KI in der Berufsorientierung : Zwischen Daten, Diagnose und Küchenpsychologie
Immer mehr Jugendliche nutzen generative KI zur Ausbildungsrecherche. Felix von Zittwitz, CEO der Online-Berufsberatung, warnt vor Risiken, die den Fachkräftemangel verstärken und die Vielfalt der Ausbildungsberufe gefährden könnten. Es braucht mehr Transparenz und Verantwortungsbewusstsein dafür, wie Datenräume strukturiert sein müssen, damit auch weniger prominente Berufswege in der algorithmischen Berufsberatung eine faire Chance bekommen, schreibt von Zittwitz.
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„Was passt zu mir?“ – Diese Frage stellen junge Menschen heute immer öfter an ChatGPT. Künstliche Intelligenz ist zum Sparringspartner der Gen Z geworden und zum Einstiegspunkt für eine der wichtigsten Entscheidungen im Leben: die Berufswahl. Das ist eine echte Chance – aber auch eine große Verantwortung.
Laut Azubi Report 2025, einer repräsentativen Studie von Ausbildung.de unter mehr als 1000 Azubis, die Mitte November erschien, nutzen bereits 53 Prozent der Jugendlichen generative KI zur Ausbildungsrecherche. Der Anteil der KI-induzierten Zugriffe steigt rasant. Inzwischen lässt sich ein mittlerer einstelliger Prozentanteil direkt auf LLMs (Large Language Models) wie ChatGPT oder Gemini zurückführen. Die Tendenz ist dabei exponentiell wachsend.
Das ist zunächst eine gute Nachricht. Denn KI erreicht junge Menschen, wie es die klassische Beratung nur selten schafft: Sie bewertet nicht, antwortet jederzeit und passt sich Tempo und Ton der Nutzer:innen an.
In einer mit Unsicherheit, Zukunftsängsten und Zweifeln belegten Situation wie der Entscheidung für den zukünftigen Job – oft der ersten großen Lebensfrage, die junge Menschen weitgehend selbst entscheiden – ist das viel wert.
Von der Idee zur Illusion: Wo KI an ihre Grenzen stößt
Doch genau in der vermeintlichen Nähe liegen auch Risiken. Denn die Systeme wirken oft überzeugender, als sie es faktisch sind. Sie liefern plausible Antworten und suggerieren Tiefe, wo nur Oberfläche ist.
„Du schreibst gern? Vielleicht solltest du Journalist:in werden.“
So eine Aussage wirkt harmlos, ist aber ein Beispiel für das, was als digitale Küchenpsychologie bezeichnet werden kann: Sie basiert auf Annahmen statt der Analyse tatsächlicher Eignung. Im KI-Dialog entstehen so schnell intuitive Matches, die plausibel klingen, aber psychologisch nicht belastbar sind.
Wirklich fundierte Orientierung braucht validierte eignungsdiagnostische Verfahren, die Interessen, Persönlichkeit, Fähigkeiten und Werte messen.
Einige Anbieter – so auch Ausbildung.de – arbeiten bereits an solchen KI-Diagnostik-Hybriden, doch hier ist wissenschaftliche Sorgfalt gefragt. Denn über allem schwebt ja das moralische Dilemma jeder Beratung: Was, wenn der Rat falsch ist? Im Zweifel enthält „falsche“ Berufsorientierung einem jungen Menschen die Perspektive auf den „Traumjob“ vor.
Das Halluzinationsproblem: Wenn Jobs erfunden werden
Ein weiteres Risiko liegt in der technischen Grundlage: LLMs „halluzinieren“. Das heißt: Sie erzeugen Inhalte, die syntaktisch korrekt, aber faktisch falsch sind. Sogar URLs in den Quellenangaben einer KI-Antwort sind nicht zwingend „echt” – viele führen auf Fehlerseiten.
Mitunter sind die Informationen aber gar nicht falsch, sondern nur veraltet. Denn oft führen LLMs keine Web-Suchen in Echtzeit durch, sondern geben Antworten auf Basis ihrer (mitunter Monate alten) Trainingsdaten. Gerade auf der Suche nach Ausbildungsstellen, die oft nur in einer gewissen Zeit „offen” sind, ist das problematisch.
Und schließlich überfordert das Datenkonstrukt hinter Berufen und Jobs LLM-Systeme. Ein Beispiel: Eine KI verweist auf eine Ausbildungsstelle bei einer Supermarktkette, doch im Hintergrund stehen fünf unterschiedliche Filialen mit jeweils eigenen Vakanzen. LLMs können die Struktur meist (noch) nicht sauber abbilden und liefern dann unklare oder schlicht falsche Informationen.
Sichtbarkeit ist nicht gleich Relevanz
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Was sichtbar ist, wird empfohlen. Was unsichtbar ist, bleibt verschwunden. Analysen zeigen: Berufsbilder mit geringer digitaler Präsenz – entweder in den Trainingsdaten oder im aktuellen gesellschaftlichen Dialog – tauchen in KI-Dialogen seltener auf. Und es ist zumindest anzunehmen, dass auch die Ausbildungssuchenden mit geringerer Wahrscheinlichkeit von selbst fragen, ob eine Zukunft als „Zerspanungsmechanikerin“ oder „Geigenbauer“ nicht zu ihr oder ihm passen würde. So entsteht ein sich verstärkender Kreislauf der Nicht-Sichtbarkeit von Berufen, der die Vielfalt im Ausbildungssystem gefährdet.
