Internationaler Klimaschutz : Europa muss eine neue globale Koalition für Klimaschutz schmieden
Die derzeitige Energiepreiskrise zeigt wieder einmal, wie dringend Europa sich von fossilen Brennstoffen loslösen muss. Die USA sind dabei lange kein Partner mehr, findet Anton Hofreiter. Die EU müsse daher neue Partner in Sachen Klimaschutz identifizieren, beispielsweise Indien, und die Energiewende als wirtschaftliche Chance begreifen.
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Der Iran-Krieg und die Blockade der Straße von Hormus haben eine globale Energiekrise ausgelöst und die Verwundbarkeit durch fossile Abhängigkeiten offengelegt. Ironischerweise könnte gerade diese Krise sich als Wendepunkt für erneuerbare Energien erweisen und den Weg für eine ambitioniertere Klimapolitik ebnen.
Ein solcher Wandel erfordert jedoch ein Umdenken. Denn die USA – weltweit zweitgrößter CO2-Emittent – agieren längst nicht mehr „nur“ als passive Zuschauer, wie es in der ersten Amtszeit Donald Trumps der Fall war. Sie haben sich inzwischen zu einem aktiven Gegenspieler einer progressiven globalen Klimapolitik entwickelt. Was sich derzeit in Washington vollzieht, ist mehr als eine bloße Abkehr von ökologischen Verpflichtungen. Es ist der gezielte Versuch, die globale Energiewende durch machtpolitische Mittel zu sabotieren. Klimapolitik ist zur strategischen Waffe einer neuen Doktrin der „fossilen Energiedominanz" geworden – mit dem erklärten Ziel, internationale Klimaschutzmaßnahmen zu untergraben und dauerhafte Abhängigkeiten von Öl und Gas zu zementieren.
Die Entscheidung der US-Umweltbehörde vom Februar 2026, Treibhausgase nicht länger als schädlich einzustufen, markiert dabei den letzten Bruch mit internationalen Standards. Dahinter steht eine umfassendere Strategie, die darauf abzielt, multilaterale Klimaschutzbemühungen gezielt zu schwächen. Die Dimension des Vorgehens der USA zeigte sich deutlich im Oktober 2025 im Rahmen der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO): Die USA drohten den anderen Mitgliedstaaten offen mit Handelssanktionen, Einreiseverboten für Staatsbedienstete und der Verweigerung des Zugangs zu US-Häfen, um ein globales System zur CO2-Bepreisung im Schiffsverkehr zu verhindern. Gleichzeitig fordern sie in multilateralen Foren wie der Weltbank eine radikale Abkehr von der Klimafinanzierung und bilden gemeinsam mit fossilen Exportstaaten gezielt Gegenallianzen.
Europa muss aktiv werden
Inmitten dieser geopolitischen Zuspitzung wirkt Europa erschreckend unentschlossen. Der Rückhalt für den einst so stolz präsentierten European Green Deal bröckelt unter dem Druck industriepolitischer Ängste und interner Zerrissenheit. Bei der COP30 in Belém im November 2025 zeigte sich die EU geschwächt: Die verspätete Einreichung der eigenen Klimaziele und öffentliche Streitigkeiten über deren Umfang schränkten den diplomatischen Handlungsspielraum massiv ein.
Deutschland trägt dabei eine besondere Mitverantwortung. Wenn Wirtschaftsministerin Katherina Reiche mit der Rückendeckung des Bundeskanzlers die EU-Klimaziele öffentlich infrage stellt, den Ausbau von Gaskraftwerken vorantreibt und die deutsche Energiewende systematisch abwürgt, untergräbt das die europäische Glaubwürdigkeit und die Fähigkeit, international gestaltend zu wirken. Washington weiß diese Schwäche sowie die Angst vor Donald Trumps Unberechenbarkeit geschickt zu nutzen, um Europa in fossile Importabhängigkeiten zu drängen – wie das EU-US-Handelsabkommen zeigt.
