Carbon Capture and Storage : Der riskante Rohrleitungs-Boom
Tausende Kilometer CO2-Leitungen sollen durch Deutschland entstehen. Die Sicherheit ist dabei nicht gewährleistet, warnen Nachhaltigkeitsforscher Felix Ekardt von der Uni Leipzig und Geschäftsführerin Simone von Kampen vom BUND NRW.
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Deutschland steht vor einem riesigen Infrastrukturprojekt, das kaum jemand zur Kenntnis genommen hat: Ein Netz von Kohlendioxidleitungen, mehrere tausend Kilometer lang, teils durch dicht besiedelte Gebiete, soll in den kommenden Jahren entstehen. Der Anlass ist das Kohlenstoffspeicher- und Transportgesetz, das anstelle einer echten Energiewende dauerhaft fossile Brennstoffe im Markt halten soll. Mit dem Gesetz wird der rechtliche Rahmen für Abscheidung, Transport und Speicherung von CO2 geschaffen – das sogenannte CCS, Carbon Capture and Storage.
Die Technologie funktioniert zwar bisher nur schlecht und ist daher kein Ersatz für eine echte Energiewende, die das Klima mit Nullemissionen schützt, uns von autoritären Staaten unabhängig macht und den Wohlstand gegen steigende Energiepreise schützt. Dennoch sollen hohe Subventionen der Bundesregierung CCS etablieren. Unternehmen beantragen inzwischen vielerorts Genehmigungen für entsprechende Anlagen.
Nun liegt der Referentenentwurf für die Kohlendioxidleitungsverordnung vor, der die technischen Regeln für den Transport des klimaschädlichen Gases festlegen soll. Eine nüchterne Betrachtung dieses Entwurfs zeigt: Die Verordnung setzt Kohlendioxidleitungen pauschal mit Hochdruckleitungen für Erdgas gleich. Diese Gleichsetzung ist sachlich nicht haltbar – und sie erzeugt eine Gefahrenlage, für die es weder eine Erfahrungsbasis noch ausreichende Regulierung gibt.
Ein Gas mit eigenen Risiken
Kohlendioxid ist nicht Erdgas. Die Unterschiede sind kein Detail für Fachleute, sondern entscheidend für die Sicherheit. CO₂ ist schwerer als Atemluft. Tritt es aus, senkt es sich ab, sammelt sich in Senken, Kellern und Tälern und verdrängt den Sauerstoff. Ein Leck kann binnen Minuten eine unsichtbare Wolke erzeugen, die sich bei Windstille kilometerweit ausbreitet – ohne Geruch, ohne Warnung. Menschen und Tiere, die sich in ihr aufhalten, ersticken, ohne dass sie die Gefahr bemerken.
Brancheninterne Modellierungen illustrieren das Ausmaß. Simulierte Havarien bei der Beladung von Schiffen mit flüssigem CO2 zeigen: Die Wolke reicht fünf Kilometer weit. Aufnahmen eines kontrollierten Bruchs einer Kohlendioxidleitung dokumentieren die Gewalt einer solchen Freisetzung: die Vereisung der Umgebungsluft, die großräumige Ausbreitung des Gases. In einer Sachverständigenanhörung des Umweltausschusses des Europäischen Parlaments im Januar 2026 wurde deshalb die Empfehlung ausgesprochen, Kohlendioxidleitungen nicht in der Nähe von Siedlungen zu errichten.
Die Wirklichkeit bestätigt die Modellrechnungen. In Deutschland wurden 2008 in Mönchengladbach mehr als hundert Menschen verletzt, als CO2 aus einer defekten Löschanlage austrat. In den USA sind in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche Havarien an CO2-Leitungen dokumentiert. Der schwerste Fall ereignete sich 2020 im Bundesstaat Mississippi: Nach dem Bruch einer Pipeline litten Dutzende Personen an Erstickungsanfällen – obwohl sie sich mehr als einen Kilometer von der Bruchstelle entfernt aufhielten. Autos und Rettungsfahrzeuge blieben liegen, weil ihre Motoren im sauerstoffarmen Luftgemisch nicht mehr liefen.
Eine Technologie ohne Erfahrungsbasis
Ein zweiter Punkt verschärft die Lage. Das Gesetz schreibt vor, dass Kohlendioxidleitungen diskriminierungsfrei errichtet werden. Das klingt nach Fairness, bedeutet aber: Transportiert werden nicht gereinigtes CO2, sondern Abgasgemische mit Verunreinigungen aus Raffinerien, Müllverbrennungsanlagen und Zementwerken. Solche Netze sind weltweit nirgendwo in Betrieb. Die für Sicherheitsstandards zuständige europäische Normungsorganisation CEN hat öffentlich erklärt, dass sie mangels Erfahrung keine ausreichend detaillierten Sicherheitsanforderungen für solche Leitungen bereitstellen kann. In einem offenen Brief warnt die Organisation vor unvorhersehbaren chemischen Reaktionen, vor unbeherrschbarer Korrosion von bis zu zehn Millimetern pro Jahr und vor Rissbildung in den Rohren.