Ein Indiz für ein allzu selektives Angebot an Berufen durch KI bietet die Datenlage auf Ausbildung.de: Im September 2025 erhielten nur etwa 60 Prozent der Berufe, die auf dem Portal vorgestellt werden, Zugriffe über ChatGPT, Perplexity & Co. Was aber ist mit den übrigen 40 Prozent?
Offen ist dabei letztlich auch die Frage, auf Basis welcher Wertegerüste eine KI Berufsempfehlungen ausspricht. Wird ChatGPT einem jungen Menschen empfehlen, Krankenpfleger:in zu werden, auch wenn die Arbeitsbedingungen beschwerlich sind, oder Drucker:in, auch wenn der Beruf eine fragwürdige Zukunft hat? Die plumpe Frage an ChatGPT, was der „beste Ausbildungsberuf” sei, wird zumindest dem Autor dieses Artikels mit „Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung” beantwortet.
Orientierung neu denken – auf allen Ebenen
KI verändert nicht nur die Informationssuche. Sie verschiebt Machtverhältnisse. Wer heute entscheidet, was sichtbar ist, prägt die Berufswahl von morgen. Deshalb braucht es einen neuen Umgang mit KI auf allen Ebenen:
- Medienkompetenz wird zur Schlüsselressource: Junge Menschen müssen lernen, KI nicht als Wahrheit zu verstehen, sondern als Werkzeug, welches sie unterstützt, aber nicht entscheidet.
- Aufgeschlossene Systeme zur Orientierung: KI ist kein Ersatz, aber ein Einstieg für junge Menschen. Das erfordert neue Schnittstellen zur Eignungsdiagnostik und ein pädagogisches Verständnis von Technologieeinsatz.
- Unternehmen müssen verstehen, wie sich Sichtbarkeit verändert: Wer oder was bei ChatGPT nicht vorkommt, existiert für viele Jugendliche nicht. Aber Sichtbarkeit beginnt nicht im Prompt, sondern im Kopf. Nur wer es schafft, als Arbeitgebermarke ins mentale „Relevant Set“ zu kommen – durch klare Kommunikation, echte Relevanz und gute Inhalte – wird auch im KI-Zeitalter gefunden.
Auch Sichtbarkeit braucht Regeln – oder zumindest Bewusstsein
Denn diese Sichtbarkeit wird zur neuen Währung in der digitalen Berufsorientierung. Welche Berufsbilder von KI empfohlen werden, hängt maßgeblich davon ab, welche Daten verfügbar, trainiert und eingebettet sind. Was nicht in den Daten erscheint, erscheint auch nicht in den Empfehlungen und wird so für viele Jugendliche unsichtbar.
Diese algorithmisch geprägte Auswahlstruktur ist zwar kein Hochrisikobereich im Sinne des EU AI Acts, aber sie beeinflusst tiefgreifend die Bildungs- und Lebensentscheidungen junger Menschen. Der AI Act legt den Fokus auf sicherheitskritische und hochsensible KI-Anwendungen. Berufsorientierung per LLM fällt (noch) nicht darunter. Doch gerade weil sie so grundlegend in die Biografien junger Menschen eingreift, sollten wir ihren gesellschaftlichen Impact nicht unterschätzen.
Es braucht keine neue Regulierung – aber einen neuen Umgang: mehr Transparenz, mehr Verantwortungsbewusstsein und mehr Bewusstsein dafür, wie Datenräume strukturiert sein müssen, damit auch weniger prominente Berufswege in der algorithmischen Berufsberatung eine faire Chance bekommen.
Was heute nicht auftaucht, wird morgen nicht gewählt. Und das sollte uns, als Gesellschaft wie auch als Arbeitgeber, nicht egal sein.
Eine Frage von System, Verantwortung und Zukunft
Der Einfluss generativer KI auf die Berufsorientierung ist mehr als ein technologischer Trend. Er wird zur strukturprägenden Kraft in einem dynamischen Arbeitsmarkt.
Schon heute bleiben laut Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) jedes Jahr über 70.000 Ausbildungsstellen unbesetzt. Der wirtschaftliche Schaden: bis zu 2,9 Milliarden Euro jährlich, ganz ohne die Folgekosten durch Produktivitätsverluste, Geschäftsaufgaben und Renteneintritt von 6,5 Millionen Erwerbstätigen.
Berufsorientierung wird zum Schlüssel für Fachkräftesicherung und Gradmesser dafür, wie gerecht, zugänglich und wirksam unser Bildungssystem wirklich ist. Wenn es gelingt, KI nicht nur als Inspirationsquelle zu begreifen, sondern in ein System wissenschaftlich fundierter, diagnostischer Berufsorientierung zu integrieren, kann daraus ein echter Fortschritt entstehen – vor allem für die, die sonst durchs Raster fallen.
Felix von Zittwitz ist CEO von Ausbildung.de und Vizepräsident des „Young Talent Verticals“ bei Embrace.
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