Standpunkt Potenziale einer Wasserstoffkooperation mit Russland

Wie könnten Russland und die EU bei der Entwicklung von Wasserstoffmärkten zusammenarbeiten? Rainer Quitzow, Forschungsgruppenleiter am IASS Potsdam, beleuchtet die Kooperationsmöglichkeiten bei der Erzeugung und sieht Potenzial vor allem in der Dekarbonisierung der russischen Industrie – dafür seien die Hürden möglicherweise niedriger, argumentiert er in seinem Standpunkt.

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Russland ist der wichtigste Energielieferant der Europäischen Union. Mehr als ein Drittel des Gasverbrauchs wird mit Einfuhren aus Russland gedeckt. Ebenso ist die EU Russlands wichtigster Exportmarkt. Obgleich die Abhängigkeit der EU von russischem Gas vielfach beklagt wird, ist diese Handelsbeziehung ein stabiler Faktor im an Konflikten nicht armen Verhältnis zu Russland.

Im Zuge der geplanten Dekarbonisierung der europäischen Energiewirtschaft wird die Verbrennung von Erdgas allerdings in den nächsten Jahrzehnten deutlich zurückgehen müssen. Bei einer Reduktion der Treibhausgase um 95 Prozent bis 2050 geht eine Studie des Umweltbundesamtes von einem grob linearen Rückgang der Erdgasnachfrage auf zirka zehn Prozent der heutigen Nachfrage aus. Um das Klimaneutralitätsziel der EU zu erreichen, muss die Verbrennung von Erdgas bis spätestens 2050 vollständig eingestellt werden.

Gleichzeitig nehmen die Anstrengungen für den Ausbau einer klimafreundlichen Wasserstofferzeugung in Deutschland und in der EU mit der Verabschiedung entsprechender Strategien zunehmend Fahrt auf. Um den künftigen Wasserstoffbedarf zu decken, werden Deutschland und die EU nicht ohne Wasserstoffimporte auskommen. Aus diesem Grund hält die deutsche Wasserstoffstrategie knapp zwei Milliarden Euro für den Aufbau internationaler Wasserstoffpartnerschaften vor. Die europäische Unternehmensallianz Hydrogen Europe strebt zudem den Aufbau von 40 GW Produktionskapazitäten für den Import von grünem Wasserstoff in die EU an. Dies öffnet ein neues Möglichkeitsfenster für die EU-russischen Energiebeziehungen.

Russland als künftiger Wasserstoffexporteur?  

Aufgrund seines großen Potenzials für die Stromherstellung aus erneuerbaren Energien könnte Russland zu einem wichtigen Lieferanten für sogenannten grünen Wasserstoff werden. Durch die räumliche Nähe und die vorhandenen Leitungen für die Einfuhr von Erdgas hätte das Land einen wichtigen Kostenvorteil gegenüber anderen potenziellen Lieferländern. Der Transport von Wasserstoff stellt nämlich einen der größten Kostentreiber bei der Bereitstellung des Energieträgers dar. Der leitungsgebundene Transport kommt dabei deutlich besser weg als Alternativen wie der maritime Transport von  flüssigem Wasserstoff.

Wasserstoff hätte das Potenzial, ein neuer Ankerpunkt der Energiebeziehungen zwischen der EU und Russland und Treiber der Modernisierung des russischen Energiesektors zu werden. Im Rahmen der deutschen Wasserstoffstrategie sollte er ein wichtiger Fokus internationaler Bemühungen sein. Im Deutsch-Russischen Rohstoffforum wurde vor kurzem bereits eine Arbeitsgruppe „Wasserstoff und neue Gase“ gebildet, die diese Kooperation vorantreiben soll.

Ein genauerer Blick zeigt allerdings, dass das Interesse an einer solchen Zusammenarbeit bei wichtigen Akteuren der russischen Energiewirtschaft bisher eher gering ist. Als Eigentümer der russischen Gasleitungen signalisiert Gazprom, dass es zunächst nicht anstrebt, diese Infrastruktur für den Transport von Wasserstoff einzusetzen. Stattdessen schlägt das Unternehmen  vor, künftig weiter Erdgas in die EU zu liefern. Dies könne als Grundstoff für die Herstellung von klimafreundlichem Wasserstoff mit dem Verfahren der Methan-Pyrolyse genutzt werden, allerdings nicht in Russland sondern in der EU.

