Die teuerste Sucht von allen : Online-Glücksspiel braucht eine starke Regulierung
Seit 2021 darf in Deutschland legal online gezockt werden. Doch die Risiken sind weiterhin groß: schwache Schutzregeln, hohe finanzielle Gefahren und ein florierender illegaler Markt. Besonders problematisch sind die ständige Verfügbarkeit und ein Einzahlungslimit, das viele Spieler in die Überschuldung treiben kann, schreibt Konrad Landgraf vom Fachverband Glücksspielsucht im Standpunkt.
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Es klingt wie eine Binsenweisheit: Die Digitalisierung und das Internet haben mittlerweile so ziemlich alle Bereiche des Lebens erfasst. So ist es kaum verwunderlich, dass in Deutschland ganz legal an Online-Glücksspielen teilgenommen werden kann. Auch wenn das für die meisten Glücksspielformen erst seit Mitte 2021 gilt. Davor waren virtuelle Automatenspiele, Online-Poker oder Online-Sportwetten – mit Ausnahme von Schleswig-Holstein – in Deutschland verboten.
Mit dem Glücksspielstaatsvertrag 2021 (GlüStV) wurde dies grundlegend geändert. Seit mittlerweile mehr als vier Jahren kann legal online gezockt werden. Doch das bedeutet nicht, dass alles in bester Ordnung ist.
Riesiges illegales Online-Angebot
Neben den von der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL) lizenzierten Online-Glücksspielen existiert in Deutschland ein riesiges Angebot an illegalen Online-Glücksspielen, deren Betreiber ihren Sitz im Ausland haben. Im Jahr 2025 sind es über 800 Websites, die aus Deutschland erreichbar sind, in deutscher Sprache und mit der Möglichkeit, in Euro zu bezahlen.
Spielerschutz? Fehlanzeige! Das macht diese Seiten hochriskant. Die GGL muss gegen die illegalen Glücksspielanbieter die verfügbaren Instrumente konsequent einsetzen. Etwa das Payment-Blocking und nach der Novellierung des GlüStV auch das IP-Blocking. Darüber hinaus können geschädigte Spieler Rückzahlungsansprüche gegen die illegalen Anbieter geltend machen. Schließlich sollte auf sie das deutsche Strafrecht Anwendung finden. Der Gesetzgeber ist gehalten, hier eine rechtssichere Regelung zu finden.
Viel zu hohe Limits im legalen Bereich
Allerdings bestehen im legalen Bereich ebenfalls gravierende Probleme. Zwar gibt es mit „Oasis“ (Onlineabfrage Spielerstatus) eine zentrale Sperrdatei für Glücksspielende, die im Online-Bereich auch gut funktioniert. Doch andere Regelungen sind lückenhaft: So schreibt der GlüStV im Online-Glücksspiel ein anbieterübergreifendes Einzahlungslimit von 1.000 Euro im Monat vor. Das sind 12.000 Euro pro Jahr, die verzockt werden können – eine bereits recht stolze Summe! Doch viele Glücksspielanbieter ermöglichen sogar eine Erhöhung des monatlichen Einzahlungslimits auf 10.000 Euro. Dafür reicht eine einfache Schufa-G-Abfrage, die kaum eine Minute dauert.
Fast 90 Prozent der Erwachsenen in Deutschland erfüllen diese Voraussetzungen, also die überwiegende Mehrheit. Wer das Einzahlungslimit anhebt, kann also bis zu 120.000 Euro pro Jahr im Online-Glücksspiel verspielen. Wie soll das ein deutsches Durchschnittsgehalt finanzieren? Überschuldung ist hier vorprogrammiert. Eine Verschärfung dieses Verfahrens ist deshalb mehr als dringend nötig. Eine Erhöhung des Einzahlungslimits, wenn man sie überhaupt erlauben will, muss sich klar an der tatsächlichen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit einer Person orientieren.
Strengere Regeln für Verfügbarkeit und Werbung
Ein weiteres Problem des Online-Glücksspiels ist seine ständige Verfügbarkeit. Online-Glücksspiele sind rund um die Uhr möglich und überall, wo es Internet gibt. Dies wird bisher wie eine Art Naturgesetz von niemandem ernsthaft infrage gestellt. Während Spielhallen eine Sperrzeit von mindestens drei Stunden, in vielen Bundesländern sogar sechs Stunden, einhalten müssen, kennt der Gesetzgeber für Online-Glücksspiele bislang keine vergleichbare Regelung. Doch wieso nicht? Warum sollte eine Sperrzeit nicht auch im Online-Glücksspielbereich eingeführt werden? Die Pompidou Group, eine Regierungsorganisation für die europäische Zusammenarbeit im Bereich Drogenpolitik, hat diese Maßnahme zumindest als Option ins Spiel gebracht.
Darüber hinaus ist die Werbung für Glücksspiele ein kritischer Punkt. Warum darf für ein Produkt, das erst ab 18 Jahren erlaubt ist, rund um die Uhr geworben werden, wie das bei Sportwetten der Fall ist? Vor allem beim Fußball werden Zuschauer:innen mit Sportwetten-Werbung regelrecht überflutet. Und das, obwohl viele Minderjährige zuschauen. Hier braucht es klare Regeln: Keine Werbung zwischen 6 Uhr und 21 Uhr aus Gründen des Kinder- und Jugendschutzes. So wie es bereits bei allen anderen Online-Glücksspielen der Fall ist. Im Zuge dessen sollte die Sperrzeit dann für alle Glücksspiele mindestens bis 22 Uhr, besser bis 23 Uhr, ausgeweitet werden.
Denn wer glaubt, dass ab 21 Uhr keine Jugendlichen mehr online sind, irrt gewaltig. Natürlich wird die Glücksspielindustrie lautstark protestieren und vor einer Abwanderung in den illegalen Markt warnen. Doch der illegale Glücksspielmarkt darf niemals Maßstab sein für das legale Angebot. Zu Ende gedacht, wäre das legale Glücksspiel sonst irgendwann genauso gefährlich wie das illegale. Dann bliebe der Spielerschutz auf der Strecke. Im Straßenverkehr wird ein Tempolimit schließlich auch nicht erhöht, nur weil es oft überschritten wird. Im Gegenteil: Es werden eher die Kontrollen verschärft. Und auf besonders gefährlichen Streckenabschnitten gelten erst recht strikte Tempolimits.
Strenge Regulierung als Suchtprävention
Glücksspiel ist ein Bereich mit sehr hohen Risiken. Am stärksten gefährdet sind die Menschen, die selbst spielen. Sie laufen Gefahr, schwere finanzielle und psychosoziale Probleme zu entwickeln, bis hin zu einer Störung durch Glücksspiel (Glücksspielsucht). Doch wie bei anderen Süchten wirken sich die Folgen nicht nur auf die betroffene Person selbst aus, sondern auch auf ihr privates und berufliches Umfeld. Glücksspielsucht ist – im wahrsten Sinne des Wortes – die teuerste Sucht von allen. Das rechtfertigt eine strikte Regulierung durch den Staat in jedem Fall. Nicht nur offline, sondern gerade auch online.
Konrad Landgraf ist stellvertretender Vorsitzender des Fachverbandes Glücksspielsucht e. V. und Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern.
Die wissenschaftliche Tagung des Fachverbandes findet auch am heutigen 5. Dezember 2025 im Berliner Hotel Aquino und online statt, unter anderem mit einem Vortrag um 10 Uhr zum Thema „Risikokompetenz in der digitalen Welt – Wie anonym sind Online-Gamer?“.
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