Carbon Capture and Storage : Carbon Management braucht eine Strategie mit Fokus auf den Emittenten
Die Debatte über den CO2-Transport sollte aus Sicht der Carbon Management Allianz nicht auf Pipelines verengt werden. Die Vorstandsvorsitzende Alexandra Decker wirbt für einen multimodalen Ansatz mit Leitungen, Zügen und Schiffen. Für deren langfristige Koexistenz brauche es koordinierte Planung, verbindliche Zeitpläne sowie Förder- und Absicherungsinstrumente.
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In der aktuellen Diskussion rund um Carbon Management nehmen wir eine deutliche Schieflage zu dem wahr, was notwendig ist. Ein Unternehmen baut keine CO2-Abscheideanlage, weil für 2045 eine Pipeline in Aussicht steht. Sie wird gebaut, um unter klimapolitischen Vorgaben wettbewerbsfähig zu bleiben und die wirtschaftlichen Rahmbedingungen und politischen Weichenstellungen für Transport und Speicherung verlässlich gesetzt sind.
Eine Carbon Management Strategie muss deshalb dort ansetzen, wo die Entscheidung zur Dekarbonisierung fällt: bei den emittierenden Unternehmen. Staatliche Unterstützung muss gerade im Hochlauf Risiken abfedern und Investitionen ermöglichen. Leistungsfähige Transport- und Speicheranbieter sind dabei unverzichtbare Partner. Ihre Geschäftsmodelle dürfen jedoch nicht die generelle Debatte zum Hochlauf von Carbon Management in Deutschland dominieren.
Multimodale Transportlösungen sind keine nachrangigen Optionen
In Industrieclustern mit hohen, kontinuierlichen CO2-Mengen werden Pipelines vielfach die wirtschaftlichste Lösung sein. Dezentrale Zement- und Kalkwerke sowie Anlagen zur thermischen Abfallbehandlung benötigen jedoch ebenfalls Zugang zu Transport und Speicherung, auch wenn eine Leitung dort erst spät oder wirtschaftlich gar nicht infrage kommt. Ihre Wettbewerbsfähigkeit darf deshalb nicht von einem bundesweiten Pipelinenetz abhängen. Vielmehr muss die Infrastruktur so geplant werden, dass sich Umwelt- und Klimaschutzauflagen mit dem Erhalt regionaler Wertschöpfung in Einklang bringen lassen.
Gerade für diese Standorte kann die Schiene eine zentrale Rolle übernehmen. Sie ist kurzfristig verfügbar, nutzt bestehende Verkehrswege und kann vielfach an vorhandene Gleisanschlüsse anknüpfen. Über Umschlagpunkte, Exportterminals und Schiffe lässt sich der Transport zu geeigneten Speicherstätten organisieren. Dafür müssen Kesselwagen, Verladeanlagen sowie Terminal- und Transportkapazitäten rechtzeitig aufgebaut werden. Die von der Prognos AG im Auftrag der Carbon Management Allianz erstellte Studie „Aufbau und Finanzierung der CO2-Infrastruktur in Deutschland“ zeigt, dass ein solcher multimodaler Ansatz insbesondere in der Hochlaufphase entscheidend ist. Der Zugtransport kann fehlende Pipelineverbindungen überbrücken, dezentrale Emittenten anbinden und den Markteintritt erster Projekte ermöglichen.
Daraus folgt jedoch nicht, dass die Schiene lediglich eine Übergangslösung ist. Auch schienenbasierte Transportketten beruhen auf langfristigen Verträgen und erheblichen Investitionen. Ein späterer Pipelineanschluss kann deshalb bestehende vertragliche Bindungen und logistische Strukturen nicht ohne Weiteres ersetzen. Die Studie geht entsprechend von einer langfristigen Koexistenz beider Transportwege aus: Pipelines können in großen Industrieclustern zum Rückgrat des Systems werden, während die Schiene für Standorte ohne absehbaren Pipelineanschluss dauerhaft relevant bleibt. Für diese Standorte kann sie auch langfristig die wirtschaftlich sinnvollere Option sein.
Auch Onshore-Speicherpotenziale in Deutschland müssen frühzeitig in die Planung einbezogen werden. Ihre Nutzung könnte perspektivisch Transportwege verkürzen und den Bedarf an überregionalen Leitungen verändern. Wegen der langen Erkundungs- und Erschließungszeiten bieten sie jedoch keine kurzfristige Lösung für die ersten Projekte. Gerade deshalb müssen sie bei langfristigen Infrastrukturentscheidungen berücksichtigt werden, ohne den notwendigen Hochlauf der CO2-Transporte zu verzögern.
Planungssicherheit für die gesamte CO2-Wertschöpfungskette
Aus diesen unterschiedlichen Standortbedingungen und Transportoptionen folgt, dass von Beginn an eine koordinierte Planung braucht, die realistische Ausbauzeiten, vertragliche Bindungen und den Bedarf der Industriestandorte zusammenführt. Abscheidung, Transport und Speicherung müssen rechtzeitig und zu tragfähigen Kosten ineinandergreifen. Dafür fordert die Carbon Management Allianz verbindliche Zeitpläne sowie Förder- und Absicherungsinstrumente, die Risiken für die Emittenten in der Startphase begrenzen und die unterschiedliche Transportwege gleichberechtigt berücksichtigen.
Die gerade abgeschlossene Gebotsrunde für CO2-Differenzverträge, in der Carbon-Management-Anwendungen erstmals förderfähig sind, ist ein wichtiger erster Schritt. Sie muss nun verstetigt und so weiterentwickelt werden, dass die tatsächlichen Bedarfe der betroffenen Industrien berücksichtigt werden. CO2-Differenzverträge können Investitionen in Abscheideanlagen absichern, ersetzen aber keine verlässliche Transport- und Speicherinfrastruktur. Entscheidend ist deshalb, die Wirtschaftlichkeit der gesamten CO2-Wertschöpfungskette in den Blick zu nehmen und die Schnittstellen zwischen Abscheidung, Transport und Speicherung abzusichern.
Maßstab der Infrastrukturpolitik darf deshalb nicht der Business Case einzelner Pipelinebetreiber sein, sondern eine verlässlich funktionierende CO2-Wertschöpfungskette für die Industrie. Erfolg bemisst sich nicht an geplanten Leitungskilometern, sondern daran, ob Emittenten ihre CO2-Emissionen tatsächlich reduzieren und industrielle Wertschöpfung in Deutschland sichern können.
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