Emissionsgutschriften : Die EU sollte mit internationalen CO2-Zertifikaten mutig vorangehen
Ein funktionierender Markt mit internationalen Emissionsgutschriften ist eine Voraussetzung für eine effiziente, globale Dekarbonisierung. Die Europäische Union sollte dazu beitragen, diesen Markt zu gestalten. Durch smarte Anrechnung kann sie sicherstellen, dass die Anreize für Emissionsreduktionen innerhalb der EU hochbleiben.
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Die Europäische Union plant, ihre langfristigen Klimaziele durch eine begrenzte Anrechnung internationaler CO2-Zertifikate zu erreichen. Einen Rahmen bieten sowohl der Paris Agreement Credit Mechanism (PCAM) unter Artikel 6.4 des Pariser Klimaabkommens als auch bilaterale Absprachen unter Artikel 6.2, um diese Zertifikate zu generieren und zu handeln.
Die Akteure sollten diesen Markt nun so ausgestalten und umsetzen, dass ein ausreichendes Angebot an internationalen Zertifikaten entsteht und CO2-Entnahmeprojekte entwickelt werden, die langfristig zu Netto-Null- und Netto-Negativ-Emissionsreduktionszielen beitragen.
Insbesondere durch die Voraussetzung eines „corresponding adjustments“, soll sichergestellt werden, dass diese Klimaschutz-Zertifikate (internationally transferred mitigation outcomes, ITMOs) nicht doppelt angerechnet werden – und in den Klimabilanzen der nutzenden Staaten als Defizit auftauchen, wenn etwa die CO2-Entnahmen scheitern und gespeichertes Kohlendioxid wieder entweicht (Nichtpermanenz).
Gutschriften sind wichtiges Element der Klimadiplomatie
Bislang sind hier vor allem Südkorea, Singapur, Schweden und Norwegen mit Ankaufverpflichtungen für solche Zertifikate aufgetreten. Durch den Einfluss großer „Käufer“ lassen sich jetzt Standards und Praktiken entwickeln – diese können zahlreiche Schwächen der ursprünglichen, weniger regulierten Zertifikate wie im freiwilligen Zertfikatehandel beheben. Mit Ausnahme der oben genannten europäischen Länder hat die EU bislang zögerlich agiert und aufgrund von Sorgen bezüglich Zertifikaten von geringer Qualität die Entwicklung dieses Marktes eher gebremst.
Aber es greift zu kurz, wenn man diese Zertifikate alleine auf CO2-Tonnen-Basis bewertet, weil sie eben auch ein wichtiges Element der internationalen Klimadiplomatie sind und durch den Handel die Zusammenarbeit beim Klimaschutz vorantreiben. Insofern ist es sehr wichtig, dass die EU ihre restriktive Haltung bei diesen Zertifikaten aufgegeben hat, gerade, wenn sie weiterhin Instrumente wie den von vielen Entwicklungsländern stark kritisierten CO2-Grenzausgleichmechanismus (CBAM) umsetzen will.
Diese EU-Klimazölle, in Verbindung mit anderen Anforderungen wie dem Lieferkettengesetz beziehungsweise die Diskussionen darum, tragen nicht zur Verbesserung der internationalen Beziehungen bei und können dazu führen, dass die Koalitionen der Willigen in der Klimapolitik eher schrumpfen als wachsen. Das zeigt, dass man die Diskussion über die internationalen Zertifikate nicht isoliert führen kann.
Der EU kann dabei als potenziell große Nachfragerin nach diesen Zertifikaten eine entscheidende Rolle zukommen, in diesem neuen Markt Standards zu setzen und die Zertifikate auf eine Weise in die europäische Klimapolitik einzubinden, dass in Europa ambitionierte Emissionsreduktionen auch weiterhin die richtigen Anreize haben. Um die Klimawirkung aus den internationalen Zertifikaten sicherzustellen, gibt es mittlerweile smarte Möglichkeiten der Anrechnung.
Zertifikate in die Reserve geben oder später löschen
Wenn die EU wie andere Länder als zentrale Käuferin auftritt, kann sie auch entscheiden, wann und in welchem Umfang sie diese Zertifikate in ihre Emissionshandelssysteme (direkt oder indirekt) integriert. Das kann zum Beispiel geschehen, indem diese Zertifikate zur Befüllung der Marktstabilitätsreserven genutzt werden, wodurch sie erst marktwirksam werden, wenn bestimmte CO2-Preisniveaus erreicht werden. Auch besteht die Möglichkeit, Zertifikate in der Reserve nicht gegen Emissionen zu verrechnen, sondern sie zu einem späteren Zeitpunkt zu löschen und sie daher auf Netto-negative Ziele anzurechnen.
