Standpunkt Nur globales Handeln schließt die Klimalücke

Trockenheit und Erntebrände in Mecklenburg-Vorpommern, Starkregen mit Verwüstung ganzer Ortschaften in Rheinland-Pfalz und NRW: Das Extremwetter zeigt vor der eigenen Haustür, was der Klimawandel in weniger gemäßigten Zonen der Erde schon seit geraumer Zeit anrichtet. Peter Renner und Olivia Henke von der Stiftung Allianz für Entwicklung und Klima fordern deshalb ein globales Konzept, um das weltweite Problem gemeinsam zu lösen.

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Noch immer tun sich Staaten schwer mit Antworten auf die Frage, wann und wie mit Paris-konformem Klimaschutz Ernst gemacht wird. Sinnbildlich dafür steht das verschärfte deutsche Klimaschutzgesetz, das über die (gerichtlich verordnete) Anpassung von Zielvorgaben hinaus die konkrete Formulierung von Maßnahmen weitgehend schuldig bleibt. Vielversprechender ist das jüngst vorgestellte europäische Gesetzespaket („Fit für 55“), das im Rahmen des EU Green Deals greifbare Anreize und Vorschriften für klimafreundliche Transformation in Europa schafft.

Angesichts der enormen Herausforderungen durch den menschengemachten Klimawandel sind damit die Vorgaben für konkrete Maßnahmen zu seiner Bekämpfung eine Ebene höher gerückt – was einerseits das Spiel auf Zeit des deutschen Gesetzgebers erklärt, andererseits durch die notwendigen Voten im europäischen Parlament und der Mitgliedstaaten abermals Zeit kostet. 

Doch diese Zeit haben wir nicht. Natürlich benötigt der Wettstreit um die richtigen Mittel die notwendige politische Teilhabe und Abstimmung, denn hier geht es um einschneidende Regeln und Rahmenbedingungen, deren Verbindlichkeit vor allem die Wirtschaft für planbare Investitionen einfordert. Debatte, Teilhabe und transparente Entscheidungen braucht es auch, um so breit wie möglich Vertrauen und Akzeptanz für eine klimafreundliche Transformation zu schaffen, mit der Europa bis 2030 den Ausstoß klimaschädlicher Gase um 55 Prozent senken und bis 2050 klimaneutral werden will. Schließlich sind hier immense Veränderungsprozesse notwendig, die allein in Europa Bruttoinvestitionen von 28 Billionen Euro erfordern, wie es das Positionspapier „Klimaneutralität“ von Leopoldina und dem Rat für Nachhaltige Entwicklung zuletzt noch einmal bekräftigt hat.

Mit Abholzung und neuen Kohlekraftwerken werden Fakten geschaffen

Damit steht jetzt der Klimaschutz-Fahrplan für die Region, die gemeinsam mit den USA und Russland historisch für den Klimawandel verantwortlich ist. Von weiteren Ländern, darunter dem gegenwärtig größten Emittenten von Treibhausgasen China, erhofft sich die UN-Klimakonferenz in Glasgow im November entsprechend verbindliche Zusagen auf höchster Ebene. Denn gegenwärtig ist die Welt insgesamt nicht auf dem im Paris Abkommen vereinbarten Weg, die Erderwärmung bei wenigstens zwei Grad und besser noch 1,5 Grad zu stoppen. Die weiteren G20 Staaten außer Europa schafften vor Antritt der Biden-Administration mit Blick auf 2030 nur eine 5,5 statt 55 Prozent, was zu einer Erderwärmung um mehr als drei Grad mit katastrophalen Folgen führt. 

Diesseits werden also bis Glasgow staatliche Klimaschutzzusagen nachverhandelt und Gesetzespakete geschnürt, was zum Teil bis Ende 2022 dauert. Andernorts werden jedoch seit geraumer Zeit andere Fakten geschaffen. Beispiel Afrika: Laut Global Coal Plant Tracker sind in dort derzeit 25 neue Kohlekraftwerke geplant. Beispiel Südamerika: Nach Angaben des WWF ist der EU-Import von Soja für rund 31 Prozent der gerodeten Waldbestände im Amazonasbecken verantwortlich. Abholzung und Walddegradierung haben einer neuen Studie zufolge mittlerweile dazu geführt, dass vor allem der östliche Teil des Amazonas-Regenwaldes nicht mehr als eine der weltweit wichtigsten Kohlenstoffsenken fungiert, sondern zeitweise mehr Treibhausgas abgibt als er binden kann. 

