Kohlenstoffspeicherung : CCS – Keine Industrietransformation ohne unbequeme Werkzeuge
Für eine ehrliche, am differenzierten Klimanutzen der Technologie ausgerichtete Debatte über Einsatzbereiche, Förderpolitik und die Verantwortlichkeit der Öl- und Gaswirtschaft plädiert Fabian Liss, Referent Industrielles Carbon Management bei der Klimaschutzorganisation Bellona Deutschland. Denn die Frage sei nicht mehr, ob CCS gebraucht wird – sondern wie es als ein Baustein der Industrietransformation sinnvoll gestaltet werden kann.
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Deutschland steht unter Druck, rasch industrie- und klimapolitische Entscheidungen für den Weg zur Klimaneutralität zu treffen. Die Industrie braucht Klarheit über ihre Transformationspfade, ETS-Kosten und die nötigen Investitionsentscheidungen. Bei technisch anderweitig unvermeidbaren Prozessemissionen – etwa Zement und Kalk – steht wegen des Auslaufens der freien ETS-Zertifikate bis 2034 Carbon Capture and Storage (CCS) im Fokus der Debatte. Sowohl in den IPCC-Berichten als auch in den Modellierungsstudien zur Klimaneutralität in Deutschland wird deutlich, dass CCS einen Beitrag zur Industrietransformation leisten muss.
Die Grundbedingungen sind bereits klar: Natürliche Senken wie Wälder und Moore sind in schlechtem Zustand und reichen nicht aus, um unvermeidbare Industrieemissionen und weitere Restemissionen – etwa aus der Landwirtschaft – zu kompensieren.
Auch bei ambitionierter Veränderung von Produktionsprozessen, Materialsubstitution und mehr Suffizienz braucht es Antworten, wie weiterhin benötigte Produkte wie Zement und Kalk klimaneutral hergestellt werden können. Vermeidung hat Vorrang – doch für bestimmte Prozessemissionen gibt es keine effektiven, skalierbaren Alternativen zur Anwendung von CCS. Die gezielte Integration von CCS in die Klimastrategie kann zudem bei Zielverfehlungen anderer Ansätze die Realisierbarkeit der Klimaziele erhöhen.
Fördermittelpolitik: CCS ist nicht gleich CCS
Wichtig ist daher eine klimapolitisch priorisierte Anwendung: CCS ist nicht gleich CCS. Die Diskussion reicht vom Gaskraftwerk über die Müllverbrennungsanlage bis zum Zementofen – was die politische Debatte erschwert. Insbesondere der Einsatz im Stromsektor ist in der Regel ineffizient, da Alternativen wie die Erneuerbaren bereitstehen. Richtig ist aber, dass Alternativen zu Gas-KWK-Anlagen in Chemieparks schwer zeitnah realisierbar sind – über CCS wird hier ggf. gesprochen werden müssen.
Es bedarf also einer am Klimanutzen der Technologie orientierten, differenzierten Bewertung des Einsatzes von CCS mit einem Fokus auf schwer vermeidbare Emissionen in der Industrie: Gibt es skalierbare Alternativen? Wie hoch sind die erreichbaren Abscheideraten? Welche Lock-in-Risiken bestehen? Diese Fragen gilt es, zeitnah in einer Carbon Management-Strategie zu klären, damit CCS nicht zu einer Verlängerung emissionsintensiver Produktionsweisen führt.
Eine intelligent gestaltete Förderlandschaft kann zusätzliche Orientierung bieten, denn ohne staatliche Unterstützung sind viele CCS-Projekte angesichts der aktuellen CO2-Preise mittelfristig wirtschaftlich kaum tragfähig.
Dabei gilt: Eine breite Förderung ohne klimapolitischen Fokus birgt fiskalische Risiken, gefährdet die gesellschaftliche Akzeptanz und schafft ggf. neue fossile Abhängigkeiten. Fehlende Förderung führt wiederum dazu, dass CCS als bloße Option dauerhaft ein ungedeckter Scheck bleibt, der in der Realität nie umgesetzt wird – mit deutlich negativen Folgen für Industrie und Klimaschutz. CCS darf keine vage Zukunftsoption sein, sondern muss insbesondere bei jeder neuen emittierenden Anlage, zum Beispiel in den Sektoren Zement, Kalk und Müllverbrennung, von Anfang an einkalkuliert und direkt mit aufgebaut werden.
Bei den Förderinstrumenten ist die Fortsetzung der Klimaschutzverträge (KSVs) ebenso zentral wie gezielte Programme, die auch kleineren Unternehmen – etwa kommunalen Müllverbrennungsanlagen – Zugang zu CCS ermöglichen. Es braucht einen klaren Rahmen: CCS als Teil der Transformation, nicht als Freibrief für fossiles Weiterwirtschaften.
