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Digitalisierung & KI

Standpunkt

Data Act: Eine Chance für Open Source in Europa

Josep Prat, Engineering Director bei Aiven
Josep Prat, Engineering Director bei Aiven Foto: Aiven

Freie Software mausert sich mehr und mehr zum Rückgrat der europäischen Digitalwirtschaft. Das gilt umso mehr, wenn der Data Act auf EU-Ebene kommt, ohne vorher aufgeweicht zu werden, schreibt Josep Prat. Es würde dann mehr Wettbewerb entstehen, ebenso wie mehr Kollaboration.

von Josep Prat

veröffentlicht am 16.01.2023

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Ohne dass Open Source im Data Act auch nur mit einer Silbe erwähnt wird, könnte ein Gesetz entstehen, durch das freie Software endgültig zum Rückgrat der europäischen Digitalwirtschaft aufsteigt. Denn auch ohne es explizit zu nennen, beruhen der Data Act und die Open-Source-Bewegung auf demselben Prinzip: Freiheit für Nutzer:innen zu gewährleisten. Das ist auch gut so. Denn ein Maximum an Datenfreiheit und Flexibilität wird einen erheblichen Mehrwert für die Bürgerinnen und Bürger der EU kreieren. Nur dürfen die europäischen Institutionen sich im weiteren Gesetzgebungsverfahren nicht von ihrem Weg abbringen lassen.

Doch der Reihe nach: Die EU-Kommission hatte im Frühjahr einen ersten Entwurf für ein Datengesetz vorgelegt, um mehr Daten nutzbar zu machen. Dieser Data Act sieht unter anderem vor, dass Nutzer:innen in Europa nach Inkrafttreten des Gesetzes das Recht haben, Cloud-Anbieter ohne zusätzliche Kosten zu wechseln. Außerdem soll das geplante Gesetz Verbraucher:innen einen transparenten Zugriff auf ihre Daten und deren Verwendung garantieren. Bürgerinnen und Bürger ebenso wie kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) sollen die Hoheit über von ihnen generierte Daten erhalten, indem geregelt wird, wer diese Daten für welchen Zweck und unter welchen Bedingungen einsehen und nutzen darf. Lock-in-Effekte, wie Organisationen sie kennen, die noch auf proprietäre Software setzen, dürften dann der Vergangenheit angehören, zumindest deutlich unwahrscheinlicher werden.

Ohne Datenzugang keine florierende Digitalwirtschaft

Der Zugang zu wettbewerbsfähigen und interoperablen Datenverarbeitungsdiensten ist eine Voraussetzung für eine florierende Datenwirtschaft, in der Daten problemlos innerhalb und zwischen sektoralen Ökosystemen ausgetauscht werden können. Wie dies am besten gelingt? Mit Daten-Standards. Und damit dürfte auch die europäische Digitalwirtschaft vor einem endgültigen Wendepunkt stehen: Software-Anbietern, die – beispielsweise durch das Erschweren eines Anbieterwechsels – ihre bestehende Marktmacht mehr durch protektionistische Maßnahmen zementieren als durch das Maximieren von Mehrwert, steht eine schwere Zukunft bevor.

Denn je einfacher der Wechsel von einem Anbieter zum anderen wird, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass Konsument:innen in einem dann deutlich heterogeneren Markt die Produkte und Dienstleistungen wählen, die ihre Wünsche am besten erfüllen. So werden die Verbraucher:innen beim Kauf verschiedener vernetzter Geräte nicht an eine einzige Marke gebunden sein. Schließlich sollen zukünftig alle Geräte miteinander harmonieren, selbst wenn sie von einem Drittanbieter betrieben werden.

Während explizit von Open Source nicht die Rede ist, proklamiert der Data Act das Entstehen von „Open Standards“. Bekannt ist dies bereits aus dem Hardware-Breich – beispielsweise macht eine neue EU-Verordnung den USB Typ-C bis Ende 2024 zum gemeinsamen Ladestandard für elektronische Kleingeräte. Um diesen Ansatz auf die Software-Welt zu übertragen: Mit offenen Standards können Verbraucher:innen verstehen, wie und welche Daten gesammelt werden. Gleichzeitig ebnen sie ihnen den Weg, für ihre spezifischen Bedürfnisse den jeweils besten Anbieter auszuwählen. Und sobald offene Standards herrschen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis verschiedene Unternehmen und Individuen zusammenarbeiten, um Open-Source-Software auf dieser Grundlage dzu entwickeln. Das ist eine logische Konsequenz: Warum dieselbe Lösung mehrfach implementieren, wenn verschiedene Akteure gemeinsam eine bessere entwickeln können?

Mehr Wettbewerb, mehr Kollaboration

Das neue europäische digitale Ökosystem könnte im gleichen Atemzug von mehr Wettbewerb und mehr Kollaboration geprägt sein. Denn einerseits verringert sich die Abhängigkeit des Marktes von einzelnen großen Akteuren, andererseits dürften gerade Unternehmen profitieren, die sich auf intelligente Art und Weise in ein komplexes Datenökosystem integrieren. Es wird weniger vermeintlich holistische Lösungsansätze aus einer Hand geben – dafür aber spezialisierte, miteinander kompatible Lösungen aus unterschiedlichem Hause, die aber nur Mehrwert maximieren, wenn sie kollaborativ gepflegt werden.

Die Voraussetzung, dass Open Source als Konsequenz von Open Standards sein Potenzial voll entfaltet, ist, dass der Data Act im weiteren Gesetzgebungsverfahren seinem zentralen Anliegen treu bleibt: Verbraucher:innen in die Lage zu versetzen, über von ihnen generierte Daten selbst zu entscheiden. Das Europäische Parlament und der Rat dürfen sich nicht beirren lassen: Die Freiheit von Daten bedeutet Mehrwert für Menschen.

Josep Prat ist Engineering Director bei Aiven, das Open-Source-Datentechnologien wie PostgreSQL, Apache Kafka und OpenSearch in Clouds verwaltet. Zuletzt erreichte das Unternehmen eine Einhorn-Bewertung von drei Milliarden US-Dollar.

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