Europas KI-Souveränität : Wir brauchen eine Open-Source-First-Strategie
Während wir dabei sind, digitale Abhängigkeiten bei Cloud-Software abzubauen, entstehen bei KI neue, noch viel größere Abhängigkeiten. Unser Ziel muss es sein, dass der erste Griff nicht zu internationalen KI-Lösungen geht, sondern zu einer Alternative. Hierbei müssen wir einen eigenen europäischen Weg finden.
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Digitalminister Karsten Wildberger betont oft, dass Künstliche Intelligenz eine Chance für Europa ist, um den aktuellen technologischen Rückstand aufzuholen. Bereits im November 2025 sprach er beim europäischen Souveränitätsgipfel in Berlin von dieser Aufholjagd. Im März 2026 legte er noch einmal nach: Deutschland müsse bei KI massiv aufholen, da sonst Arbeitsplätze, Industrie und Wirtschaft in Gefahr seien.
Richtig ist: Während wir dabei sind, digitale Abhängigkeiten beispielsweise bei Cloud- und Office-Software abzubauen, entstehen gleichzeitig bei KI neue, noch viel größere Abhängigkeiten. Denn das Schreiben einer Softwarelösung, das früher mehrere Tage gedauert hat, ist heute mit der Unterstützung von KI oft in wenigen Stunden möglich.
Dadurch sinken die Kosten für Softwareentwicklung massiv, Softwareproduktion und auch Support, Pflege und Betrieb werden ohne KI-Unterstützung sehr bald nicht mehr wirtschaftlich sein.
Wenn in Europa keine leistungsfähigen, digital souveränen KI-Lösungen verfügbar sind, werden vom Start-up über die Behörde bis zur einzelnen Entwicklerin alle auf außereuropäische KI-Anbieter wie Anthropic, Open AI oder Deepseek zurückgreifen.
Neue, noch größere digitale Abhängigkeiten
Diese neue digitale Abhängigkeit hat dramatische Auswirkungen für Wirtschaft und Verwaltung. Wir werden als Gesellschaft noch erpressbarer und können auf die mit KI verbundenen Herausforderungen nicht selbstbestimmt reagieren. Anbieter können die Preise und die Nutzungsbedingungen diktieren, private Daten für ihre Zwecke verwerten, tendenziöse oder falsche Aussagen treffen oder die KI für ganze Volkswirtschaften von heute auf morgen sperren.
So ist es im aktuellen Fall mit Anthropic passiert: Auf Druck von US-Behörden wurden die KI-Modelle Fable 5 und Mythos 5 gesperrt. Das muss ein Weckruf sein, denn für Unternehmen, die sich von so einer KI-Lösung abhängig gemacht haben, ist ein plötzlicher Verlust der Zugänge zu diesen Modellen eine wirtschaftliche Katastrophe.
Verhinderung von aktivem Wettbewerb
Die US-Anbieter arbeiten gemeinsam mit der US-Regierung aktiv daran, diese monopolartigen Strukturen zu zementieren, so dass echter Wettbewerb verhindert wird. Anthropic setzt sich für die Regulierung von KI ein, auch um den Marktzugang für unliebsame Wettbewerber, insbesondere aus dem Open-Source-Umfeld, zu erschweren.
Auch Elon Musk und Sam Altman haben sich in den letzten Jahren für eine starke Regulierung von KI ausgesprochen. Oberflächlich wird das mit den Gefahren durch KI begründet, in Wirklichkeit geht es aber um die Sicherung eines Vorteils im Markt – und gemeinsam mit der US-Regierung um die internationale Sicherung US-amerikanischer Vorherrschaft bei KI.
Reine US-Kopien sind ein Irrweg
Digitalminister Wildberger fordert, dass wir bei KI aufholen, um unsere wirtschaftlichen Interessen zu schützen. Doch was für eine KI wollen wir eigentlich? Einfach nur die US- amerikanischen proprietären Geschäftsmodelle zu kopieren, kann nicht der richtige Weg sein.
Unser Ziel muss es sein, dass der erste Griff nicht zu internationalen KI-Lösungen geht, die Closed Source sind oder in autokratischen Regimes entwickelt wurden, sondern zu einer europäischen Alternative. Hierbei müssen wir einen eigenen europäischen Weg finden: Unsere Angebote müssen ökologisch nachhaltig sein und auf demokratischen Prinzipien wie Transparenz, Offenheit und Überprüfbarkeit basieren.
Hier greifen die Vorteile von Open-Source-Software: Globale Kollaboration und schnelle, flexible Innovationen einer agilen Community ermöglichen einen echten Wettbewerb der Ideen. Hier steht die Lösung im Mittelpunkt, nicht das Unternehmen dahinter. Mit Open-Source-Modellen behalten wir die Kontrolle, auch über die Werkzeuge, die die Software herstellen. Und eine plötzliche Abschaltung eines zentralen KI-Modells ist nicht möglich, weil eine Open-Source-Lösung immer auch von jemand anderem weiter betrieben werden kann.
Open-Source-KI-Systeme sind zudem oftmals effizienter und passgenauer und können damit ressourcensparender betrieben werden – in Zeiten hoher Energiepreise ein massiver Wettbewerbsvorteil. Jetzt kommt es darauf an, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit wir europäische KI-Anbieter mit offenen und souveränen KI-Modellen wie z.B. Mistral, Apertus, Stable Diffusion gezielt aufbauen und stärken können.
Der Staat muss über seine Nachfragemacht steuern
Die EU und ihre Mitgliedsstaaten müssen eine starke Rolle einnehmen und die Entwicklung von offenen und wettbewerbsfähigen europäischen KI-Modellen über ihre Nachfrage strategisch steuern. Denn dadurch entstehen am Markt auch die entsprechenden Angebote. Eine nachhaltige, souveräne „Aufholjagd bei KI“ bedeutet also, genau nicht dem „Vorbild USA“ zu folgen, sondern:
- Der Staat muss klare Anforderungen für offene, wettbewerbsfähige und in Europa betriebene KI-Lösungen formulieren und selbst auch nur Software einkaufen, die diese Anforderungen erfüllt.
- Die öffentliche Hand darf keine Software mehr einkaufen, die mit der Unterstützung der proprietären Software-Assistenz-Systeme entwickelt wurde.
- Anbieter souveräner und nachhaltiger KI-Lösungen können zeitlich begrenzt auch durch Erleichterungen bei den Produktionskosten (nachhaltige Energie, Rechenzentren, Hardware) anteilig am Markterfolg unterstützt werden.
Die Bundesregierung sollte nicht auf Brüssel warten
Auf EU-Ebene hat die Kommission mit dem Vorschlag zum „Cloud and AI Development Act“ (CADA) einen wichtigen Vorstoß gemacht, der die zentrale Rolle von Open Source für die Erreichung der digitalen Souveränität unterstreicht. Aber die Bundesregierung sollte nicht auf Brüssel warten, schließlich kann es noch ein oder zwei Jahre dauern, bis der Cada final beschlossen ist.
Das Digitalministerium muss sich stattdessen jetzt auf den Weg machen und eine klare Open-Source-First-Strategie formulieren. So kann Deutschland Vorreiter bei der Programmierung der Zukunft werden und den Wirtschafts- und Innovationsstandort stärken.
Jutta Horstmann ist Geschäftsführerin und Co-Geschäftsführerin der Heinlein-Gruppe und Sprecherin der Working Group Public Affairs in der Open Source Business Alliance – dem Bundesverband für digitale Souveränität.
Peter Ganten ist Gründer und Geschäftsführer der Univention GmbH und Vorstandsvorsitzender der Open Source Business Alliance.
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