Gibt der globale Süden dem Rohstoffhunger und der Verlockung fossiler Technologien weiter nach, ist nicht nur die Chance vertan, die Klimalücke bis 1,5 Grad zu schließen. Es liegt in der Verantwortung der Industrieländer, den massenhaften Ausbau fossiler Technologien und Raubbau in Naturflächen im globalen Süden zu stoppen, um auch dort nachhaltige Landnutzung und erneuerbare Energien zu fördern. Schaffen wir es nicht, das fossile Zeitalter in Entwicklungs- und Schwellenländern zu überspringen und dort die Transformation zur Nachhaltigkeit ebenso entschlossen zu finanzieren wie im globalen Norden, bleiben dringend benötigte CO2-Minderungseffekte ungenutzt und die Paris-Ziele insgesamt unerreichbar. 

Ein „African Green Deal“ der EU ist noch keine Gesamtstrategie

Von einer Einbindung der Entwicklungs- und Schwellenländer in Klimaschutzstrategien ist indes sehr wenig erkennbar. Neben der UN-Klimarahmenkonvention und ihren Mechanismen spricht zwar die EU von einem „African Green Deal“, ohne aber bislang eine Gesamtstrategie erkennen zu lassen. Die von der Bundesregierung auf dem G7-Gipfel angekündigten zusätzlichen zwei Milliarden Euro Hilfen für Klimaschutz in Entwicklungsländern wirken angesichts des immensen Investitionsbedarfs wie der Tropfen auf den sprichwörtlichen heißen Stein

Solange staatliche Maßnahmen also nicht ausreichen, bleiben Wirtschaft und Zivilgesellschaft mit freiwilligen Projekten gefordert, die Lücke zu schließen. Aber auch hier gilt es, vom Reden zum Handeln zu kommen. Im vergangenen Jahr hat etwa die Allianz für Entwicklung und Klima mit über 1000 Unterstützer:innen aus Unternehmen, Institutionen und weiteren Privatpersonen insgesamt 3,6 Millionen Tonnen CO2 durch ihr Engagement in nachhaltigen Projekte im globalen Süden kompensiert. Das entspricht mehr als zehn Prozent des freiwilligen Kompensationsmarktes in Deutschland. 

Hier schlummert noch großes Potenzial. Sinnvoller CO2-Ausgleich umfasst neben allen Anstrengungen zur Vermeidung und Minderung von Treibhausgas-Emissionen Projekte für erneuerbare Energien, Meer-, Wald- sowie Moorschutz, die auch der UN-Nachhaltigkeitsagenda dienen. Bereits jetzt arbeiten Anbieter und Projektentwickler mit aufwändigen Standards, die die Integrität der Projekte und nachweisbare Entwicklungswirkungen im globalen Süden sichern. Dennoch findet auch hier eine intensive Debatte über weitere Qualitätssicherung und verlässliche Standards statt. 

Klimaschutzprojekte im globalen Süden sind ein wichtiger Hebel, um die Paris-Ziele zu erreichen. Solange staatliche Maßnahmen die Vereinbarungen nicht erfüllen, wird der freiwillige Markt auch nach der Klimakonferenz von Glasgow weiterhin seinen Beitrag leisten müssen.

Dr. Olivia Henke ist Vorständin der Stiftung Allianz für Entwicklung und Klima. Sie verfügt über mehr als 20 Jahre Berufserfahrung in den Themenfeldern der nachhaltigen Entwicklung und ist seit zehn Jahren in führenden Positionen im Bereich Klimaschutz und Kompensationsmechanismen tätig. 

Peter Renner ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Allianz für Entwicklung und Klima. Er ist seit 30 Jahren in der Technischen Hilfe, der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und der Entwicklungszusammenarbeit tätig, davon 20 Jahre in Führungspositionen in verschiedenen Nicht-Regierungs-Organisationen.

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