Bei dem Pyrolyse-Verfahren wird Erdgas in gasförmigen Wasserstoff sowie festen Kohlenstoff geteilt. Dieser Ansatz hätte den Vorteil, dass die Herstellung in räumlicher Nähe der Endnachfrage stattfinden und damit die erheblichen Kosten des Transportes vermieden werden könnten. Beim aktuellen Strommix in Deutschland würde es auch weniger CO2Ausstoß verursachen als bei der Wasserstoffherstellung per Elektrolyse unter Einsatz von herkömmlichem Netzstrom. Der Nachteil wäre, dass die Methanpyrolyse langfristig keine komplett CO2-freie Wasserstofferzeugung ermöglicht. Emissionen bei Erschließung und Transport des Erdgases blieben bestehen.

Option für Dekarbonisierung der russischen Industrie

Gleichzeitig bestehen aber wichtige Potenziale für den Einsatz von Wasserstoff zur Dekarbonisierung der Industrie in Russland selbst. Auch russische Industrieunternehmen stehen unter dem Druck internationaler Klimaschutzbemühungen. Im Rahmen des europäischen Green Deals ist ein CO2-Grenzausgleichssystem im Gespräch, das zur Folge hätte, dass auch russische Industriegüter bei der Einfuhr in die EU in Zukunft mit einer CO2-Grenzsteuer belastet werden könnten.

Es besteht also auch für russische Industrieunternehmen ein Anreiz, in klimafreundliche Produktionsverfahren zu investieren, um ihre Wettbewerbsfähigkeit mittelfristig zu erhalten. Beispielsweise in der Stahlindustrie sind die Voraussetzungen dafür in Russland relativ gut. Aufgrund der lokalen Verfügbarkeit von Erdgas arbeitet die russische Stahlindustrie schon heute vielfach mit vergleichsweise klimafreundlichen, gasbetriebenen Direktreduktionsanlagen. Diese Anlagen lassen sich auch mit Wasserstoff betreiben und bieten daher eine gute Ausgangslage für eine klimaneutrale Stahlproduktion. Anders als in Deutschland muss die Produktionstechnologie nicht grundlegend neu aufgebaut werden.

Hier gäbe es also einen sinnvollen Ansatzpunkt für eine Zusammenarbeit zwischen der EU und Russland. Durch die Förderung technischer Kooperation zwischen russischen und deutschen Akteuren aus Industrie und Forschung kann der Aufbau einer klimafreundlichen Wasserstoffproduktion in Russland gefördert werden.

Allerdings sollte hier aus den dargelegten Gründen der Fokus nicht nur auf den möglichen Export sondern auch auf die Dekarbonisierung der russischen Industrie gelegt werden. Auf diese Weise könnten in Russland nicht nur wichtige Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt werden, es könnten Impulse für den Klimaschutz entstehen. Die Potenziale der Methanpyrolyse sollten beachtet werden – als möglicher Beitrag zur Dekarbonisierung in der EU.

Parallel dazu könnten die Weichen für den Aufbau einer Infrastruktur für den russischen Export von Wasserstoff gelegt werden. Dazu gehört nicht zuletzt die gemeinsame Entwicklung der notwendigen regulativen Rahmenbedingungen für den Transport von Wasserstoff über bestehende Gasleitungen. Hier sind noch viele offene Fragen zu klären, um die Grundlagen für einen internationalen Wasserstoffhandel zu schaffen.

Eine transparente und offene Diskussion zwischen Akteuren – vor allen Dingen auch nicht-staatlichen, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren – aus Russland und der EU in diesen Bereichen ist nicht nur wichtig, um die Grundlage für die Entwicklung eines zukünftigen Wasserstoffmarktes zu schaffen. Sie kann mittelfristig ebenso einen Beitrag zu einer Annäherung in den, auch im Energiebereich, zunehmend angespannten Beziehungen mit Russland leisten.

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