Lösung für ein Henne-Ei-Problem? : Wer nicht handelt, verliert den Anschluss
Europa bekommt mit dem Data Act die Chance, das volle Potenzial industrieller Daten zu heben. Wer jetzt seine Datenströme öffnet, vernetzt und strategisch nutzt, hilft dabei, Europa in Führung zu bringen.
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Neue EU-Regularien stoßen in Unternehmen oft auf Skepsis – zu groß ist die Sorge, angesichts zusätzlicher bürokratischer Hemmnisse gegenüber China oder den USA ins Hintertreffen zu geraten. Beim Data Act jedoch ist es anders. Er adressiert ein zentrales Henne-Ei-Problem der europäischen Datenökonomie: Es gibt bislang kaum einen Markt für datengetriebene Geschäftsmodelle in der Industrie, weil kaum ein Unternehmen bereit ist, Daten zu teilen. Doch solange diese nicht zugänglich sind, kann ein solcher Markt auch nicht entstehen. Genau diesen Stillstand durchbricht der Data Act – und eröffnet damit die Chance, das enorme Potenzial industrieller Daten endlich zu heben.
Bislang treffen viele Industriebetriebe immer noch Entscheidungen auf Basis unvollständiger oder veralteter Daten – sei es bei der Zulieferung von Komponenten, der Produktionsplanung oder der Auslieferung. In einem Umfeld mit instabilen Lieferketten, schwankender Nachfrage und globalen Marktverschiebungen ist das brandgefährlich. Das strukturelle Problem liegt nicht bei einzelnen Unternehmen, sondern in historisch gewachsenen, fragmentierten Systemen. Sie decken nur Teilbereiche des Unternehmens ab. Die Systeme der Maschinenhersteller oder Softwareanbieter blockieren nicht absichtlich, doch die Systeme sind auf Abrechnung und Dokumentation ausgelegt, nicht auf offenen Datenaustausch.
Datenstrategie als Chance begreifen
Die USA sind zwar stark darin, frei verfügbare Daten oder Kundendaten auszuwerten, doch fehlt dort bislang eine wirklich durchgängig vernetzte Induste. Genau hier liegt Europas Chance: Gelingt es, den Datenaustausch konsequent umzusetzen, könnte die EU auf diesem Feld die Vereinigten Staaten überholen und den globalen Wettlauf um die Führungsrolle in der Welt der Künstlichen Intelligenz (KI) wieder offen gestalten. Denn der Data Act der Europäischen Union verpflichtet Hersteller, Daten zugänglich zu machen, Interoperabilität zu fördern und den Wechsel zwischen Cloud-Anbietern zu erleichtern. Damit fallen zentrale Hürden für eine datengetriebene Industrie.
Natürlich birgt das Regelwerk Risiken. Viele befürchten einen hohen Umsetzungs- und Personalaufwand, der in Teilen sicherlich gerechtfertigt ist. Zudem besteht die Furcht vor dem Diebstahl geistigen Eigentums oder einem Wettbewerbsnachteil, wenn die Daten für Dritte zugänglich gemacht werden. Auch Sicherheitsfragen sorgen für Nervosität: Wie lassen sich derart geöffnete Systeme vor Hackern schützen? Und wenn sie doch eindringen, wer trägt die Verantwortung?
Doch all diese Risiken dürfen uns nicht lähmen – im Gegenteil: Gerade, weil die positiven Effekte für Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und Resilienz so viel größer sind, muss Europa jetzt entschlossen vorangehen.
Eine Alternative gibt es eigentlich nicht: Wenn europäische Unternehmen die Chance nicht nutzen, werden sie abgehängt. Wer jetzt handelt, kann nicht nur operative Effizienz steigern, sondern auch völlig neue KI-Anwendungen realisieren. Denn erst gute Daten machen KI zu einem mächtigen Werkzeug. Ohne aktuelle und verlässliche Datenquellen bleiben KI-Prognosen unzuverlässig und praktisch nutzlos. Wer nun die eigene Datenbasis öffnet und vernetzt, kann Stabilität gewährleisten und sich Wettbewerbsvorteile sichern. Er kann gute Vorhersagen treffen, wenn andere noch ihrem Bauchgefühl vertrauen. Er kann seine Lieferketten resilienter machen, während andere notfallartig auf Engpässe reagieren. Und er kann neue Services anbieten. Gerade in der aktuellen wirtschaftlichen Lage in Deutschland, mit Unsicherheiten im Welthandel und Transformationsdruck, sind solche Schritte entscheidend.
Jetzt handeln, Wettbewerb sichern
Der Aufwand, den viele Unternehmen befürchten, ist geringer, als oft angenommen. Es geht nicht darum, die gesamte Dateninfrastruktur neu zu erfinden, sondern vorhandene Systeme so zu verknüpfen, dass Informationen reibungslos fließen. Der erste Schritt ist eine klare Datenstrategie: Alle Quellen müssen erfasst, Silos identifiziert und Verantwortlichkeiten für Datenpflege und Qualität eindeutig geregelt werden. Prozesse zur standardisierten Erhebung, Strukturierung und Verknüpfung von Produktions-, Logistik- und Lieferantendaten sind ebenso notwendig wie konkrete Pilotprojekte, die den Mehrwert sichtbar machen. Schon die Vernetzung einzelner Bereiche kann zeigen, wie Lieferketten resilienter werden, Echtzeitdaten für Entscheidungen zur Verfügung stehen und welchen Nutzen KI-basierte Prognosen liefern können.
Der EU Data Act ist kein Stück Bürokratie, das man „auch irgendwann“ umsetzt – er ist ein Weckruf. Wer jetzt handelt, positioniert sich als Vorreiter. Wer wartet, überlässt die Kontrolle über seine Daten anderen und wird überholt.
Kadir Dindar ist Geschäftsführer für Intersystems und verantwortet die strategische Ausrichtung sowie die operative Umsetzung innovativer Datenlösungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
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