Moleküle : Europa muss aufhören, eine Abhängigkeit durch eine andere zu ersetzen
Der Import von Fossilenergie hat Abhängigkeiten geschaffen, aus denen Europa sich endlich befreien muss, schreiben Gunar Hering (Enertrag) und Marco Raffinetti (Hypen). Grüner Wasserstoff ermöglicht das, aber braucht den politischen Willen der Regierungen, den Markt dafür aufzubauen.
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Japan bezieht 95 Prozent seines Erdöls und rund 11 Prozent seines Flüssigerdgases (LNG) aus dem Nahen Osten. Südkorea ist beim Rohöl zu etwa 70 Prozent und beim LNG zu rund 20 Prozent auf die Golfstaaten angewiesen. Europa hat sich zwar vom russischen Pipeline-Gas abgewandt und importierte nur wenig LNG aus Katar und anderen Golfstaaten. Aber die gestiegenen Preise im Zuge des Krieges an der Straße von Hormus treffen auch die Europäer.
Die Verwundbarkeit beschränkt sich nicht auf Energie, sondern reicht bis in die globalen Ernährungssysteme hinein. Die Düngemittelproduktion ist eng an günstiges Erdgas gekoppelt, insbesondere bei der Herstellung von Ammoniak und Harnstoff. Der Nahe Osten steht für nahezu 50 Prozent der weltweiten Harnstoffexporte und rund 30 Prozent der Ammoniakexporte. Energie- und Ernährungssicherheit sind somit deutlich enger miteinander verknüpft, als es die aktuelle politische Debatte oft erkennen lässt.
Ein derart hohes Maß an Abhängigkeit ist nicht nur teuer, sondern auch strategisch fragil.
Gleichzeitig verschärft sich der globale Wettbewerb. China hat grünen Wasserstoff jüngst in seinem aktuellen Fünfjahresplan als strategische Zukunftstechnologie eingestuft und ihn damit auf eine Stufe mit Schlüsselindustrien wie Quantencomputing und fortgeschrittener künstlicher Intelligenz gestellt. Wasserstoff wird dort nicht mehr primär als Klimainstrument verstanden, sondern vor allem als Baustein der Industriepolitik, der Energiesicherheit und der wirtschaftlichen Entwicklung.
Neue Chancen zur Diversifizierung
Vor diesem Hintergrund bieten grüner Wasserstoff und seine Derivate einen glaubwürdigen Weg, strukturelle Abhängigkeiten zu reduzieren. Grünes Ammoniak kann sowohl als chemischer Grundstoff für Düngemittel als auch als transportierbarer Energieträger dienen. Grüner Wasserstoff kann die Stahlproduktion, den Transportsektor und Teile der energieintensiven Industrie dekarbonisieren.
Anders als fossile Energieträger ist die Gewinnung von grünem Wasserstoff nicht auf wenige Weltregionen begrenzt. Er ist nicht geologisch verteilt, sondern meteorologisch und damit grundsätzlich überall dort produzierbar, wo Erneuerbare Energie in ausreichender Menge und zu wettbewerbsfähigen Kosten verfügbar ist.
Für Importregionen wie Europa eröffnet sich damit die Chance, ihre Lieferbeziehungen gezielt zu diversifizieren, anstatt lediglich eine Abhängigkeit durch eine andere zu ersetzen.
Gleichzeitig eröffnet sich die Möglichkeit, diese neuen Lieferketten von Anfang an breiter aufzustellen, über mehrere Regionen und Partner hinweg, und damit die Resilienz der Energieversorgung strukturell zu erhöhen. Doch dieser Wandel vollzieht sich nicht mit der notwendigen Geschwindigkeit.
Die Herstellung von grünem Wasserstoff ist kapitalintensiv und erfordert langfristige Planungssicherheit auf der Nachfrageseite. Während potenzielle Erzeugerländer ambitionierte Strategien vorantreiben, verzögert insbesondere in Europa die Unsicherheit über zukünftige Nachfrage Investitionsentscheidungen. Regulatorische Rahmenbedingungen sind noch im Aufbau, langfristige Abnahmeverträge schwer zu sichern.
Viele Abnehmer wollen nicht First Mover sein
Das zentrale Problem ist dabei weniger die kurzfristige Zahlungsbereitschaft, sondern deren fehlende Verlässlichkeit über die Laufzeit der Projekte. Einzelne Abnehmer sind heute durchaus bereit, hohe Preise zu zahlen. Für die Finanzierung einer Anlage, die über Jahrzehnte betrieben wird, reicht diese kurzfristige Zahlungsbereitschaft jedoch nicht aus.
Produzenten benötigen stabile und langfristig planbare Erlöse. Ohne diese Sicherheit steigen die Finanzierungskosten deutlich, weil Banken die Risiken nicht tragen können oder nur zu hohen Risikoaufschlägen finanzieren. Das verteuert die Projekte und damit wiederum das Endprodukt. So entsteht ein Kreislauf, in dem Unsicherheit zu höheren Kosten führt, die wiederum die Nachfrage bremsen.