Hinzu kommt der Kostendruck. Hochwertiger Stahl oder aufwändige Reinigung des abgeschiedenen Gases würde CCS deutlich verteuern. Leckagen an einer unterirdischen CO2-Deponie im US-Bundesstaat Illinois, die 2024 nur durch behördliche Überprüfungen bekannt wurden und zu einem Moratorium führten, haben die Korrosionsproblematik erneut in den Fokus gerückt. Es wäre naiv anzunehmen, dass die beteiligten Unternehmen freiwillig die teure Variante wählen, solange die Gesetzgebung sie nicht dazu verpflichtet. Wirksame Sicherheitsauflagen und Haftungsregeln sind daher keine bürokratische Formalie, sondern essentieller Bevölkerungsschutz.
Was in NRW auf dem Spiel steht
Konkret wird das am Delta-Rhein-Korridor, den Open Grid Europe plant: eine rund 200 Kilometer lange Leitung von Gelsenkirchen und Köln über Duisburg nach Venlo und weiter unter die niederländische Nordsee, mitten durch das dicht besiedelte Ruhrgebiet. Mehr als 20 Kreise und kreisfreie Städte liegen im Untersuchungsraum. Der Bau wird mit unvermeidbaren Restemissionen begründet, etwa aus der Zementindustrie. Doch die Leitung beginnt an Raffinerie- und Chemiestandorten – dort, wo CO₂ aus der Nutzung fossiler Rohstoffe entsteht und durch erneuerbare Energien, Elektrifizierung und Kreislaufwirtschaft vermeidbar wäre. Auch sonst sind praktisch alle Emissionen letztlich vermeidbar, und falls nicht, binden Moore und Wälder sie wirksamer.
Für die Anwohner ist die Sache erst recht unausgewogen. Über dem Rohr liegt ein zehn Meter breiter, im Grundbuch gesicherter Schutzstreifen mit Bauverbot. In der Bauphase kommen rund 40 Meter Arbeitsstreifen hinzu, und das neue Gesetz hat die Enteignung erleichtert. Unter Druck von 200 bar fließt ein Gasgemisch, dessen korrosive Wirkung auf die Rohre ungewiss ist. Die Risiken und Flächenverluste bleiben vor Ort, der Nutzen bei jenen Unternehmen, die für große Teile der Emissionen des Landes verantwortlich sind. Bemerkenswert ist auch, dass das Vorhaben der nordrhein-westfälischen Carbon-Management-Strategie widerspricht, die CCS wie der Weltklimarat IPCC ausdrücklich als letzte ergänzende Maßnahme einstuft und für Kraftwerke sogar vom Anschluss an ein CO2-Netz abrät.
Die Trassenplanung zerschneidet zudem genau jene Flächen, die für einen nachhaltigen Klimaschutz unverzichtbar sind: Wälder, Auen, Bruchwälder und Moore, deren Wiedervernässung CO₂ dauerhaft bindet. Nach dem Klimaschutzgesetz haben natürliche Senken Vorrang vor technischen. Sie für Rohrleitungen zu opfern, ist nicht nur ein Naturschutzproblem, sondern eine faktische Umkehrung der gesetzlich festgelegten Prioritäten.
Was zu tun wäre
Nötig wäre ein Verbot von CCS. Restemissionen können in Mooren und Wäldern gebunden werden Jedenfalls dürfen Kohlendioxidleitungen nur gebaut werden, wenn sie wirklich sicher sind. Dafür reicht es nicht, bestehende Regeln für Erdgas zu übernehmen. Notwendig ist erstens die Aufnahme von CO₂ in die Stoffliste der Störfallverordnung, damit Leitungen und Transportanlagen den gleichen störfallrechtlichen Anforderungen unterliegen wie andere Anlagen mit vergleichbarem Gefährdungspotenzial.
Zweitens brauchen Unfälle eindeutige Haftungsregeln, die die Verursacher treffen, nicht die Kommunen. Drittens müssen Bevölkerung, Rettungskräfte und Genehmigungsbehörden systematisch über Gefahren und Folgekosten informiert werden – die meisten Städte und Kreise wissen bislang nicht, was auf sie zukommt. Viertens sollte der technische Standard nicht bei den allgemein anerkannten Regeln der Technik bleiben, sondern angesichts der fehlenden Erfahrungslage auf den Stand der Wissenschaft und Technik angehoben werden.
Prof. Dr. Dr. Felix Ekardt leitet die Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik an der Universität Leipzig. Er ist außerdem BUND Landesvorsitzender Sachsen und Wissenschaftlicher Beirat Recht. Simone von Kampen ist Politische Geschäftsführerin des BUND Landesverband Nordrhein-Westfalen.
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