Der Ankauf internationaler Emissionszertifikate aus unterschiedlichen Sektoren, Entnahmeprojekten und Regionen erlaubt der EU außerdem Risiken, die sich aus Nichtpermanenz oder Nicht-Zusätzlichkeit ergeben, im Rahmen eines Zertifikate-Portfoliomanagements zu managen. Idealerweise würde man diese Aufgaben unter dem Mandat einer CO2-Zentralbank in der EU bündeln, aber es gibt natürlich auch weitere Designmöglichkeiten.
Mit Aufforstung Methanemissionen kompensieren
Nichtsdestotrotz bleibt es bei vielen Projekten anspruchsvoll, die Dauerhaftigkeit der Speicherung durch langfristiges und aufwendiges Monitoring festzustellen – zum Beispiel bei CO2-Entnahme durch Aufforstung. In der Folge werden zahlreiche dieser naturbasierten Lösungen nicht realisiert. Hier bietet es sich an, den Überwachungszeitraum zu verkürzen und die Kompensation auf die Klimawirkung in diesem Zeitraum zu fokussieren. Dies ist beispielsweise bei Methanemissionen sinnvoll, deren Verweildauer in der Atmosphäre deutlich kürzer ist, die aber einen erheblich höheren Beitrag zur Erwärmung pro Tonne haben als CO₂-Emissionen.
Aus einer Wohlfahrtsperspektive ist es besser, die tatsächliche Temperaturwirkung von Methanemissionen zu kompensieren, anstatt ihre Wirkung auf einen längeren Zeitraum umzurechnen. Dafür wären bei einem Zeithorizont von 30 Jahren etwa 87 CO₂-Zertifikate erforderlich. In Betracht kommen dafür vor allem naturbasierte Lösungen wie zum Beispiel Projekte im Bereich der Aufforstung oder der Ausweitung von Küstenhabitaten wie Mangrovenwäldern, deren Entwicklung unter langfristigen Permanenzanforderungen zu kostspielig wäre.
Die Anzahl der erforderlichen CO2-Zertifikate lässt sich relativ robust bestimmen, da Annahmen bezüglich der Diskontrate oder Klimaschäden weniger stark ins Gewicht fallen. Aufgrund der hohen Anzahl benötigter CO₂-Zertifikate wiegt der Ausfall einzelner Zertifikate weniger schwer. Gleichzeitig wird damit sichergestellt, dass nur die Methanemissionen kompensiert werden, deren Vermeidung zu teuer wäre.
Smarte Anrechnung als Beitrag zum globalen Klimaschutz
Durch solche unterschiedlichen Möglichkeiten der Anrechnung lassen sich gezielt CO2-Entnahmeprojekte entwickeln. Die Anrechnung im EU ETS1 beziehungsweise dann im EU ETS2, in Kombination mit einer CO2-Preissteuerung, kann hochwertige CO2-Entnahmeprojekte mit geologischer Speicherung entwickeln.
Die Anrechnung in anderen Sektoren wie der Landwirtschaft für die Kompensation von Methanemissionen erlaubt es, naturbasierte Projekte wie die Aufforstung zu fördern oder neue Lösungen auch im Bereich der marinen CO2 Entnahme zu entwickeln.
Diese Projekte haben zwar eine positive Klimaschutzwirkung, bringen diese aber nicht zum Tragen, wenn sie eingesetzt werden, um „permanente“ CO2-Emissionen zu kompensieren, sehr wohl aber, um die Temperaturwirkung „kurzfristiger“ Methanemissionen zu kompensieren. Die zuletzt genannten Projekte können im Rahmen von bilateralen Abkommen unter Artikel 6.2 entwickelt werden.
Diese Überlegungen zeigen, dass der internationale CO2-Zertifikatehandel nicht als Risiko für die europäischen Emissionsreduktionen gesehen werden sollte, sondern als Chance, um zum globalen Klimaschutz beizutragen.
Prof. Dr. Wilfried Rickels ist Leiter der Forschungsgruppe „Global Commons und Klimapolitik“ am Kiel Institut für Weltwirtschaft und Professor an der Christian-Albrechts-Universität Kiel.
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