Verbraucherschutz : Mehr Bürokratie durch den digitalen Produktpass? Das Gegenteil ist der Fall!
Dank einheitlicher Standards müssen Unternehmen ihre Produkte nicht an jedes EU-Land anpassen. Sich auf solche Standards zu einigen, kann einige Zeit dauern, so auch im Falle des digitalen Produktpasses. Dabei birgt der Pass das Potenzial, Bürokratie abzubauen – entgegen der weitläufigen Wahrnehmung.
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Der digitale Produktpass (DPP) kommt. Schon 2024 trat die entsprechende Ökodesign-Verordnung der Europäischen Union (EU) offiziell in Kraft. Ab Februar 2027 ist der erste Pass für viele Batterien Pflicht. Perspektivisch soll für sämtliche physische Produkte in der EU eine DPP-Pflicht gelten.
Im Gespräch ist der DPP schon deutlich länger. An entsprechenden Normen und Standards arbeitet das zuständige Gremium auf EU-Ebene – das sogenannte Joint Technical Committee 24 (JTC 24) – schon seit Dezember 2023. Warum dauert das so lange?
Viele wissen es vielleicht gar nicht: Ob die EU neue Regeln in Form einer Richtlinie oder einer Verordnung erlässt, macht einen großen Unterschied. Erstere gibt den einzelnen Mitgliedstaaten nur Ziele vor, die sie durch nationale Gesetze erfüllen müssen. Verordnungen hingegen gelten unmittelbar – so wie beispielsweise der AI Act. Um diese Verordnungen erfolgreich in den Ländern umzusetzen, gibt es zusätzlich sogenannte harmonisierte Normen.
Für diese sind in der EU die Normungsorganisationen zuständig: Cen für nicht-elektrotechnische Normen, Cenelec für elektrotechnische Normen und Etsi für Normen in der Telekommunikation. In einigen Fällen kommt es zu Gemeinschaftsgremien, wie im Fall des Produktpasses, in Form des JTC 24. In Deutschland übernehmen auf nationaler Ebene die Organisationen DIN (nicht-elektrische Normen) und DKE (elektrotechnische) ähnliche Aufgaben.
Konsensprinzip beim Finden von Normen
Konkret gehen die Organisationen so vor: Cen und Cenelec entwerfen Normen mit Fachexperten. Damit kann beispielsweise die EU-Kommission sie beauftragen. Dazu kommen Delegationen, bestehend aus bis zu drei Personen aus den nationalen Normungsorganisationen, und verhandeln mit den Organisationen. Am Ende darf kein EU-Land mehr etwas zu beanstanden haben. Erst dann ist die Norm unter Dach und Fach.
Allein das dürfte schon schwierig umzusetzen sein. Hinzu kommt: In dem Prozess treffen Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlicher Hand aufeinander. Ihre Interessen gehen häufig weit auseinander. Wie kompliziert es manchmal ist, sich zu einigen, zeigt sich am Beispiel des digitalen Produktpasses für Unternehmen.
Komplexität erklärt anhand des digitalen Produktpasses
Das eingangs erwähnte JTC 24 gründete sich im Zuge der neuen europäischen Ökodesign-Verordnung. Der DPP soll – kurz erklärt – die Lebensgeschichte eines Produktes für Verbraucher, aber auch für Behörden, mithilfe eines Smartphones sichtbar und verständlich machen. Dabei kann ein QR-Code oder NFC-Chip zum Einsatz kommen, der das Produkt mit dem DPP dauerhaft verbindet.
Der Pass soll für sämtliche physische Produkte, egal ob Baumaterial, Fernseher oder Kleidung, funktionieren. Passende Normen zu entwickeln, gestaltet sich also komplex. Das Fundament des Passes besteht aus dem System dahinter und den Datenanforderungen. Ersteres soll grundlegende Fragen klären: Wie kann man den DPP suchen? Wer darf ihn aktualisieren? Zugriffsrechte, Informationssicherheit und Vertraulichkeit sind wichtige Aspekte. Welches Unternehmen möchte seine Lieferkettendaten in ein Register schreiben, auf das die Konkurrenz Zugriff hätte?
Daneben geht es um die Zuverlässigkeit der Daten: Sind diese echt und zuverlässig? Können sie manipuliert werden? Das System muss bereits jetzt für zukünftige gesetzliche Vorgaben und sich ändernde Anforderungen gewappnet sein. Noch komplexer ist es, sich bezüglich Datenanforderungen zu einigen. Denn spezifische Daten, die im DPP festgehalten werden müssen, unterscheiden sich von Produkt zu Produkt: Ein Textilprodukt benötigt andere Daten als Baumaterial.
Standardisierung als Digitalisierungschance
Die eigentliche Herausforderung der Standardisierung des DPPs liegt aber nicht in der Normfindung. Sie liegt eher am fehlenden Verständnis, was der DPP letztlich bewirkt.
Es gibt bereits die ersten Unkenrufe aus der Wirtschaft, die den Pass mit einem Bürokratiemonster gleichsetzen. Das Gegenteil dürfte der Fall sein: Heute muss ein Hersteller für jedes Land Produktinformationen in verschiedenen Formaten und Kanälen bereitstellen – PDFs, nationale Register, Papiernachweise. Behörden fragen einzeln an, Verbraucher haben bisher überhaupt keinen Zugriff auf all diese Informationen.
Mit dem DPP wird es eine einheitliche digitale Semantik geben: Behörden greifen direkt auf strukturierte Daten zu, Verbraucher scannen selbst, Unternehmen sparen Übersetzungen, Kopien, Einzelmeldungen. Kurz: Firmen können sich Papier und doppelten Aufwand sparen.
Für Verbraucher wird der DPP zum Kompass: Ein Scan genügt und Herkunft, Materialien oder Reparaturhinweise sind sichtbar – ohne Umwege über Prospekte oder versteckte Webseiten. Gleichzeitig entsteht ein neuer, unmittelbarer Kommunikationskanal zu den Herstellern. Behörden greifen auf dieselben Daten zu, statt immer neue Nachweise einzufordern.
So profitieren alle Seiten: Bürgerinnen und Bürger durch Transparenz, Behörden durch Effizienz, Unternehmen durch weniger Doppelarbeit. Der digitale Produktpass ist damit kein weiterer Akt der Bürokratisierung, sondern einer der wirksamsten Hebel, um die Digitalisierung in der EU voranzubringen.
Thomas L. Rödding ist Co-Vorsitzender „Digital Product Passport“ beim europäischen Cen-Cenelec Joint Technical Commitee (JTC) 24 sowie im nationalen DIN/DKE-Gremium. Er ist zudem Geschäftsführer der Software-as-a-Service-Plattform für digitale Produktpässe Narravero.
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