Hinzu kommt ein strukturelles Marktproblem: Abnehmer wissen, dass Folgeprojekte günstiger sein werden als die ersten Anlagen. Lernkurven, Skaleneffekte und sinkende Finanzierungskosten führen dazu, dass Preise perspektivisch fallen. Diese Erwartung reduziert die Bereitschaft, sich heute langfristig zu höheren Preisen zu binden – selbst dann, wenn kurzfristig Zahlungsbereitschaft vorhanden ist.
Die Folge: Projekte, die die globalen Energie- und Düngemittelmärkte grundlegend verändern könnten, kommen langsamer voran, als es möglich wäre.
Ohne CfDs und Quoten geht es nicht
Hier kommt der Politik eine entscheidende Rolle zu. Differenzverträge (Contracts for Difference, CfDs) haben bereits maßgeblich dazu beigetragen, erneuerbaren Strom in Europa zu skalieren, indem sie Preisrisiken reduzieren und die Kapitalkosten senken. Ein vergleichbarer Ansatz lässt sich auch auf grünen Wasserstoff und seine Derivate – einschließlich Ammoniak – übertragen. CfDs schaffen die notwendige langfristige Preissicherheit für Produzenten und reduzieren damit unmittelbar die Finanzierungskosten. Sie adressieren genau das Risiko, das private Abnehmer heute nicht übernehmen können oder wollen.
Gleichzeitig lösen CfDs allein das Nachfrageproblem nicht. Hier setzen Quoten oder vergleichbare ordnungspolitische Instrumente an. Sie schaffen eine verlässliche Mindestnachfrage für klimaneutrale Produkte und erhöhen damit die effektive Zahlungsbereitschaft im Markt.
Erst die Kombination beider Instrumente entfaltet ihre volle Wirkung: Quoten sorgen dafür, dass Nachfrage tatsächlich entsteht, während CfDs die langfristige Preis- und Erlössicherheit herstellen, die für die Finanzierung notwendig ist. Die Quote reduziert die benötigten staatlichen Mittel zur Absicherung des CfDs – beide Instrumente arbeiten Hand in Hand.
Grüne Ressourcen in Partnerländern
Zugleich können solche Instrumente gezielt so ausgestaltet werden, dass sie an industriepolitische Ziele gekoppelt werden – etwa durch Anforderungen an den Einsatz europäischer Technologien und Komponenten entlang der Wertschöpfungskette. So lassen sich Versorgungssicherheit und der Aufbau eigener industrieller Stärke miteinander verbinden.
Projekte in Ländern wie Namibia verdeutlichen sowohl das Potenzial als auch die Herausforderungen dieser Transformation. Mit hervorragenden Wind- und Solarressourcen und nationalen Strategien zur Entwicklung von grünem Wasserstoff können solche Länder zu wichtigen Partnern in der künftigen Energie- und Düngemittelversorgung werden. Gleichzeitig stehen diese Projekte vor erheblichen Hürden – etwa bei Finanzierung, Infrastruktur und Marktentwicklung –, die ohne verlässliche Nachfragesignale aus den Importregionen kaum zu überwinden sind.
Die ökonomische Logik ist eindeutig
Die strategischen Implikationen sind klar: Eine Diversifizierung der Versorgung durch grünen Wasserstoff kann die Abhängigkeit von volatilen fossilen Märkten reduzieren, zu stabileren Düngemittelmärkten beitragen und die Dekarbonisierung schwer vermeidbarer Emissionen vorantreiben. Für Erzeugerländer eröffnet sich zugleich die Chance auf industrielle Entwicklung und wirtschaftliches Wachstum. Ohne eine stärkere politische Koordination bleiben diese Potenziale jedoch weitgehend theoretisch.
Der notwendige Markthochlauf folgt dabei einer klaren ökonomischen Logik: In frühen Phasen fehlen verlässliche Preis- und Mengensignale. Staatliches Eingreifen ersetzt diese Signale temporär, bis sich ein funktionierender Markt mit tragfähigen langfristigen Vertragsstrukturen etabliert hat.
CfDs sind keine Subventionen ohne Gegenleistung. Sie sind ein Instrument zur Risikoteilung zwischen öffentlicher Hand und privaten Investoren und ermöglichen Investitionen, die andernfalls nicht zustande kämen. Eine Ausweitung solcher Instrumente auf internationale Wasserstoffmärkte könnte sowohl Angebots- als auch Nachfrageseite deutlich beschleunigen.
Am Ende geht es nicht um die Frage, ob die Technologien existieren. Es geht darum, ob Regierungen bereit sind, die notwendigen Rahmenbedingungen für ihre Skalierung zu schaffen. Europa verfügt über die politischen Instrumente. Offen bleibt, ob sie rechtzeitig eingesetzt werden oder ob weiterhin eine Abhängigkeit durch die nächste ersetzt wird.
Dr. Gunar Hering leitet den Erneuerbare-Energien-Anbieter Enertrag. Marco Raffinetti leitet den Wasserstoffprojektierer Hyphen Hydrogen Energy in Namibia, ein Joint Venture mit Beteiligung von Enertrag.
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