Kein Platz, nirgendwo?
Zentral für den Erfolg von CCS ist der Aufbau einer adäquaten CO2-Infrastruktur. Der Blick richtet sich auf die deutsche Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) in der Nordsee, wo für die CO2-Speicherung nutzbare geologische Potenziale vorhanden sind. Doch die Nutzung ist alles andere als trivial: Meeres- und Naturschutz, Raumordnung sowie komplexe Genehmigungsprozesse stellen berechtigte Anforderungen – zudem sind die Speicherkapazitäten im Vergleich zu Nachbarstaaten durchaus begrenzt.
Daher sollte die Debatte um Onshore-Speicher nicht voreilig beerdigt werden. Onshore-Lösungen könnten – neben moderaten Kostensenkungen beim Transport – dazu beitragen, den Druck auf bereits stark genutzte Offshore-Gebiete zu verringern. Ohne transparente Kommunikation, breite Beteiligung und die Wahrung von Umweltschutzanliegen wird sich aber keine Speicherlösung – weder on- noch offshore – aufbauen lassen.
Insofern ist es entscheidend, dass sich die Zivilgesellschaft konstruktiv in die Debatte einbringt. CCS muss nicht zwangsläufig im Greenwashing enden. Richtig ist: Als Bestandteil vermeintlich „grüner“ Transformationsstrategie führt die Öl- und Gasindustrie CCS schon seit Langem als Lösung ins Feld, arbeitet gleichzeitig aber zu wenig an der konkreten Umsetzung. An der Notwendigkeit, dass der Hochlauf von CCS für fokussierte Anwendungsbereiche gelingen muss, ändert dieser Befund jedoch wenig. Produktiver ist es daher, die Aktivitäten der Öl- und Gasunternehmen kritisch zu begleiten und Transparenz einzufordern, statt sich der eigenen politischen Handlungsmacht durch pauschale Ablehnung zu entledigen.
Anreize und Sanktionen: Verantwortlichkeit herstellen
Politisch braucht es klare Anreize und Sanktionen: Wer sich ambitioniert als First Mover in Richtung klimaneutraler Geschäftsmodelle bewegt, sollte Unterstützung erfahren. Wer hingegen auf Verzögerung setzt oder CCS als Deckmantel für fossile Expansion missbraucht, sollte mit klaren Strafen rechnen müssen. Hier setzt Artikel 23 des Net-Zero Industry Act (NZIA) der EU an, der auch deutsche Öl- und Gasunternehmen zur Bereitstellung von Speicherkapazität verpflichtet.
Ergänzend zum kommenden Kohlendioxid-Speicherungs- und -Transportgesetz (KSpTG) muss Deutschland ein Sanktionssystem entwickeln, das greift, wenn verpflichtete Unternehmen die bis 2030 bereitzustellenden CO₂-Speicherkapazitäten nicht erfüllen. Deutschland sollte dabei auf empfindliche Strafen setzen, um zu vermeiden, dass der Hochlauf von CCS als bloßes Feigenblatt für Untätigkeit missbraucht wird.
Insbesondere die Zivilgesellschaft sollte der Industrie genau auf die Finger schauen. Bellona Europa hat daher zusammen mit der Clean Air Task Force und der Carbon Balance Initiative das Article 23-Project gestartet, um zu prüfen, ob die Industrie ihren Verpflichtungen auch nachkommt und Transparenz öffentlich einzufordern.
Strategisches Handeln ist nötig
Bei CCS geht nicht mehr um das „Ob“, sondern um das „Wo“ – und vor allem das „Wie“. CCS ist kein Allheilmittel, aber in ausgewählten Bereichen wie Zement, Kalk oder thermischer Abfallverwertung ein unverzichtbarer Baustein zur Klimaneutralität.
Mindestens genauso wichtig wie die durch das KSpTG geschaffene Rechtssicherheit ist daher die strategische Planung: eine konsistente Carbon Management-Strategie sowie eine klimapolitisch fokussierte Förderlandschaft. Diese noch fehlenden Puzzlestücke muss die Bundesregierung zügig liefern – und sie anschließend in einem dauerhaften Dialog mit Industrie, Umweltverbänden und Thinktanks iterativ weiterentwickeln.
Nur so kann CCS eine positive Wirkung entfalten: nicht als Ausrede für weniger Klimaschutz, sondern als gezieltes Element einer ambitionierten Transformationsstrategie in der Industrie.
Fabian Liss ist Referent für Industrielles Carbon Management bei der Umwelt- und Klimaschutzorganisation Bellona Deutschland.
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