Offen oder abgehängt : Europas Richtungsentscheidung bei KI
Deutschland, Frankreich und die EU arbeiten an einer neuen KI-Initiative. Damit diese zum Erfolg wird, muss technologische Offenheit zum Leitprinzip werden. Ein bloßes Imitieren der KI-Giganten wäre dagegen ein teurer Irrweg, schreiben Nicolas Flores-Herr und Maximilian Gahntz.
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Dass Deutschland und die EU bei der Entwicklung neuester KI-Technologien hinterherhinken, ist nichts Neues. Der politische Wille, das zu ändern, ist inzwischen da, Ressourcen zumindest in Teilen auch. Die EU-Kommission arbeitet deshalb an einem Flickenteppich von KI-Aktionsplänen, -Strategien und -Initiativen. Auch die Bundesregierung setzt mit ihrer Hightech-Agenda neue Schwerpunkte.
Seit dem deutsch-französischen Gipfel zur europäischen digitalen Souveränität im vergangenen November findet man noch ein weiteres Projekt auf dieser Liste, die sogenannte Frontier AI Initiative. „Frontier AI“, das heißt: große KI-Sprachmodelle an der Spitze des technischen Fortschritts. Nun soll die neue Initiative dabei helfen, ebensolche Modelle zu entwickeln. Im Laufe des Frühjahrs wollen Bundeskanzleramt, Élysée-Palast und EU-Kommission hierfür eine gemeinnützige, als öffentlich-private Partnerschaft konzipierte Organisation an den Start bringen – die finanziell am besten ausgestattete ihrer Art weltweit, hieß es. Ein genauso hehres wie kostspieliges Vorhaben.
Mimikry ist keine Strategie
Doch sollte man mit diesen Mitteln nicht bloß die dominanten Akteure im KI-Sektor kopieren. Mit den Milliarden-Investitionen der großen Player wird man kaum mithalten können. Mit weniger Ressourcen dieselbe Strategie zu verfolgen, kann kaum zu besseren Ergebnissen führen. Erfolgversprechend ist nur ein Ansatz, der gezielt andere strategische Hebel nutzt – mit einem klaren Zielbild: ein wettbewerbsfähiges, innovatives und zugleich plurales europäisches KI-Ökosystem.
Das erfordert bereits jetzt wichtige Richtungsentscheidungen. Denn eine KI-Initiative, die allen alles bieten will, wird zwangsläufig scheitern. Sollen die Unternehmen und das KI-Ökosystem in Europa als Ganzes profitieren, müsste der Fokus darauf liegen, kommerziell nutzbare KI-Basismodelle zu entwickeln — und keine reinen Forschungsartefakte. Entscheidend ist hierbei, dass Wertschöpfung nicht beim Training endet. Sie entsteht dort, wo Modelle mit europäischen Daten spezialisiert und in reale Prozesse integriert werden.
Technologische Offenheit muss zum Grundprinzip werden
Ein wesentlicher Schlüsselfaktor dabei: technologische Offenheit. Wo auch immer möglich, sollte die Frontier AI Initiative die von ihr entwickelten technologischen Bausteine — von KI-Modellen über Daten bis hin zu Softwarekomponenten — als „Open-Source“-Technologie bereitstellen. Unternehmen, Forschungseinrichtungen und öffentliche Akteure könnten diese frei und ihren Bedürfnissen entsprechend nutzen, sektor- und anwendungsspezifisch anpassen und in die eigenen Produkte und Infrastrukturen integrieren. Genau dadurch entstehen Geschwindigkeit, Spezialisierung und neue Dynamik am Markt.
Open Source beschleunigt so Innovation, senkt Eintrittsbarrieren und verbindet vormals isolierte Initiativen zu einem KI-Ökosystem. Die Stärke Europas liegt in seiner industriellen Breite und Forschungstiefe – offene KI-Modelle sind der Mechanismus, der diese Stärken erstmals technologisch verbinden kann.
Das wäre ein bewusster Gegenentwurf zu den Ansätzen der großen KI-Unternehmen: Deren KI kann man zwar gebrauchsfertig als „Black Box“ einkaufen – ohne Zugang zu technischer Dokumentation oder Trainingsdaten muss man den Sicherheitsversprechen der Anbieter jedoch blind vertrauen.
Europas KI-Ökosystem stärken
Technologische Offenheit ist dabei kein bloßes Detail, sondern ein konstituierendes Element digitaler Souveränität. Sie verringert Abhängigkeiten von Big Tech und bietet die Basis für neue Alternativen.
So kann Open-Source-Technologie auch dazu beitragen, das KI-Ökosystem in Europa zu stärken. Frei verfügbar gemachte KI, Daten und Software erhöhen nicht nur die Produktivität, denn sie müssen nicht von jedem Marktakteur neu entwickelt werden. Sie schaffen auch positive Feedback-Effekte: Nutzer aus verschiedensten Sektoren können helfen, Stärken und Defizite zu erkennen, Fehler zu beheben und konkrete Erfahrungen aus der Anwendung mit den Entwicklungsteams zu teilen. Ähnliches gilt für Forschende und IT-Sicherheitsexpertinnen, die offene Modelle und Komponenten aufgrund ihrer höheren Transparenz besser prüfen, evaluieren und absichern können.
Die Arbeit der KI-Initiative ließe sich so kontinuierlich an den realen Bedarfen des europäischen Ökosystems ausrichten – und zugleich von dessen Expertise profitieren. Das erhöht nicht nur die technische Leistungsfähigkeit, sondern auch Resilienz, Verlässlichkeit und Vertrauen. Diese Rückkopplung sollte zu einem zentralen Erfolgsmaßstab der Initiative werden. Initiativen wie Swiss AI in der Schweiz oder Allen AI in den USA zeigen bereits heute, dass offene KI-Entwicklung und Exzellenz Hand in Hand gehen können.
Auch ein Blick nach China zeigt das Potenzial einer auf technologischer Offenheit basierenden Strategie. Im Gegensatz zu den dominanten US-Firmen veröffentlichen die meisten chinesischen KI-Unternehmen ihre Modelle unter offenen Lizenzen. Modelle wie Qwen oder Deepseek stehen ihren US-Gegenstücken leistungstechnisch kaum noch nach. Das zeigt, dass Aufholen grundsätzlich möglich ist – wenn die strategischen Weichen richtig gestellt werden.
Aus der Geschichte lernen
Über die Geschichte des Internets hinweg hat Open-Source-Technologie immer wieder dazu beigetragen, Marktmacht zu begrenzen und neue Angebote zu schaffen. Der Open-Source-Browser Firefox half Anfang der 2000er, das Browsermonopol von Microsoft zu durchbrechen. Server auf aller Welt laufen mithilfe des Betriebssystems Linux. Und selbst die Nachrichten von Whatsapp-Nutzern werden mit quelloffener Technologie von Signal verschlüsselt.
Proprietäre Technologien schaffen Abhängigkeit, offene Ökosysteme neue Möglichkeiten. Diesen strategischen Hebel sollten auch die Bundesregierung und die EU nutzen, um Innovation in Wirkung zu übersetzen und einen Gegenentwurf zur Verschlossenheit der großen Tech-Konzerne zu schaffen.
Nicolas Flores-Herr ist Verantwortlicher für Foundation Modelle & Conversational AI am Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS.
Maximilian Gahntz ist Verantwortlicher für KI und Politik bei Mozilla.
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