Anthropic-Konflikt : Rechenzentren als geopolitischen Hebel nutzen
Der Streit zwischen Anthropic und dem Pentagon hat in Europa Begehrlichkeiten geweckt: Lässt sich das KI-Unternehmen nach Deutschland oder Europa locken? Anton Leicht vom Carnegie Endowment for International Peace und Philip Fox vom Kira Center halten einen vollständigen Umzug für unrealistisch. Sie plädieren aber dafür, die Gunst der Stunde zu nutzen und mit besseren Rahmenbedingungen zumindest einen Teil der KI-Spitze nach Europa zu ziehen.
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Deutschland täte gut daran, ein führendes KI-Unternehmen zu haben. Schlechte Rahmenbedingungen und deutsche Behäbigkeit haben dafür gesorgt, dass wir diesen Zug verpasst haben – und stattdessen mit Höchstgeschwindigkeit in technologische Abhängigkeiten und wirtschaftlichen Bedeutungsverlust rasen.
Der rasante Fortschritt im Bereich KI hat den politischen Diskurs in Europa auf die Suche nach Abkürzungen geschickt: Gäbe es einen cleveren Schachzug, der uns den schnellen Anschluss an die weltweite KI-Spitze ermöglicht? Genau in diesem Kontext hat der jüngste Streit zwischen Anthropic und dem Pentagon Begehrlichkeiten geweckt.
Streit ums Kriegsgerät
Anthropic entwickelt leistungsstarke KI-Systeme wie das Sprachmodell Claude und stellt diese dem US-Militär zur Verfügung – allerdings unter der Bedingung, dass sie nicht in autonomen Waffensystemen oder zur Massenüberwachung eingesetzt werden. Das Pentagon lehnte diese Einschränkungen ab, kündigte seine Verträge und stufte Anthropic als „Lieferkettenrisiko“ ein. Damit ist es auch privaten Unternehmen untersagt, Anthropics Produkte zur Erfüllung ihrer Pentagon-Verträge zu nutzen. Das stellt Anthropics wirtschaftliche Zukunft infrage: Investitionen in ein Unternehmen im Kreuzfeuer der eigenen Regierung sind riskant – zumal Anthropic mutmaßlich einen Börsengang plant und sich mit der Konkurrenz ein kapitalintensives Rennen um KI-Infrastruktur liefert.
Umzug als Abkürzung?
Könnten wir Anthropic unter diesen Umständen nach Europa holen? Verschiedene Beobachter äußerten zuletzt diese Idee, darunter der Wirtschaftsprofessor und ehemalige Europa-Abgeordnete Luis Garicano, der Bestseller-Autor Rutger Bregman und der SPD-Digitalexperte Matthias Mieves. Der Impuls ist richtig. Die jüngsten Ereignisse bieten tatsächlich eine Chance, Europas Verhältnis zur US-amerikanischen Technologieführerschaft neu zu kalibrieren. Dennoch lautet die nüchterne Antwort: Eine Abwanderung Anthropics nach Europa ist extrem unwahrscheinlich.
Zu wenig Chips, zu wenig Zeit
In den USA gibt es weitreichende Gesetze, die den Abfluss kritischer Technologie ins Ausland verhindern sollen, und Donald Trump scheint gewillt, diese zu nutzen – etwa durch das Einfrieren von Geldern und geistigem Eigentum, ohne Zustimmung des Kongresses. Hinzu kommt: Europas öffentliche Supercomputer kommen zusammen auf etwa 50.000 KI-Chips, während Anthropic über Verträge mit Amazon und Google Zugriff auf über eine Million hat. Ein Neustart in Europa ist damit schlicht unattraktiv – zumal CEO Dario Amodei innerhalb der nächsten drei Jahre eine dem Menschen kognitiv ebenbürtige „Allgemeine Künstliche Intelligenz“ erwartet. Dafür bleibt keine Zeit für einen Neuanfang auf grüner Wiese.
Infrastruktur als Hebel
Die gute Nachricht: Es gibt einen anderen Weg. Zwar ist es nicht realistisch, Anthropic vollständig nach Europa zu holen. Viel wäre aber schon gewonnen, wenn das Unternehmen einen kleinen, aber bedeutsamen Anteil seiner Rechenkapazität, Geschäftstätigkeit und technischen Talente nach Europa verlagern würde – und dasselbe gilt für andere führende KI-Unternehmen, die den Konflikt als Omen verstehen könnten.
Führt das nicht geradewegs in die Abhängigkeit, die wir verhindern wollen? Nicht zwangsläufig. Wenn KI-Infrastruktur in Deutschland entsteht, unterliegt sie unserer Rechtsprechung und physischen Kontrolle. In einer Welt, in der Rechenkapazität zur knappen Ressource wird, gibt uns das einen strategischen Hebel: US-Unternehmen bauen hier ihre Rechenzentren, wir erhalten im Gegenzug sicheren Zugang zu den besten Modellfähigkeiten. Brechen sie diese Vereinbarung, verlieren sie vertragsgemäß den Zugang zu ihrer eigenen Infrastruktur. Das Beispiel der OPEC-Staaten zeigt, wie sich Kontrolle über entscheidende Input-Faktoren der Weltwirtschaft auf diese Weise in geopolitischen Einfluss übersetzen lässt.
Damit das für KI-Spitzenunternehmen attraktiv ist, braucht es bessere Rahmenbedingungen. Dazu zählen beschleunigte Genehmigungsverfahren und prioritären Netzzugang für Rechenzentren – etwa auf stillgelegten Industriearealen; Anreize für Pensionsfonds, Staatsfonds und deutsche Unternehmen, in KI zu investieren; und Steuererleichterungen, um die deutlich geringeren US-Unternehmenssteuern zu kompensieren. Dieselben Maßnahmen würden auch europäischen Akteuren wie Mistral, der Schwarz-Gruppe oder der Deutschen Telekom helfen, souveräne Alternativen für sensible Anwendungsbereiche zu schaffen.
Es mag unwahrscheinlich klingen, dass sich Unternehmen wie Anthropic in das bürokratische Dickicht der EU wagen. Noch unwahrscheinlicher ist es jedoch, KI-Souveränität durch unterfinanzierte staatliche Initiativen zu erreichen, die nicht ernsthaft mit den USA oder China mithalten können. Wenn die Tiraden des Pentagons gegen Anthropic dazu beitragen, dass wir diese Diskussion realistischer führen, können wir der US-Regierung fast dankbar sein.
Anton Leicht ist Visiting Scholar für internationale Technologiepolitik am Carnegie Endowment for International Peace.
Philip Fox ist European AI Policy Lead am Kira Center, einem unabhängigen Thinktank für KI-Politik.
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