Deeptech : Europa fördert die falschen Teams
Während sich Deeptech-Bereiche wie KI, Quanten oder Halbleiter rasend schnell verändern, arbeiten Europas Förderprogramme zu langsam. Wer heute einreicht, erhält oft erst Jahre später Unterstützung. Für Start-ups mit globalem Wettbewerbsdruck ist dieses Tempo kaum tragbar.
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Europa pumpt Milliarden in Deeptech wie Quantentechnologie, Halbleiter und Künstliche Intelligenz. Der politische Wille ist da. Das Geld ist da. Und trotzdem fließt es systematisch an die falschen Unternehmen. Nicht weil jemand das so will. Sondern weil die Strukturen so gebaut sind.
In der kommenden Woche will Henna Virkkunen, Vizepräsidentin der EU-Kommission für technologische Souveränität, den Chips Act 2.0 vorstellen. Im Zentrum steht die richtige Diagnose: Europa muss schneller von der Forschung in die Fertigung kommen, die berüchtigte Lab-to-Fab-Lücke schließen.
Aus Sicht eines Gründers, der seit drei Jahren daran arbeitet, deutsche Spitzenforschung im Bereich der Quantenwissenschaften in industrielle Maschinen zu übersetzen, sieht das Bild trotzdem ernüchternd aus. Mehr Geld in dieselben Mechanismen ändert nichts daran, wer am Ende davon profitiert.
Europa ist zu langsam
Nehmen wir den European Innovation Council (EIC) Accelerator: Er funktioniert. Er ist schnell genug, um echte Unternehmen in dynamischen Wachstumsphasen zu erreichen. Doch die großen Vehikel daneben arbeiten in einer anderen Zeitdimension.
Ein Beispiel ist das gerade ausgeschriebene Vorhaben von gemeinsamem europäischem Interesse für neuartige Halbleitertechnologien, kurz IPCEI AST, das Flaggschiff in der europäischen Halbleiterförderung. Erste Interessenbekundungen wurden im Sommer 2025 eingereicht. Im März 2026 verkündete das BMWE die Auswahl von 38 deutschen Projekten. Es folgen jetzt das EU-weite Matchmaking, dann in der zweiten Jahreshälfte 2026 die Notifizierung an die Kommission dann die beihilferechtliche Prüfung, dann der Projektstart Anfang 2027. Die Projektlaufzeit beträgt mehrere Jahre, und Massenproduktion sowie rein kommerzielle Aktivitäten sind ausdrücklich vom IPCEI-Rahmen ausgeschlossen. Realistisch heißt das: Ein junges Unternehmen, das sich 2025 bewirbt, sieht den ersten Euro Kommerzialisierungsumsatz aus diesem Programm nicht vor dem Jahr 2030.
Das ist viel Zeit einer Branche, in der sich das technologische Paradigma alle 18 Monate verschiebt. In Taiwan, Südkorea und den USA werden in derselben Zeit Roadmaps von Woche zu Woche nachgeschärft. Wer dort entwickelt, kommt nicht mit einem Projektplan an, der bis 2030 reicht, sondern mit einer Maschine, die im nächsten Quartal in einer Fab steht.
Ein Programm wie IPCEI AST ist in einem solchen Wettbewerb für ein junges, schnell wachsendes Unternehmen nicht aufsetzbar. Nicht weil man nicht wollte. Sondern weil man, wenn man sich darauf einlässt, in genau jener Phase aus dem Markt verschwindet, in der man Kunden gewinnen müsste.
Komplexität als Ausschlusskriterium
Das Bundesforschungsministerium hat allein für Quantentechnologie zwei Milliarden Euro zugesagt, eine beeindruckende Zahl. Wer in den Projektatlas des Ressorts schaut, findet 581 geförderte Projekte mit 2.064 Teilprojekten, fast alle in Konsortien mit Fraunhofer-Instituten, Universitäten und etablierten Industriepartnern. Quantumdiamonds, das Unternehmen, das ich führe, erzielt Umsätze, ist kommerziell erprobt,und liefert Spitzentechnologie nach Asien und in die USA. Wir haben keinen Cent dieser Mittel erhalten. Nicht weil wir die Kriterien nicht erfüllen konnten, sondern weil ein Verfahren, das ein junges Unternehmen über Jahre hinweg an einen nicht-kommerziellen Förderpfad bindet, mit unserem Geschäftsmodell unvereinbar ist.
Um die Komplexität dieser Verfahren hat sich längst eine eigene Branche gebildet: Beratungsfirmen, die in der Regel rund zehn Prozent der Fördersumme einstreichen und im Gegenzug die Anträge schreiben. Das Problem: Wer als junges Unternehmen auf solche Spezialisten verzichtet, kommt durch das Regelwerk kaum durch. Die Förderlandschaft selektiert damit ein zweites Mal: nicht nur nach Tempo, sondern nach der Fähigkeit, sich diesen Aufwand überhaupt zu leisten.
Das ist die eigentliche Ironie des europäischen Deeptech-Moments: Je schneller sich KI und Halbleitertechnologie entwickeln, desto weiter fallen die Förderinstrumente zurück. Und der Selektionseffekt ist brutal. Am Ende werden die Unternehmen gefördert, die Zeit zu warten haben. Die Mitarbeiter abstellen können für mehrjährige Anträge. Deren Geschäftsmodell nicht von Geschwindigkeit abhängt. Im Deeptech sind das selten die vielversprechendsten Firmen.
Die Institutionen müssen Schritt halten können
Es gibt einen Satz, der sich in Brüssel und Berlin wie eine Selbstverständlichkeit anhört, aber in der Realität falsch ist: dass zu spät ausgegebenes Steuergeld immerhin kein verlorenes Geld sei. Geld, das zu spät wirkt, ist verschwendetes Geld, nur mit mehr Bürokratie. Hinter der Trägheit steckt ein nachvollziehbarer Reflex: alles richtig machen, beihilferechtlich keine Fehler, keine Klagen. Redlich, aber am Ende derart teuer, dass die Wirkung der Steuermilliarden ausgehebelt wird.
Europa hat die Gründerinnen und Gründer. Es hat die Technologie. Es hat den Ehrgeiz. Die größte Herausforderung für den europäischen Technologiestandort ist nicht, ob wir Weltklasse-Deeptech-Unternehmen bauen können. Die Frage ist, ob wir Institutionen bauen können, die mit ihnen Schritt halten.
Dafür braucht es keine Revolution. Es braucht vielmehr Ehrlichkeit darüber, was die bestehenden Instrumente können, und was nicht. Schnellere Bewilligungszyklen. Förderkriterien, die kommerziellen Schwung als Qualitätsmerkmal werten, nicht als Ausschlusskriterium. Und den politischen Mut, ein System zu reformieren, das sich selbst bereits für effizient hält, weil es Geld ausgibt. Und nicht, weil es Wirkung erzeugt. Die Mittel sind da. Jetzt müssen die Mechanismen folgen.
Kevin Berghoff ist Mitgründer und CEO von Quantumdiamonds, einem Münchner Deeptech-Unternehmen, das innovative Prüfsysteme basierend auf Quantensensorik für die Halbleiterindustrie produziert. Das Ende 2022 als Ausgründung aus der TU München gestartete Unternehmen arbeitet mit neun der zehn weltgrößten Chiphersteller zusammen.
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