Generative KI : Wer gestaltet die Zukunft des Lesens?
Die Buchbranche in all ihren Zweigen steht wegen KI vor einem großen Umbruch. Einerseits können datenbasierte Entscheidungen die Verlage voranbringen und Kosten reduzieren, andererseits braucht es einheitliche Regularien und den menschlichen Blick, schreibt Peter Kraus vom Cleff. Sonst droht laut Chef des Börsenvereins eine Entwicklung wie bei sozialen Medien.
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Künstliche Intelligenz (KI) ist im Begriff, die Welt der Bücher tiefgreifend zu verändern. Für die Buchbranche bedeutet das eine doppelte Herausforderung: Schriftsteller*innen und Verlage sind einerseits Opfer des größten Diebstahls geistigen Eigentums in der Geschichte der Menschheit und andererseits Gestalter einer Technologie, die ihren Arbeitsalltag erleichtern kann.
Lassen wir die gesellschafts- und kulturpolitischen Fragestellungen rund um generative KI außer Acht, eröffnet die Technologie, richtig eingesetzt, Chancen für die Buchbranche: Sie kann Lektorate beim Prüfen von Texten unterstützen, Verlagen helfen, Auflagen präziser zu planen, und Buchhandlungen ermöglichen, ihr Sortiment und ihre Kund*innenansprache zielgerichteter aufzusetzen.
Datenbasierte Tools erleichtern es, potenzielle Zielgruppen zu identifizieren, Trends zu erkennen und Marketingressourcen effizienter einzusetzen. Auch Print-on-Demand-Verfahren gewinnen an Bedeutung und können dazu beitragen, Überproduktion zu vermeiden.
Der Mensch übernimmt Feinjustierung
Doch so nützlich diese Werkzeuge sein mögen: Sie liefern datenbasierte Vorschläge, die schlussendlich durch Menschen beurteilt und justiert werden müssen. Was den Buchmarkt trägt – das kuratorische Urteil, der kulturelle Anspruch, das Vertrauensverhältnis zwischen Verlagen, Buchhandlungen und Leserschaft – ist durch keine Maschine zu ersetzen.
Die für unsere Demokratie notwendige Vielfalt entsteht nicht durch statistische Wahrscheinlichkeiten, sondern durch Mut, Haltung und die Bereitschaft, Überraschendes zu wagen. Autor*innen und Verlage öffnen Räume der Empathie und erlauben uns, die Welt durch andere Augen zu sehen. So können sich Lesende eine differenzierte Meinung bilden. Ein Vorgang, der die Basis für soziale Teilhabe legt.
Das Buch ist kein beliebiges Datenpaket
Mit großer Sorge beobachten wir daher die Schattenseiten, der Technologie. Die Zahl vollständig KI-generierter Bücher wächst rasant. Täglich erscheinen neue Titel, deren Ursprung für die Leserschaft kaum erkennbar ist – denn eine Kennzeichnungspflicht existiert bislang nicht. Die Folgen sind Qualitätsverlust, Marktüberflutung und eine strukturelle Verzerrung des Wettbewerbs. Wenn massenhaft billig produzierte Inhalte den Markt fluten und Algorithmen im Onlinehandel zunehmend darüber bestimmen, was sichtbar wird, geraten hochwertige Produktionen ins Hintertreffen.
Viele Verlage reagieren darauf mit neuen Transparenzstandards und weisen freiwillig aus, ob und in welchem Umfang KI bei der Entstehung eines Werkes eingesetzt wurde. Sie ermöglichen ihrer Leserschaft damit eine bewusste Entscheidung. Gleichzeitig geraten Buchhandlungen – Orte des Austauschs, der Leseförderung und der kulturellen Orientierung – durch die virtuelle Konkurrenz wirtschaftlich unter Druck.
Dabei ist ihre Relevanz jetzt größer denn je. Wer sorgt für Sichtbarkeit jenseits algorithmischer Logiken, wenn die Buchhandlung ums Eck schließen musste? Wer eröffnet Zugänge zu Büchern, die nicht nach reiner Datenlage in unseren Empfehlungsfeeds erscheinen?
Leserinnen und Leser müssen befähigt werden, den Wert schöpferischer Arbeit wahrzunehmen und gleichzeitig qualitativ minderwertige, durch KI erstellte Publikationen direkt zu erkennen.
Schöpferische Leistung braucht mehr Schutz
Die Gefahr einer schleichenden Entwertung kreativer Arbeit beginnt schon früher im Prozess: KI-Modelle können nur deshalb Inhalte erzeugen, weil sie zuvor mit geschützten Werken gefüttert wurden. Dies geschieht häufig ohne Zustimmung der Rechteinhaber und ohne eine angemessene Vergütung.
Das bedeutet: KI-Modelle eignen sich ungefragt und unbezahlt schöpferische Leistungen an, um daraus umsatzträchtige Produkte zu generieren, die in Konkurrenz zu den Originalen treten. Das ist nicht nur ein wirtschaftliches Problem, sondern auch ein ethisches.
Ein Buch ist Ergebnis eines komplexen, anspruchsvollen Entstehungsprozesses: Denken, Recherchieren, Schreiben, Lektorieren, Gestalten. Alles Arbeit, die Kompetenz, Zeit und Hingabe erfordert. Deshalb brauchen wir Regeln: Training mit urheberrechtlich geschützten Werken darf nur mit Erlaubnis und angemessener Vergütung erfolgen. Transparenz über die verwendeten Quellen muss verbindlich werden, und digitale Märkte dürfen nicht von einigen wenigen Technologieunternehmen kontrolliert werden.
Wer gestaltet die Zukunft des Lesens?
Wir stehen an einem Wendepunkt. Die Buchbranche wird sich durch KI verändern. Doch wie viel Macht wollen wir KI und den Tech-Giganten, die dahinterstehen, zusprechen? Wird KI zu einem Werkzeug, das Kreativität stärkt, oder zu einer Macht, die kulturelle Vielfalt aushöhlt?
Die Aufgabe der Buchbranche besteht darin, Gestaltungskraft zu beweisen, Chancen zu nutzen und Grenzen klar zu benennen. Der Politik muss es gelingen, verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen, Innovation zu ermöglichen, ohne Kreative schutzlos zu lassen. Und die Leserschaft steht vor der großen Entscheidung, wie wertvoll ihr die kreative Leistung ist, die hinter einem jeden menschengemachten Buch steht. Sonst werden wir eines Tages feststellen, dass uns die KI ebenso wenig intelligenter gemacht hat, wie uns die sozialen Medien sozialer gemacht haben.
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