Batteriespeicher : Second Life ist tot – lang lebe die Speicherökonomie
Ob Beratungsunternehmen, Marktforscher oder so mancher Politiker – viele haben ihre Hoffnungen in Second-Life-Batterien gesetzt. Von dieser Idee war auch das Unternehmen Voltfang anfangs überzeugt. Heute ist sich der Gründer und CEO David Oudsandji aber sicher: Das Modell ist gescheitert. Schlimm sei das aber nicht.
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Es gibt Ideen, die so schön sind, dass niemand sie infrage stellen will. Die Second-Life-Batterie ist so eine Idee: Gebrauchte E-Auto-Batterien bekommen ein zweites Leben als stationärer Stromspeicher, bevor sie recycelt werden. Kreislaufwirtschaft, Rohstoffsicherheit, Klimaschutz – alles in einem Produkt.
Die Beratungsfirma McKinsey prognostizierte 2019, dass das Angebot an Second-Life-Batterien bis 2030 auf über 200 Gigawattstunden pro Jahr wachsen könne, bei Kostenvorteilen von 30 bis 70 Prozent gegenüber Neubatterien. Marktforscher sagten dem Sektor einen Boom voraus, die Idee fand ihren Weg in Koalitionsverträge, Förderprogramme und Strategiepapiere.
Aber dieses Versprechen wird nicht eingelöst. Unser Unternehmen hat in Aachen die größte Second-Life-Speicherfabrik Europas aufgebaut. Dort bauen wir nun intelligente Batteriesysteme mit Neuzellen. Ich halte unsere ursprüngliche Idee immer noch für richtig, aber die Realität hat uns eingeholt.
Second-Life-Batterien ohne Kostenvorteil
Einer der Hauptgründe ist, dass es schlicht zu wenige gebrauchte Batterien gibt. Die E-Mobilität wuchs langsamer als geplant. 2024 brachen die Neuzulassungen von E-Autos in Deutschland um 27,4 Prozent auf rund 380.000 Fahrzeuge ein. Der Rücklauf, auf den wir als Branche gewettet haben, kommt noch nicht.
Außerdem hat der Preisverfall bei Neubatterien unser Geschäftsmodell überholt. Allein die Preise für stationäre Speichersysteme fielen 2025 um 45 Prozent auf 70 Dollar pro Kilowattstunde. Batteriespeicher sind damit erstmals das günstigste Marktsegment überhaupt. Eine gebrauchte Zelle in Europa zu prüfen, zu zerlegen und neu zu verbauen kostet heute mehr als eine fabrikneue Zelle aus Asien. Der versprochene Kostenvorteil hat sich ins Gegenteil verkehrt.
Und last but not least: Die wenigen zurückgegebenen Batterien verbleiben überwiegend in den eigenen Kreisläufen der Hersteller. Ein Teil wird als Rohstoffquelle für konzerneigene Speicher- oder Recyclingprojekte genutzt, während ein anderer Teil zwischengelagert wird. Dabei bleibt die Weiterverwendung oft unklar und endet auf Halden oder beim späteren Schreddern.
Die OEMs wollen die Kontrolle über die Materialströme behalten, um die ab 2031 geltenden EU-Rezyklatquoten für neue Batterien sicher zu erfüllen. Aus dem einst versprochenen offenen Second-Life-Markt ist ein geschlossenes System der Konzerne geworden. Kurzfristiges Kalkül hat sich gegen einen funktionierenden Markt durchgesetzt.
Auf den Hochlauf von Speicherkapazität kommt es an
Man könnte das für eine schlechte Nachricht halten. Ist es aber nicht. Denn das Ziel war nie die gebrauchte Batterie. Das Ziel war und ist das intelligente Speichern.
Deutschland braucht Speicherkapazität in einem Umfang, den Second-Life nie hätte liefern können. Das Fraunhofer ISE schätzt, dass bis 2030 rund 100 Gigawattstunden und bis 2045 etwa 180 Gigawattstunden stationäre Batteriespeicherkapazität benötigt werden. Ende 2025 waren erst gut 25 Gigawattstunden installiert. Zwischen diesen beiden Zahlen liegt die eigentliche Aufgabe der nächsten zehn Jahre. Eine Lieferkette, deren Volumen von der Rücklaufquote einer fremden Branche abhängt, kann diese Lücke nicht schließen.
Resilienz entsteht durch Diversifizierung, aus mehreren verlässlichen Bezugsquellen, die sich am Bedarf des Energiesystems orientieren, nicht am Lebenszyklus von Autobatterien. Ja, eine europäische Wertschöpfung wäre wünschenswert, und ja, die Zellen stammen heute meist aus Asien. Aber um ehrlich zu sein, die Wertschöpfung eines Batteriespeichers liegt längst nicht mehr allein in der Zelle: Systemintegration, Software, Netzdienstleistungen und Betrieb machen den Unterschied und diese Schritte finden hier statt. Wer Energiesouveränität will, muss jetzt dort investieren, wo Europa tatsächlich vorn liegt. Die Zeit der Hardware-Nostalgie ist vorbei.
Und die Kreislaufwirtschaft? Sie wird erwachsen. Ihr Ort ist künftig das Recycling: Kapazitäten ausbauen, Rezyklatanteile erhöhen, die Rohstoffbasis für die nächste Zellgeneration in Europa sichern. Das ist zwar weniger romantisch als die Geschichte vom zweiten Leben, aber wirksamer.
Was jetzt zu tun ist
Drei Dinge sind jetzt entscheidend. Erstens müssen wir uns darauf fokussieren unser Stromnetz resilient und vor allem kostengünstig zu bekommen. Dabei zählt die installierte netzdienliche Speicherkapazität im Netz und nicht die Herkunft der Zelle. Erneuerbare Energien und Speicher sind bereits heute die kostengünstigste Möglichkeit, Strom zu erzeugen. Sie sind die einzige Energieinfrastruktur, die ohne staatliche Subventionen auskommt.
Zweitens müssen wir die Genehmigung und den Netzanschluss für netzdienliche Großspeicher beschleunigen und ermöglichen. Es ist absurd, dass Hunderte Gigawatt an privatem Investitionswillen in den Warteschlangen der Netzbetreiber feststecken, während wir über Kraftwerksstrategien debattieren. Drittens braucht das Batterierecycling einen verbindlichen Ausbaupfad, damit dieser dort greift, wo er wirklich wirkt.
Wer politisch an einem Instrument festhält, das vom eigenen Ziel überholt wurde, verwechselt Symbolik mit Strategie. Das Ziel bleibt verlässlich speichern: für Kunden, für die Netze, für den Industriestandort. Second-Life hat dafür den Weg bereitet. Gehen muss ihn jetzt die Speicherökonomie. Denn nur wer speichern kann, wird handlungsfähig.
David Oudsandji ist Gründer und CEO von Voltfang
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