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Standpunkt

Warum „mehr messen“ keine Lösung, sondern eher das Problem ist

Tom Brökel, Professor für regionale Innovation an der Uni Stavanger
Tom Brökel, Professor für regionale Innovation an der Uni Stavanger Foto: Tom Brökel

In der Debatte um die Zukunft der Forschungsförderung, widerspricht Tom Brökel der Forderung nach mehr Kennzahlen. Hier gibt es kein Mess-, sondern wenn überhaupt ein Auswertungsdefizit. Zudem sei die Orientierung an Messgrößen kontraproduktiv und führe zu Phänomen wie „Salami-Science“.

von Tom Brökel

veröffentlicht am 04.10.2021

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Gerade entwickelt sich in Deutschland eine begrüßenswerte Debatte um die Zukunft der Forschungsförderung. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass Einiges nicht rund läuft. In vielen entscheidenden Technologien scheint Deutschland den Anschluss an die Weltspitze zu verlieren und es hapert, fast schon traditionell, an der ökonomischen Verwertung von Ideen und Technologien. An Vorschlägen zur Verbesserung der Situation mangelt es nicht. So fordert der Chef der Agentur für Sprunginnovationen einen Aufbau weiterer Agenturen, die deutlich unabhängiger als existierende Organisationen von ministerieller Bürokratie agieren sollen.  Die Expertenkommission für Forschung und Entwicklung (EFI) sieht hierin zwar keinen vielversprechenden Weg, da die Gefahr für Redundanzen mit bestehenden Projektförderern zu groß erscheint, unterstützt aber ausdrücklich die Idee mehr Agilität in das bestehende Fördersystem zu bringen.

Weitestgehende Einigkeit scheint darin zu bestehen, dass es generell einer stärkeren Output-Orientierung und einer verstärkten Erfolgskontrolle von Forschungsaktivitäten bedarf.  Oder, wie es Rafael Laguna und Thomas Ramge sagen: „Messen, messen, messen!“.

Konkret geht es darum, „was ist eigentlich das Ziel des Forschungsprojekts und wie schafft dieses Ziel, sofern es erreicht wird, wissenschaftlichen, gesellschaftlichen oder ökonomischen Mehrwert.“ Gerade der ökonomische Mehrwert scheint dabei den beiden Autoren sehr wichtig zu sein: So sind fast alle Kennzahlen, die sie vorschlagen um zukünftig Forschungserfolg (besser) messen zu können, ökonomischer Natur: Ausgründungen, Arbeitsplätze, Umsätze durch patentierte Produkte et cetera. Wie die EFI fordern auch die beiden Autoren, dass Forschungsprojekte ganz abgebrochen werden sollen, wenn sie nicht so laufen wie vorhergesehen. Innovationsförderung als ziel- beziehungsweise missionsorientiertes ökonomisches Projektmanagement. Diese Marschrichtung könnte aus mindestens fünf Gründen verkehrter nicht sein.

Erstens: Ein vom BMBF gefördertes Projekt beinhaltet einen ausführlichen Projektantrag, (mindestens) einen Zwischenbericht, Mittelverwendungsnachweise und einen Endbericht. In letzterem sind entstandene Publikationen, Patente und andere „Verwertungserfolge“ aufzuführen. Erfolgsindikatoren sind also schon da. Aber was passiert damit? Werden die Berichte gelesen oder ausgewertet? Letzteres darf stark bezweifelt werden, da die entsprechende Datenbank nicht systematisch auswertbar und nur beschränkt zugänglich ist. Man hört, das BMBF fördert ein Projekt, das sich gerade dieses Sachverhaltes annimmt. Auf jeden Fall werden entsprechende Daten erhoben, Publikations- und Patentdaten liegen ohnehin vor. Hier gibt es kein Mess-, sondern wenn überhaupt ein Auswertungsdefizit.

Zweitens: Ökonomische Kennzahlen wie Umsätze, Beschäftigte, Ausgründungen und so weiter sind mit einem so großen Zeitverzug behaftet, dass es schlichtweg unmöglich ist zu identifizieren, welche staatliche Förderung nun entscheidend für den „Erfolg“ war. Exemplarisch ist hier die Diskussion um die Firma Biontech, für die es neben umfangreicher privater Finanzierung auch verschiedene Zuflüsse aus öffentlichen Förderprogrammen gegeben hat. Zudem lässt sich fragen, wie das Wissen, dass es Jahre nach einer Fördermaßnahme zu einer Unternehmensgründung gekommen ist, zu einer verbesserten Steuerung der Forschungsförderung beitragen soll? Gerade in der heutigen schnelllebigen Welt werden sich die Rahmenbedingungen großteilig geändert haben und fast alle beteiligten Personen sich bereits neuen Projekten zugewendet haben.

Drittens: Der Gedanke, Innovationsprojekte durch mehr Monitoring, mehr Steuerung und „verbesserte“ staatliche Intervention zu unterstützen, widerspricht ihrer Natur, wie Studierende schon in der Einführungsveranstaltung zur Innovationsökonomik erfahren. Eine Erfolgskontrolle beinhaltet einen Vergleich des ursprünglich Geplanten und des tatsächlich Erreichten. Wären Innovationsprojekte gut planbar, kalkulierbar und ihre Ergebnisse gut abschätzbar, dann bräuchte es gar keine staatlichen Intervention. Dann könnten die privaten Akteure das auch allein. Es ist gerade ihre Unplanbarkeit, die zum Marktversagen führt und die staatliche Förderung rechtfertigt.