Doch die EU darf weder vor einem Gegenkurs zurückschrecken noch auf ein Ende der Trump-Administration warten. Im Gegenteil: Für Europa ist nun der entscheidende Moment auf verschiedenen Ebenen entschlossen zu handeln. Multilateral, bilateral und auch unilateral. Europäische Ambition ist zwar keine hinreichende, wohl aber eine notwendige Voraussetzung für jeden Fortschritt.
Das bestehende multilaterale System unter dem Dach der UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) bleibt dabei unverzichtbar, stößt jedoch an strukturelle Grenzen. Das Konsensprinzip ermöglicht es einzelnen Staaten, Fortschritte zu blockieren oder auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu reduzieren. Daher braucht es ergänzende Formate: flexible, interessenbasierte Partnerschaften, die Vorreiterkoalitionen ermöglichen.
Solche Allianzen können durch wirtschaftliche Anreize und politische Verbindlichkeit eine Sogwirkung entfalten, die weitere Staaten einbindet, ohne den bestehenden UN-Prozess zu ersetzen. Entscheidend ist dabei die Verknüpfung mit handelspolitischen Instrumenten, um kooperatives Verhalten zu belohnen und klimaschädliche Praktiken gezielt zu verteuern. Nicht-westliche Staaten, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft müssen dabei von Anfang an einbezogen werden, um eine nachhaltige Transformation gestalten zu können.
Indien als verlässlichen Partner gewinnen
Zentraler Baustein einer neuen Strategie muss zudem die Vertiefung bilateraler Beziehungen sein – allen voran mit Indien. Als drittgrößter Emittent der Welt ist Indien ein entscheidender Akteur für den globalen Klimaschutz. Im Gegensatz zur aktuellen US-Regierung teilt Brüssel mit Neu-Delhi ein fundamentales Interesse an Investitionen in Clean-Tech-Bereichen wie grünen Stahl und Wasserstoff.
Indien wird 2028 den Vorsitz der COP33 übernehmen. Daher ist es für Europa von strategischer Bedeutung, bereits jetzt eng mit der indischen Regierung zusammenzuarbeiten. Denn wo die USA als diplomatischer Partner in Klimaverhandlungen ausgefallen sind und fossile Staaten zunehmend Rückenwind aus Washington erhalten, braucht Europa neue Verbündete. Gelingt es, gemeinsam mit Indien und anderen Ländern des Globalen Südens belastbare Wege für den Ausstieg aus fossilen Energien zu definieren, verliert die Sabotagepolitik Washingtons ihre Hebelwirkung.
Zugleich sollte Europa die Dynamiken innerhalb der Vereinigten Staaten selbst differenzierter betrachten. Auch wenn die Regierung in Washington auf Konfrontationskurs geht, existieren innerhalb der USA weiterhin einflussreiche Akteure, die an ambitionierten Klimazielen festhalten. Kooperationen mit Bundesstaaten wie Kalifornien, Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Organisationen können dazu beitragen, zumindest Teile der transatlantischen Klimazusammenarbeit zu erhalten.
Energiewende als Chance für die Wirtschaft
Die EU muss am European Green Deal festhalten und verbindliche Klimaschutzmaßnahmen voranbringen. Das ist nicht nur für die internationale Kooperation unverzichtbar, sondern rentiert sich bereits aus sich heraus. Das oft vorgebrachte „Trittbrettfahrer-Argument“ – ein Land trage die Kosten, während der Nutzen global anfällt – greift zu kurz. Klimaschutzmaßnahmen und Investitionen in Erneuerbare zahlen sich bereits auf nationaler Ebene aus: Sie sichern die künftige Wettbewerbsfähigkeit, verringern gefährliche Abhängigkeiten von autokratischen Exportstaaten und sind langfristig kosteneffektiver.
In großen Wirtschaftsräumen wie der EU übersteigen die Kosten des Nichthandelns deutlich die der Dekarbonisierung. Die aktuelle Energiekrise infolge des Iran-Krieges zeigt, dass wirksame Klimapolitik keine konkurrierende Priorität zu Wirtschaft und Sicherheit ist, sondern deren notwendige Voraussetzung. Während Washington den Rückwärtsgang einlegt und ins fossile Zeitalter zurücksteuert, hat die EU jetzt die Chance den Blick nach vorne zu richten und die globale Energiewende aktiv mitzugestalten.
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