,3 Prozent innerhalb der deutschen Wirtschaft vermuten auch Sie sicher eine Milliarden-Förderung dieses gesamtgesellschaftlichen, ergebnisorientierten und sehr greifbaren Innovationsengagements.

Staunen und empören Sie sich bitte: Es sind für den Bundeshaushalt 2027 aktuell 167 Millionen Euro geplant für die Industrielle Gemeinschaftsförderung von hunderttausenden forschungsaffinen KMU in Deutschland. Darüber hinaus ist die derzeit sichtbare Entwicklung – elf Millionen Euro weniger als 2026 – aus Sicht der AIF, der Deutschen Industrie- und Handelskammer, des Bundesverbandes der Deutschen Industrie e.V. und anderer Verbände der absolut falsche Weg.

Die einmalige IGF ermöglicht über zukunftsgestaltende, wettbewerbs- und weltmarktfähige Innovationen hinaus neue qualifizierte Arbeitsplätze, generiert zusätzliche Steuereinnahmen und realisiert nicht zuletzt die Förderung von akademischem Nachwuchs sowie zahlreiche Start-up-Gründungen.

Elf Millionen Euro weniger Fördermittel deuten darauf hin, dass in 2027 sehr wahrscheinlich fast keine neuen IGF-Projekte begonnen werden können. Das bereitgestellte Geld dient hauptsächlich zur Finanzierung von bereits laufenden Projekten. Damit sind neue Projektinnovationen des Mittelstandes in 2027 faktisch bereits heute ausgeschlossen. Eine Entwicklung, die sehr nachdenklich machen sollte.

Jens Jerzembeck (56) ist ehrenamtlicher Vorstand der AIF – Allianz für Industrie und Forschung e.V. Der Diplom-Ingenieur für Allgemeinen Maschinenbau und Schweißingenieur ist als Geschäftsführer der Forschungsvereinigung Schweißen und verwandte Verfahren e.V. und als Leiter Forschung und Technik des DVS – Deutschen Verbandes für Schweißen und verwandte Verfahren e.V. tätig.

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