Viertens: Mehr Agenturen, mehr Messen, mehr Berichte bedeuten im Regelfall ein weiteres Aufblähen der Bürokratie. Das Erstellen und Abwickeln von Projektausschreibungen und Verwendungsnachweisen frisst schon heute einen substanziellen Anteil der eigentlich für die Forschung vorgesehen Mittel. Berücksichtigt man noch, dass circa 90 Prozent aller Projektanträge nicht bewilligt, wohl aber geschrieben und begutachtet werden, darf man schon zweifeln, ob das politische „Steuern“ der Forschungsförderung nicht vielleicht viel mehr kostet als es lohnt. Auf jeden Fall weckt es ernste Zweifel daran, ob noch „mehr messen“, mehr Agenturen und eine stärkere „Missionsorientierung“ dann am Ende auch praktikabel, effizient und echter Zugewinn sind.

Fünftens: Goodharts Gesetz muss erst noch widerlegt werden. Das von Marilyn Strathern allgemein formulierte, aber Charles Goodhart zuzurechnende Gesetz besagt, dass „jede Messgröße, die als Ziel verwendet wird, ihre Bedeutung als Messgröße verliert“. Um beim obigem Beispiel zu bleiben: Würde der Erfolg von Forschungsaktivitäten mittels der Anzahl von Ausgründungen bemessen werden, würde sich die Anzahl der Ausgründungen auf dem Papier sicher erhöhen. Allerdings wäre diese Zahl dann faktisch bedeutungslos, da entsprechend der Anreize, jede Aktivität (berechtig und unberechtigt) als Ausgründung deklariert werden würde. Ein mahnendes Beispiel sind in diesem Zusammenhang wissenschaftliche Publikationen. Um dieser Kenngröße der wissenschaftlichen Evaluation gerecht zu werden, zerlegen Forschende ihre Ideen in eine möglichst große Anzahl an individuellen Beiträgen (sogenannte Salami-Science)  und „Raubtierzeitschriften“ überfluten den Markt mit Möglichkeiten, schnell und mit wenig oder gar keinem Review Ergebnisse zu veröffentlichen. Im Ergebnis ist die Anzahl der Veröffentlichungen heute kein relevanter Indikator für Forschungserfolge (mehr). 

Wie die Forschungsförderung sonst verbessert werden sollte

Aber was kann man dann tun, um Forschungsaktivitäten zu fördern und eine stärkere ökonomische Nutzung zu ermöglichen? Die Antwort könnte einfacher nicht sein: mehr und weniger zugleich. 

Weniger: weniger Bürokratie und Förderinstrumentenvielfalt. Eine drastische Reduzierung des Berichtens und des Rechtfertigens macht Ressourcen frei und erhöht die Motivation zu (riskanterem) Forschen. Wer schon vor Beginn eines Forschungsprojekts die (erwarteten) Ergebnisse sowie ihren gesellschaftlichen Nutzen überzeugend beschreiben muss, ist klug beraten, im Erwartungsrahmen zu bleiben. Im Regelfall trifft das auf bereits gewonnene Erkenntnisse zu. Oder, wie es mir mal geraten wurde: Beantrage nur ein Projekt, das Du (vorher) schon erfüllt hast. Das ist genau das Gegenteil von dem, was unter anderem Sprunginnovation auszeichnet. 

Mehr: Die Wissenschaftsforschung zeigt, dass diejenigen, die viel forschen, mit höherer Wahrscheinlichkeit auch etwas Bahnbrechendes entdecken werden, als diejenigen, die wenig forschen.  Allerdings sind die Möglichkeiten zur aktiven Forschung in Deutschland, gerade an Hochschulen, wenig berauschend. Das Lehrdeputat und die Bezahlung von Professoren ist international nicht wettbewerbsfähig und nicht erst seit #IchBinHanna ist das Fehlen von Stellen jenseits der Professur als gravierende strukturelle Schwäche des Standortes bekannt. 

Der Blick ins Ausland zeigt auch, wie der Wissens- und Ergebnistransfer aus Hochschulen in die Wirtschaft verbessert werden kann: Es bedarf einer grundlegenden Überarbeitung der Zuverdienstmöglichkeiten von Wissenschaftlern. Ausgründungen, wie von Rafael Laguna anvisiert, sind ein extremer Schritt, der in vielen Fällen das Ende einer wissenschaftlichen Karriere bedeutet. Mehr Möglichkeiten „nebenbei“ in der freien Wirtschaft tätig zu werden und durch Zuverdienste auch attraktive Anreize dafür zu haben, ist ein deutlich niederschwelliges Angebot, das (reziproken) Wissenstransfer beflügelt, wissenschaftliche Karrieren attraktiver und die Übergänge zwischen Wirtschaft und Wissenschaft flüssiger macht. 

Das Beste an diesen Vorschlägen: Es bedarf zu ihrer Umsetzung keiner neuen Agenturen oder Programme und auch mehr gemessen werden muss nicht.

Tom Brökel ist Professor für regionale Innovation an der University of Stavanger Business School, Norwegen. Er ist außerdem Mitglied des Zentrums für Regional- und Innovationsökonomie an der Universität Bremen.

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